Selmer Alltagsspuren: von Kaugummi- und anderen Automaten

Eigentlich hatte ich nur auf mein Essen gewartet – und starrte stattdessen auf einen Kaugummiautomaten. Wie nostalgisch! Denn diese kleinen, bunten Geräte hatte ich gänzlich vergessen. Dabei hingen sie in früheren Tagen an vielen Stellen. Als Kind zehn Pfennig hinein geworfen, einmal gedreht, Süßes entnommen.

Nun stand ich als Erwachsener des abends auf der Kreisstraße und wartete vor diesem Imbiss auf mein Essen. In der Zeit vor Corona wäre ich in den Laden gegangen und mit dem Essen wieder hinaus gegangen. Vermutlich wäre mir der Automat niemals mehr aufgefallen, zwischen Regenrohr und dem Tagesangebot. Doch Corona verlangt, dass vor dem Imbiss draußen gewartet werden muss. Und so erblickte ich ihn, neben dem Schaufenster, während ich wartete. Schmutzig, abgenutzt, trotzdem gefüllt mit Kaugummis. Erinnerungen an Früher.

Auf diesem Bild versteckt sich ein Kaugummiautomat

Und mir fiel sofort eine Frage ein, die ich schon als Kind immer dazu hatte: sind die überhaupt noch essbar? Wie lange sind die da schon drin? Damals dachte ich, da schüttet immer von oben regelmäßig jemand neue nach. Mittlerweile weiß ich es besser: niemand schüttet von oben nach. Stattdessen wird immer das gesamte Sortiment einmal herausgenommen und alle drei – vier Monate komplett durch ein neues ersetzt.

Ich werfe doch 20 Cent ein!

Mein Essen dauert immer noch. Ich grüble. Soll ich es einfach nochmal tun? Einmal wie früher Geld einwerfen, drehen und ein Kaugummi nehmen? Ich tue es. 20 Cent in die Hand, vorsichtig eingeführt, und … gedre … Moment. Es geht nicht. Ich versuche es fester, als es eine Kinderhand wohl könnte. Auch nicht mit beiden Händen. Es klemmt. Das 20 Centstück ist weg und kommt auch nicht mehr heraus. Ernüchternd.

Da dreht sich leider nichts mehr

Dafür ist mein Essen fertig geworden, ich nehme es entgegen und der Automat ist aus dem Sinn. Trotzdem frage ich mich am nächsten Tag: wie viele Kinder haben wohl tatsächlich Geld eingeworfen und nichts heraus bekommen? Ich schaue mir den Automaten noch einmal an, probiere es aber kein zweites Mal. Für einen kurzen Moment überlegte ich sogar, den Aufsteller zu kontaktieren, denn Name und Anschrift stehen am Automaten. Nicht wegen der 20 Cent will ich ihn sprechen, sondern allgemein: Wie viele Automaten hat er wohl in Selm und Umgebung? Wie oft fährt er zu dem Automaten? Ich schaue ins Netz, finde ihn aber nicht. Einen klassischen Brief schreiben mag ich ihm dann doch nicht.

Hintergrundwissen zu Automaten

Dafür erfahren ich im Netz mehr über diese Automaten. Zum Beispiel von Heiko Schütz, dem »Kaugummimann« aus Rheinland-Pfalz. Ich erfahre, dass gerne mal ausländische Münzen, ja sogar Reichsmark eingeworfen werden. Oder irgendetwas anderes, wertloses. Das Automaten gerne besprüht werden oder oft von Vandalismus betroffen sind. Und dass auch heute noch laufend Hauswände gesucht werden. Und wer die eigenen vier Wände dafür hergibt, sogar eine kleine Umsatzbeteiligung bekommt. Bei verschiedenen Anbietern gibt es Zubehör und Füllungen zu kaufen, auch für den Sofortverzehr Zuhause – ganz ohne Hauswand. Als Geburtstagsgeschenk oder für eine Party.

Ich erfahre auch, dass gerade Kaugummiautomaten für Kinder eines der ersten Geschäfte sind, bei dem sie erstmals und selbstständig etwas kaufen können und dürfen. Bei dem sie ganz ohne Erwachsene mit Geld etwas tun können. Vom eigenen Taschengeld, eigenverantwortlich (und vielleicht auch mal heimlich). Stimmt.

Es gibt sogar einen Verein, in dem sich die Automatenaufsteller zusammen getan haben, den Bundesverband der Warenautomatenaufsteller e.V.

Automaten für (fast) alles

Überhaupt gibt es mittlerweile nichts, was nicht von Automaten draußen verkauft wird. Gängig und weit verbreitet sind immer noch die Zigarettenautomaten, die in Selm an mehreren Orten stehen.

Vereinzelt gibt es auch Automaten für Fahrradschläuche. Die sind meist blau und stehen in Selm mindestens vor dem Geschäft Knümann (Ludgeristraße) und am Bahnhof Beifang. Ersatzgummis für Fahrräder also, während es ganz andere Gummis – nämlich Präservative und »Seemansbräute« – lange Zeit an einem dunkelblauen Automaten an der Neuen Werner Straße gab.

Fahrradschlauchautomat an der Ludgeristraße

Würstchen, Knabbermörchen, Eier und Eiscafé gibt es neuerdings ja ebenso aus dem Automaten, aus den sogenannten »Hofboxen« in Selm und Bork, über die wir bereits berichteten.

An Bahnhöfen stehen häufig Knabber- und Getränkeautomaten, in Selm, Selm-Beifang und Bork meines Wissens jedoch keine. Nicht einmal mehr Ticketautomaten gibt es am Bahnsteig. Alle Fahrscheine können nur noch im Zug gekauft werden (und natürlich online und anderswo, aber eben nicht mehr am Automaten).

In anderen Städten gibt es Geldautomaten, die direkt draußen an einer Hauswand sind (so etwa in der Dortmunder Innenstadt). In Selm sind die wenigen Geldautomaten der Sparkasse und Volksbank in Gebäuden. Andere Banken haben keine Automaten in der Stadt, weder drinnen noch draußen. Alternativ lässt sich aber mittlerweile auch in vielen Selmer Geschäften Geld beim Einkauf »mit abholen«, etwa bei Lidl, Rewe, Aldi und DM.

In Gelb und am Größten sind dagegen die Automaten, die Pakete herausgeben: Die Packstationen der Post, etwa am Rewe oder an der Ludgeristraße. Wobei hier der Unterschied zu allen anderen Automaten vor allem der ist: Durch Münzeinwurf bekommt hier niemand irgendein beliebiges Paket (wobei das vielleicht auch mal eine Idee wäre). Dafür nehmen sie aber auch Pakete an, d.h. es sind die einzigen Automaten, in die man überhaupt etwas anderes stecken kann (außer Geld und Karten). Letztlich will ich sie aber gar nicht zu den anderen Automaten zählen, weil sie ja eben nur für Kunden der Post sind, die etwas bestellt haben oder versenden wollen.

Noch gelber, vielmehr goldig, sind tatsächlich Goldautomaten. Geld rein, Goldbarren heraus. In Selm gibt es allerdings kein »gold-to-go«, dafür im Großraum Frankfurt etwas häufiger.

Mehr als eine halbe Million Kaugummiautomen gibt es in Deutschland.

Zurück zum Kaugummiautomaten. Ich hielt sie lange Zeit für ein Relikt des Ruhrgebiets. Doch auch hier irrte ich mich. Sie sind seit der Nachriegszeit in ganz Deutschland zu finden (gewesen). Der Verband Automaten-Fachaufsteller (VAFA) schätzt die Anzahl der in Deutschland aufgestellten Automaten auf 500.000 bis 800.000 (Stand 2017), wie hier in einem Artikel der FAZ erwähnt.

Über Automaten in Schleswig-Holstein gibt es eine Reportage:

In den Folgetagen habe ich nach weiteren Kaugummiautomaten in Selm gesucht. Doch ich fand keine. An manchen Stellen sieht es aber so aus, als hinge dort einst ein Automat.

Erinnern Sie sich? Wo gibt es noch Automaten?

Erinnern Sie sich noch? Wo gab – oder gibt es noch andere Kaugummiautomaten in Selm? Oder andere Arten von Automaten?

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