Selmer Alltagsspuren: 2022

Da isses nun, das angeblich so neue Jahr 2022. Und schon sind zwei Tage in dieser üblichen Dämmerstimmung um den Jahreswechsel halbwegs verdaut. 11 Grad und bewölkte Lustlosigkeit am ersten Sonntag dieses Jahres. Und als lese das Wetter mit, setzen sich die leicht schrägen Striche am Wolkensymbol meiner Wetterstation in größere Tropfen um, die böig an mein Fenster klopfen.

Was mir am neuen Jahr als erstes gefallen hat? Nun, die Frage, wo man denn an den Feiertagen Brötchen bekomme, scheint im Selmer Facebook endgültig geklärt, die Debatte um das Böllern, die sonst gerne zwischen dem 28.12. und dem späten 1. Januar geführt wird, scheint ersatzlos gestrichen, es gab viele Gute Wünsche zum neuen Jahr und keine einzige Anfrage, warum denn der DRK-Krankenwagen oder die Feuerwehr so einen enormen Lärm machen …

Also zumindest war das so in den Gruppen, die ich auf FB verfolgen kann. Hat sich aber eventuell auch woanders abgespielt, manche Gruppen lassen nur raus, nicht rein, andere Debatten laufen eher auf Telegram (auf dem immer mehr Menschen als Neuzugänge aufploppen, seitdem es schärfer kritisiert wird …).

Böller-Müll

Richtig schön auch die Erinnerung, dass Kinder jetzt seit 100 Jahren ab 14 Jahren über ihre Religionszugehörigkeit frei entscheiden können dürfen sollen. Klappt ja nicht immer, auch wenn die Zugehörigkeit zu Kirchen, Moscheegemeinden und anderen religiösen Gemeinschaften eher bröselt. Was nicht nur daran liegt, dass auch und gerade im letzten Jahr die unerträglichen Missbrauchsgeschichten in den Kirchen (und im Sport und in den Familien und …) immer noch weiter gehen und immer noch gerne wegerklärt oder ignoriert werden. Es bleibt auch immer noch eine enge Verbindung von Staat und Kirche und Weltanschauungen, zum Beispiel in der Schule, die der Rolle dieser Gemeinschaften in der Gesellschaft nicht mehr wirklich entspricht.

Kompass zur Orientierung
In welche Richtung bin ich unterwegs? Orientierung suche ich immer… Kirchen gaben sie lange Zeit – wer oder was tritt an ihre Stelle?

Wie knifflig die Abgrenzung zwischen dem, was war, dem, was sein wird, und dem, was sein sollte, sich darstellt, wird faszinierend klar in der Frage der Atomkraftnutzung: Kurz vor Jahresschluss versendet die EU-Kommission ihren Vorschlag, Atomenergie als “nachhaltige” Energieform zu labeln – und so förderfähig zu machen im Übergang zur CO2-Neutralität auf EU-Ebene bis 2050.

Klar, CO2 ließe sich so einsparen – aber die offene Frage der Entsorgung des Atommülls ist und bleibt nachhaltig ungelöst. In Deutschland läuft die Suche nach einem Endlager für den vorhandenen Müll und den, der noch kommt, bis 2031.

Immerhin wurden zu Silvester 2021, also zehn Jahre zuvor, drei der verbleibenden 6 AKW abgeschaltet – die anderen drei folgen bis zum Ende des Jahres. Der Rückbau dauert dann gerne noch 20 weitere Jahre.

Direkt mit dem Jahresbeginn starten also grundlegende Debatten neu – Menschenrechte, Kinderrrechte, Umweltfragen, Klimafragen, …

Und darunter liegt eine elende und schleichend ausufernde Missachtung demokratischer Verhältnisse und fairer Lebensverhältnisse – in Russland, Indien, China, den USA, in Teilen der Europäischen Union, in Teilen unserer eigenen Republik, in Teilen der eigenen Lebenswelt.

Viele Arbeit also zwischen Silvester und Weihnachten – wenige Vorsätze, eigentlich nur einer: konsequentes Handeln.

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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