Selmer Alltagsspuren – Penetrante Portraitparade

Vorab: Parteien sind wichtig, sie sind die demokratischen Instanzen, die im Auftrag der Verfassung zur Meinungsbildung beitragen. Und das sollen sie bitte auch tun! Ich habe großen Respekt vor (fast) allen, die sich aus Überzeugung politisch engagieren, als Kandidat/in für Ämter und Mandate oder als Aktive in Ortsgruppen, Kreisverbänden und Arbeitsgruppen. Ohne diese Menschen kann unsere Demokratie und unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Doch wie halte ich es mit Wahlplakaten?

Ich habe mich doch längst entschieden!

Früh in meinem Leben habe ich mir den Luxus gegönnt, ein Entscheidung zu treffen, die ich bisher seit meinem 18. Geburtstag nicht mehr revidieren musste. Nämlich, welcher Partei meine Stimme gehören soll. Ich habe da drei bis vier Themen, die mir wichtig sind, die sehe ich bei dieser einen Partei bestens vertreten. Das hat immer gepasst, egal mit welchem Spitzenpersonal die Partei zu den Wahlen antrat, bei denen ich bisher abstimmen durfte.

Das hat für mich einen riesigen Vorteil: ich muss mich an dem langen Entscheidungsfindungsprozess nicht beteiligen, der sich in den Wochen vor Wahlen abspielt. Ich muss nicht auf jeden klitzkleinen Fehler der Kandidatinnen und Kandidaten lauern und sagen, ha! das wars aber, die oder der ist aber jetzt mal völlig unwählbar. Nur … wen wähle ich stattdessen?

Nein, ich wähle eine Partei, in erster Linie also ein Programm. Den Kandidatinnen und Kandidaten stehe ich die gleiche Menschlichkeit zu, wie mir: ich mache Fehler, dürfen die also auch! Hauptsache das Wahlporgramm stimmt. Das überprüfe ich tatsächlich auch hin und wieder, indem ich Wahlprogramme studiere und den Wahl-o-Mat teste. Und siehe da: 92 % für meine Partei, super, reicht doch völlig aus!

Ein Kopf, ein Spruch …

Dieses Verfahren gibt mir, so finde ich, in diesen Wochen das Recht, mich über die mit Portraitbildern vollgepflasterten Innenstädte aufzuregen. Ein Kopf, ein Spruch, mal platt, mal mit Humor, aber an jeder, jeder, jeder, jeder, jeder Straßenlaterne. Manchmal sogar drei Stück*!

Was soll das? Nur weil ich sieben Laschets und nur fünf Scholze zwischen Münsterlandstraße und Kreisstraße sehe, wähle ich doch nicht plötzlich die CDU (mal als naheliegendes Beispiel). Und weder Kandidat/in, noch Partei sind mir auch nur ein kleines Stück sympathischer, weil sie/er drei Mal häufiger an der Laterne zu sehen ist. Im Gegenteil! Wer häufiger dort zu sehen ist, ist mir eher unsympathsicher, denn er/sie versperrt mir die Sicht auf eine schöne Fassade, den Himmel oder einen Strauch.

Mal ehrlich: wen überzeugt ein Plakat?

Es ist für mich tatsächlich schwer begreifbar, weshalb Parteien heutzutage noch Plakate aufhängen, ganz ehrlich. Welche Wählerin, welcher Wähler ändert seine Präferenz, nur weil ein Plakat an der Straße hängt? Bei einem, zwei oder drei Plakaten könnte ich es noch begreifen, aber nicht bei 67! Hier sehe ich den Aufwand, die Kosten und die entstehenden Umweltbelastungen bei der anschließenden Entsorgung in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Gut, vielleicht, wenn meine Partei VOLT, die Humanisten oder V hoch 3 heißt. Dann ja, Denn dann kennt ja niemand meine Partei und ich erscheine nicht täglich in der Zeitung, im Radio und im TV. Und es folgen noch nicht alle, die mich potentiell wählen würden meinen Sozialen Kanälen. Aber dann bitte doch in Maßen und nicht in Massen! Doch gerade diese Parteien sind an der Selmer Plakatemeile nicht vertreten. Schade.

So macht es der Nachbar

In den Niederlanden habe ich vor einer Wahl einmal gemeinsame Plakatflächen für alle Parteien gesehen. An drei bis vier zenralen Orten pro Gemeinde, da dürfen dann alle Parteien jeweils ein Plakat aufhängen. Super! Ich als Wähler weiß dann: die da (sagen sie) wollen soziale Gerechtigkeit, die dass alles so bleibt wie bisher, die auch, formulieren es aber etwas anders, die wollen alles schön umweltfreundlich machen, die behaupten rechts-außen sei das neue Normal, und die wollen mich für blöd verkaufen. Das reicht doch. Das muss ich nicht wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder lesen. Beziehungsweise nicht lesen, denn irgendwann blende ich es aktiv aus, um nicht im Dauerwahlstress zu sein. Doch auch das kosten Kraft, die ich gern für etwas anderes verwenden würde.

Ich finde Wahlen wichtig und gut. Und ich verstehe auch, dass Aktive in den Ortsgruppen das Gefühl haben wollen, alles für ihre Kandidierenden getan zu haben. Und ich finde es gut, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich über Politik zu informieren, auch über die Kandidatinnen und Kandidaten. Doch traue ich Menschen zu, sich eine Meinung zu bilden, ohne penetrant wiederholte Begegnungen mit Portraits und den reduziertesten Slogans.

Und wer als einziges Kriterium für seine Wahlentscheidung heranzieht, welches Plakat ihm/ihr besser gefällt, sollte die/der nicht vielleicht auf eine Stimmabgabe verzichten?

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* nicht in Selm, doch anderswo fuhr ich durch längere Straßenabschnitte, in denen pro Laterne die gleichen drei-vier Portraits hingen, nicht schön, nicht schön!

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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