Selmer Alltagsspuren: Zerstörung im Auenpark – Lob der Allmende

Das Licht der Kuppel, bereits zum zweiten Mal, eine Schaukel auf dem Spielplatz, das Toilettenhäuschen, frisch gepflanzte Bäume in der Birkenallee. Die Liste der beschädigten Dinge im Auenpark ist bereits lang, obwohl der Park kaum zwei Jahren offiziell eröffnet ist.

„Weshalb?“, frage ich mich. Wer tut so etwas? Wie gehen diese Menschen mit dem Allgemeingut um, das doch allen nützen sollte und allen zugute kommt? Möchte ich überhaupt mehr über die Beweggründe erfahren, frage ich mich weiter. Frust, wenig Zukunftsperspektive, mal das Gefühl haben wollen, etwas zu bewirken, wenn auch etwas Negatives, destruktive Zerstörungswut? Andere Motive fallen mir auf die Schnelle nicht ein. Ich denke nicht, dass unsere Stadt Selm davon übermäßig betroffen ist oder, dass es ein Phänomen unserer Zeit ist. Auch in meiner Jugend, an anderen Orten, wurde hier und dort etwas zerstört oder verwüstet. Und wir gehen schließlich alle nicht wirklich pfleglich mit Ressourcen um, die der Allgemeinheit gehören.

Der Anger ist für alle da: die Allmende

Im Mittelalter wurde eine Landfläche, die alle gemeinsam nutzen durften, Allmende genannt. Dort durften Tiere weiden, das Sammeln von Früchten oder Brennholz war allen gestattet, Wasser durfte geschöpft und Fische gefischt werden. In vielen Dörfern war es der Dorfanger, der auf diese Weise der Gemeinschaft zur Verfügung stand. Auch gab es Hudewälder oder Dorfteiche, die als Allmende gemeinschaftlich genutzt wurden. Eine unangemessene oder übermäßige Nutzung des Gemeingutes war seiner Produktivität abträglich. Ein kurzzeitiger Vorteil des Schäfers, der seine zu große Herde dort grasen ließ, bedeutete einen ungleich höheren Nachteil für alle anderen und, je nach Ausmaß der Übernutzung, auch für ihn selbst zu einem späteren Zeitpunkt. Die Spieltheorie kennt diese Gefahr als „Tragik der Allmende“: kurzfristigem Nutzen steht ein langfristiger Schaden gegenüber.

Es ist das Prinzip der Nachhaltigkeit, nach der die Idee der Allmende funktionierte, auch wenn es heute ein Modewort geworden ist. Global gesehen trifft diese Nutzen-Kosten-Überlegung auch auf die Weltmeere zu und natürliche Ressourcen, wie Boden, Wasser und Rohstoffe, nicht zuletzt die Regenerationsfähigkeit unseres Planeten insgesamt. Wo eines davon im Übermaß ausgebeutet wird, schadet es langfristig allen. Und selbst der knappe Parkraum wird von Fahrzeugen, die von Jahr zu Jahr breiter und länger werden, übermäßig ausgebeutet. Noch allgemeiner: Platz wird überproportional dem PKW-Verkehr zur Verfügung gestellt, auf Kosten des Radverkehrs und von Gehwegen.

Erholung und Erbauung, eine öffentliche Ressource

Auf dem Dorfanger gibt es heutzutage weniger gemeinsam genutzten Wirtschaftsraum. Dieser ist im Sinne der Marktwirtschaft und des Kapitalismus aufgeteilt. Doch gibt es den sogenannten „Öffentlichen Raum“. Es gibt frei zugängliche Plätze, die von der Allgemeinheit, also durch Steuermittel, finanziert und von dieser auch genutzt werden.

Ein schönes Stück moderner Allmende in Selm ist der Auenpark. Die dortige Ressource: Erholung. Dort gehe ich gern spazieren, Familien mit Kindern nutzen den Spielplatz, Jugendliche sitzen gern an der Kuppeln und hören Musik oder fahren mit dem Fahrrad die Stufen hinab. Hier wurden Steuermittel sehr gut zum Wohle und zum Nutzen vieler eingesetzt. Alle dürfen sich im Park aufhalten und die Zeit dort nach ihrer Fasson genießen. Und das ist auch gut so, möchte man sagen, jedenfalls solange … ja, solange was?

Tragik der Allmende – Dilemma der Freiheit

Solange dadurch der Erholungswert für andere Erholungssuchende nicht eingeschränkt wird. Die „Tragik der Allmende“: die übermäßige Nutzung des Einen schränkt die Nutzungsmöglichkeit aller anderen ein. Hier mischt sich diese Tragödie mit dem zur Zeit ebenfalls höchst aktuellen Dilemma der Freiheit: die Freiheit des einen muss dort enden, wo sie die Freiheit des anderen beschneidet. In geringem Maß findet das statt, wenn Jugendliche an der Kuppel Musik abspielen, die ich auf dem gegenüberliegenden Spazierweg noch höre, die mir aber nicht zusagt. Doch wenn die Musik aus ist, ist die Musik aus.

Eine Zerstörung allerdings bleibt. Und ganz ehrlich: Der Nutzen für diejenigen, die die Zerstörung bewirkt haben, ist für mich nicht nachvollziehbar. Abgesehen von einem kurzen Adrenalinkick. Mich macht es traurig. Nicht, weil ein Licht zerstört wurde, nicht weil ein Baum umgeknickt wurde. Sondern, weil wenige Menschen, die wenig Gemeinsinn haben, den Nutzen der Allmende für alle anderen schmälern.

Auf gleiche Weise betrübt mich die Überfischung der Weltmeere, die Überdüngung von Böden und die Brandrodung von Urwald. Und wenn einer dieser SUVs zwei Parkplätze braucht.

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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