Selmer Alltagsspuren: Schwindende Straßenkunst

Wahltag: Ende der Pop-Up-Straßenkunst 2022

Wieder einmal. Wieder einmal endet eine Kunstsaison der eigenen Art.

Streng reglementiert, in Selm auf sechs Wochen vor einer Wahl (und gutwilligen 10 bis 14 Tagen nach einer Wahl) befristet, findet eine erneute Saison der “Pop-Up-Straßenkunst” als “Wählmich 2022!” mit dem kommenden Wahltag ein Ende.

Der Ausstellungsraum klar definiert über Listen von Straßen, die Ausstellungsflächen begrenzt, niemand soll die Orientierung im Verkehr verlieren (“Nicht an Masten mit Verkehrszeichen!“), niemand sich die Nase rammen an einer temporär platzierten Botschaft auf Karton oder Recyclekunststoff (“Oberhalb der Köpfe aufhängen, so ab 2,20 Meter Unterkante wäre das Ziel!“) und natürlich:

Nicht an die Bäume! Die sind teils neu hier und haben ansonsten genug eigene Probleme!

Hervorragende Leistungen in diesem Jahr:

Die “Tierschutzpartei” – dezidiert wenig Plakate an passend ausgewählten Stellen, jeweils in korrekter und sturmfester Anbringung.

Deren Bild-Ton-Kunstwerk keilt zwar vor allem jene anderen nicht genannten Parteien aus – erwähnt aber immerhin auch den Tierschutz, das eigentliche Kernthema. Sie ist 2017 nicht am Projekt beteiligt gewesen, hat allerdings im letzten Jahr zur Ausstellung “Bundestagswahl 2021” eine Zustimmung bei 1,4 % der Wähler:innen in NRW gefunden.

Politkunstkritiker sehen sie als linksliberal, ökologisch und pazifistisch ausgerichtet, als Interessenspartei ohne explizite Ideologie. Die Mehrzahl der Mitglieder lebt vegetarisch oder vegan, eine zentrale Forderung ist die Durchsetzung von verfassungsgeschützten Tierrechten auf Leben (der Tiere) und körperliche Unversehrtheit (der Tiere) – was natürlich ein gesetzlich geregeltes Ende des Fleischverzehrs in Deutschland bedeutet.

Wie viele Kleinparteien hat auch diese seit ihrer Gründung immer wieder Schwierigkeiten mit der Abgrenzung zu rechtspopulistischen oder rechtsextremen Personen und Positionen (gehabt).

Effekt der Wahl dieser Partei: Finanzielle Unterstützung im Rahmen der gesetzlichen Regelungen durch den Staat bleibt erhalten, eher radikale Haltung zum Tierschutz bzw. den Tierrechten bleibt im Chor der politischen Stimmen erhalten. Wirkung auf sonstige Politik eher unerkennbar.

... und nun zu etwas gänzlich anderem ...

Die “Familienpartei” – dezidiert das gleiche Plakat an diversen Stellen des Stadtbildes, also genau immer das gleiche Plakat, ohne jede Konkretisierung von Inhalten oder auch nur die Nennung des lokalen Direktkandidaten.

Aber: Konsequent niedrig und gerne auch an den falschen Pfosten befestigt. Sturmerprobt wohl auch nicht, inzwischen haben einige Exemplare das Bodenniveau erreicht.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Partei mit bundesweit  687 Mitgliedern (Stand: 31.12.2019) und sich laut Rechenschaftsbericht 2021 in 2020 auflösenden Landesstrukturen (zum Jahresende gab es anscheinend nur noch in NRW, Schleswig-Holstein und im Saarland Landesverbände) war bei der Ausstellung “Bundestagswahl 2022” nicht vertreten, ihre letzte Präsentation bei der “Landtagswahl 2012” fand Zustimmung bei etwa 0,7 % der Wähler:innen in NRW.

Über die Mitgliederzahlen und Strukturen ist eher wenig bekannt, allerdings konzentrieren sich die Familien in der Familienpartei durchaus familiär, unter den Kandidierenden der Landesliste finden sich schöne Familienstrukturen. Auch die ehrenamtlichen oder lohnentgeltlichen Funktionen sind immer wieder gern familiär besetzt.

Zentrale Forderung ist seit vielen Jahren die Einführung eines “Erziehungsgehaltes” zur Entlohnung familialer Arbeit. Vorschläge zur Finanzierung enthält das Programm allerdings nicht – dessen aktuelle Lektüre macht allerdings deutlich, dass es renovierungsbedürftig ist, da es den Mindestlohn (immer noch) bei 8,84 sieht. Aber dieser Stand von Ende 2018  lässt sich nacharbeiten. Insgesamt erhebt die Partei umfassenden Forderung an die jeweilig von anderen verantwortete Politik.

Und weiter?

Die “großen Vier” haben bei der diesjährigen Performance ihre eigenen Iden und Problemstellungen:

  • Nach der innovativen SchwarzWeißLindnerung der FDP in herber Alltagsrauheit folgen in diesem Jahr eher uninnovative Wortschlangen vor Buntfarben, die eine oder andere Ministerin muss dringend versteckt werden, aber: es gibt Telefonnummern! –> “Von hier aus weiter!”
  • Hier vor Ort scheint die Ministerpräsidentenpartei zu fast allem entschlossen, jenseits der Plakate ist die Ministerin bildhaft, als Person, als Förderbescheidüberreicherin, als Informantin zu Förderprogrammen, als spontane Schirmherrin, als Mittlerin zur Deutschen Bahn, als Anpackerin bei der Sozialen Einrichtungen – ein Einsatz als Vor-Ort-Performance, diesmal ohne jedwede peinliche Anschreiberei von Erst- und Jungwähler:innen. Allerdings wird es auch immer wieder mal still, wenn es um konkrete eigene Erfolge der amtierenden Regierung, die Arbeit ehemaliger Minister:innen oder um die rechtzeitige Planung von Urlauben geht. –> “Machen, worauf es ankommt!”
  • Der rote Mandatsinhaber vertritt seine Sozialdemokratie mit seiner persönlichen Präsenz als lokal und regional verwurzeltes Erfahrungswissen und -gewissen. Stark gegen Rechts, in der direkten Begegnung mit Sport und Vereinswesen, mit den Ideen seiner Partei und begleitet von den Genoss:innen in den drei Kommunen des Wahlbezirks. Die zentral gesteuerte Plakatgestaltung spielt sich in einer anderen, leicht fremd wirkenden Welt ab. Knackiges Rot und kurze Sätze wie bei “Bundestagswahl 2021″ wären eine hübsche Alternative gewesen. Der Sonntag wird zeigen, ob das zusammenläuft. ” —> “Für euch gewinnen wir das Morgen!”
  • Sprachlich brechen die Reimereien der bündnisgrünen Plakate immer irgendwie im Rhythmus ab oder zusammen – das “Bildnis der unbekannten Dame” zieht auch eher nicht. Der Rest imitiert die Insta-Optik, ist aber trotzdem (?) irgendwie textlich spruchbanal. Macht aber nix – hier wird vermutlich Haltung gewählt,  das reicht vermutlich für deutlich mehr Stimme als je zuvor. –>”Von hier an Grün!”

.... und nun?

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.