Selmer Alltagsspuren: Da liegt ein Keks auf dem Tisch

Da liegt ein Keks auf dem Tisch. Zwei Mal angebissen ist er. Was liegt der da?
Mit Schwarzbier in der Weihnachtsbäckerei, ein Versuch.

Es war einmal an einem kalten Novembertag

Wir waren spazieren, hoch im Norden, plattes Land. Es war November, ein trüber Nachmittag. Noch bevor der Tag so recht hell werden wollte, dämmerte bereits der Abend. Wenige hundert Menschen mochten hier wohnen, ein Dorf drei Kilometer von der Landstraße entfernt. Die Dorfstraße führte uns schnurgerade zu einem prächtigen Anwesen. Wenigstens das erstrahlte in frischem, royalem Ocker. Eine hoher Turm throhnte über dem Dach, ein dunkelgrüner Zaun umgab das Gelände. Das alte Gutshaus wurde vor mehreren Jahren zu einem Landhotel mit Gestüt ausgebaut, aus Nebengebäuden entstanden schmucke Ferienwohnungen.

Bevor wir unseren Spaziergang um die Pferdekoppeln fortsetzten, fiel mein Blick auf eine Speisekarte. In einem weiteren Nebengebäude, vielleicht den ehemeligen Stallungen, befand sich ein Restaurant. Die Fassade ebenfalls ockerfarben mit Fachwerkelementen, auf dem Dach ein kleineres Türmchen. Der Weg aus eingefassten, hellen Steinplatten, von kleinen Laternen einladend beleuchtet, verriet schon die Preisklasse.

Ein schmackhaftes Angebot

Edle Vorspeisekreationen, fantasievolle Zwischenmahlzeiten, Hauptspeisen vom Wild, edlem Rind und Fisch,  französisch die Namensgebung. Doch da: Als besonderes Gericht zur kalten Jahreszeit stand Grünkohl mit Schwarzbierlebkuchen unter den ganzen noblen Speisen. Hatten mich die exotischen Namen, die feine Gaumenfreuden versprechen wollten, noch kühl gelassen, der Grühnkohl weckte sogleich meinen Appetit. Das war wie ein Stück Heimaterde auf exotischem Terrain, wie die Münsterländer Landkate in der Provence oder ein Kartoffelfeld am Mittelmeer. Oder eben wie der duftende Kohl zwischen Thymian und Rosmarin. Aber Schwarzbierlebkuchen! Was mag das bloß sein?

Nein, wir blieben nicht zum Essen. Bis zur Öffnung der feinen Stube war es noch einige Zeit hin und wir hatten schon die halbe Pferdekoppel umrundet, auf Waldwegen an einem feucht-kalten Nachmittag. In Outdoorklamotten. Nein, lieber heim und nach der Dusche die Butterschnitte.

Schwarzbier mit Lebkuchen?

Von nun an arbeitete es jedoch in mir. Schwarzbierlebkuchen. Schwarzbier-Lebkuchen. Lebkuchen mit Schwarzbier. Es gibt Weihnachtsgebäck, das ich mehr schätze als Lebkuchen. Der ist mir häufig zu weich und zu zimtig. Schwarzbier aber, das passt ganz wunderbar zu Grünkohl. Kann es vielleicht die Brücke schlagen von der deftigen Speise zu dem süßen Element? Wie mag das gehen? Wie wird das schmecken?

Außer als typische Wintermahlzeit, empfinde ich Grünkohl immer auch als ein festliches Essen. So reifte der Entschluss: An Weihnachten gibt es Grünkohl mit Schwarzbierlebkuchen. Wenn die Schwiegereltern kommen. Woll’n doch mal sehen!

Ein Rezept war schnell gefunden: geriebene Haselnüsse, geriebene Mandeln, Gewürze, Orangenaroma, Zitronenaroma, Eier und eben Schwarzbier. Klasse! Aber vor den Feiertagen müsste ich es ganz sicher mal zur Probe backen. Mit Grünkohl natürlich.

Es ist angerichtet …

Leichtisinnig wie ich war, berichtete ich in unserem Redaktionschat von meine Plänen. So ergab es sich, dass unsere letzte Redaktionssitzung 2021 zu einem Testessen wurde. (Danke, Ihr seid mutig und tapfer, liebe Koleg/innen.

– Und wie war’s?

– Was soll ich sagen?

Der Grünkohl war ratzeputz verspeist, von den so erwartungsfroh gebackenen Lebkuchen blieben viele liegen. Ja auch meiner, das war der mit den zwei angeknabberten Ecken. Was lief denn da so falsch?

Vermutlich habe ich meine Backkünste deutlich überschätzt, ich backe nämlich eher selten, und weiterhin sind vermutlich Lebkuchen auch schon die hohe Schule der Weihnachtsbäckerei. Ich wollte in der Konditorskunst wohl von Null ins dritte Lehrjahr einsteigen. Der Teig, so wie ich ihn nach Rezept bereitet hatte, kam mir am nächsten Tag sehr klebrig vor, geradezu klitschig. Also habe ich ihn mit Mehl gestreckt. Das hatte wohl die Folge, dass die Küchlein zu hart wurden, nicht mal die mühevoll blanchierten Mandeln wollten drauf pappen bleiben. Nach Schwarzbier schmeckten sie auch nicht wirklich, nur waren sie nicht so süß wie die gekauften Sorten.

Versuch macht klug: Wage ich es ein zweites Mal?

Und nun? Die Schwiegereltern wissen noch nichts von ihrem Glück. Meine Frau konnte ich überreden, einmal vor dem Besuch mit mir zu üben, sollte das Ergebnis vielversprechend sein, dann wage ich es ein weiteres Mal. Vorher versichere ich mich aber, welche Pizzeria am zweiten Feiertag ausliefert.

… und vielleicht buche ich doch mal einen Tisch in dem Restaurant neben dem Gutshof mit Gestüt in dem Dorf am Ende der Straße.

 

Zum Nachkochen/backen:

Grünkohl klassisch oder vegan

  • 400 Gramm frischen Grünkohl kochen und grob pürieren
  • 2 Ziebeln und Räuchertofu anbraten und hineingeben (oder Mettwürste anstelle des Tofu)
  • zwei Birnen schälen, in Viertel schneiden und hineingeben
  • 50 Gramm Walnusskerne hineingeben
  • 1 Löffel pflanzliches Zwiebelschmalz hineingeben (oder klassisches Schmalz)
  • salzen
  • alles zusammen zum Kochen bringen und mehrere Stunden ziehen lassen
  • mit Kartoffelklößen oder Salzkartofeln servieren

Schwarzbierlebkuchen

Zutaten:

  • 200 Gramm gemahlene Mandeln
  • 200 Gramm gemahlene Haselnüsse
  • 100 Gramm Zitronat
  • 100 Gramm Orangeat
  • 200 Gramm Zucker
  • 5 Eier
  • 15 Gramm Lebkuchengewürz
  • Zitronenaroma
  • 1 Flasche Schwarzbier
  • Lebkuchenoblaten
  • blanchierte Mandeln (ganze Mandeln kurz in kochendes Wasser legen, mit kaltem Wasser abschrecken und die Haut abziehen)
  • Puderzucker

Zubereitung:
Eier schaumig rühren und mit den anderen Zutaten zusammen mit der Hand verrühren, über Nacht kalt stellen.
Küchlein formen, jeweils auf eine Oblate legen und mit den blanchierten Mandeln verzieren.
Bei 175 °C ca. 25 Minuten backen. Nach dem Abkühlen mit einer Glasur aus Schwarzbier und Puderzucker bestreichen.

Achtung: Für das Gelingen übernehme ich keine Verantwortung. Mein erster Versuch nach diesem Rezept hat schließlich nicht funktioniert. Aber viel Glück!

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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