Alltagsspuren: Goldener Herbstanfang

Verrückte Woche.

Der Montag feierte die Deutsche Einheit – aber irgendwie leidenschaftslos.

Wetter und Woche insgesamt wechselhaft – und angesichts der Nachrichtenlage passt der heutige einseitig strahlende Sonnenschein irgendwie nicht ganz…

Relativ aufdringlich hat die erste Oktoberwoche klar gemacht, wo die Horizontgrenzen liegen. Selbst bei eifriger Ausblendung der größeren aktuellen Idiotien auf anderen Kontinenten (“Asiatische Winterspiele 2029 finden in Saudi-Arabien statt” – “Frauen im Iran? Unterwerft euch!” – “Frauen im Fußball – Völlig überraschender Missbrauch” – “Kinder langfristig schädigen durch Hunger und Pandemie“) bleibt genug im halbwegs überschaubaren engeren Sichtbereich übrig.

  • In der eigenen Stadt argumentiert eine Nachbarschaft nicht überzeugend, aber einschüchternd laut genug, um den Wohnungsbau für Frauen mit Kindern zu verhindern. Der Neubau von Wohnungen auf einem Grundstück in der “zweiten Reihe” statt des Flachbaus mit Riesengarage, der da nun weiterhin ungenutzt vor sich hin gammelt, wird als so unangemessen empfunden, dass der mögliche Investor mit seiner weiter entwickelten Idee, dem Frauenforum Unna  zu helfen, den betroffenen Frauen zu helfen, die Stadt verlassen muss.
              • Das wird dann unterhaltsam, wenn den Menschen in der Stadt  langsam klar wird, dass es eine weitere Lückenschließung bei der Wohnbebauung in Selm geben muss – sonst wird das nichts mit dem Wohnraum für alle. Das lässt “vertraute” Gebäude verschwinden (so an der Ludgeristraße 10 und 12),  lässt bislang unbebaute Grünflachen verschwinden (so hinter der Ludgeristraße 113), wird ehemals grüne Garten-Hinterhöfe (neu) in den Blick nehmen lassen (Breite Straße hinter den Häusern 66 bis 90), …

 

  • Den Nachrichten ist zu entnehmen, dass die EU sich darauf einrichtet, 15.000 Soldaten der Ukraine auszubilden – innerhalb der Jahre 2023 und 2024. Die EU hat neue Sanktionen ab Januar 2023 vereinbart, die sich gegen Russland richten und ihre Wirkung erst spät in 2023 entfalten. Waffen für die Ukraine werden bestellt – mit Lieferzielen in 2024 und folgenden Jahren. Währenddessen sind bereits mehr als eine Millionen Menschen aus der Ukraine nach Deutschland geflohen – innerhalb von NRW gehen inzwischen über 36.000 ukrainische Schüler:innen zur Schule.
              • Deutliche Zeichen: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wird dauern, mindestens weit in das kommende Jahr hinein – zumindest richtet sich “Europa” darauf ein. Das wird sich auch immer stärker in Deutschland bemerkbar machen. Für Selm auch: Flüchtlinge aus der Ukraine werden hier neue temporäre Heimat finden – aktuell müssen etwa 350 ukrainische Geflüchtete von der Stadt aufgenommen werden. Durch die Landeseinrichtung ist mit den bisher 200 aufgenommenen Geflüchteten diese Quote aktuell rechnerisch übererfüllt.

 

  • Fast ganz unter dem Radar läuft die Zunahme der Corona-Infektionen im beginnenden Herbst bei einer sich zunehmend verfestigenden Dunkelziffer. Inzwischen verzichten viele auf “offizielle” Testungen – und nur diese gehen in die Statistik ein.

 

  • Und die Unsicherheit nimmt zu: Mit zwei durchschnittenen Kabeln haben Saboteure am Samstagmorgen sehr schmerzhaft deutlich gemacht, wie verwundbar Infrastrukturen sind, die uns alltäglich selbstverständlich sind. Das Ausblenden von Gefährlichkeiten macht das Leben deutlich gefährlich und anstrengend. Wer im Katastrophenschutz oder Bevölkerungsschutz tätig ist, sieht die Probleme manchmal in unerwarteter Härte – ähnlich wie im Gesundheitssystem.
Erstes Mittel also: Horizonte erweitern. Genauer hinsehen und weniger auf sich sehen. Langen Atem entwickeln. Sehr langen Atem. Und dabei kuschelig vertraute Gewissheiten überwinden. 

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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