Stadtfestgeraune

Jubiläum! 10 Jahre Stadtfest in Selm!

Tobende, begeisterte Volksmassen, Explosionen von Dankbarkeit, überschwängliche Freude, was das Kaff am Rande des Ruhrgebiets auf der Sollbruchstelle zum Münsterland so auf die Beine stellt… Äh. Oder so ähnlich. Moment mal. Ein Rückblick.

Beim ersten Stadtfest in 2012 ebenfalls ein Jubiläum!

Fünfundreißig Jahre lang ist die Neugeburt der Kommunalreform von 1975 mit Stadtrechten ausgestattet.

Mit den etwas eigenwilligen Jubiläen hat sich für Selm fast eine Tradition gebildet:

Immer ein wenig später als erwartet zu sein. 

Mag daran liegen, dass die Anfänge der Stadt aus drei Stadtteilen jetzt nicht so krass klar sind, was natürlich zum Stadtjubiläum in 2008 (“1150 Jahre Selm”) intensiv diskutiert wurde. Oder auch daran liegen, dass “Selm” gerne mal ein wenig herumgeschoben wird: 1975 aus dem Kreis Lüdinghausen in den Kreis Unna, oder irgendwie aus dem Blick gerät – irgendwo da oben am Rande des Kreises, am Rande der Metropole Ruhr.

Aber der Selmer an sich lässt sich was einfallen: Wenn das denn geht, nimmt man an der REGIONALE2016 für das Münsterland teil, beteiligt sich an der RUHR2010 in der Metropole Ruhr, sieht zu, dass der eigene Bürgermeister zum Landrat für den ganzen Kreis Unna wird.

Und natürlich: Feiert eine Festkultur ganz eigener Art.

Klaut die Idee der “Langen Tafel” von der RUHR2010 und produziert auf der Kreisstraße einen Sonntag familiäres Treiben der Stadtgesellschaft beim 1. Stadtfest.

Feiert ein Stadtfest mit musikalischen Gästen vor dem Bürgerhaus und auf den Straßen des Stadtzentrums Selm, wandert dann bei Gelegenheit auf die neuen Flächen am Campus, ergänzt immer auch neue Bausteine: Das Fest der Vereine und Städtepartner am Sonntag, Familientage des BVB, Feste rund um die REGIONALE2016 werden eingebunden, das ganze immer organisiert von der Stadt und von und mit lokalen Akteuren.

Ein Stadtfest der kleineren Art: Auf dem Platz vor dem Bürgerhaus ist bei gut 1000 Leuten Schluss, auf die Campusfläche passen etwa 4000 Leute – wenn die alle gleichzeitig da sind.

Erste Konsequenz: Es gibt eine sehr, sehr lange Liste von Künstlern, die “für so wenig” Menschen nicht kommen – oder durch “so wenig Menschen” nicht refinanzierbar sind. Andere kommen bei so niedrigen Zahlen “für kein Geld der Welt”, weil die Show dann schlicht nicht funktioniert.

Nachwirkungen des “Wir-machen-das-selbst-Prinzips” ziehen sich dann inzwischen durch alle verfügbaren Stadtteile – “Selm trifft sich” // “Bork lädt ein” // “Cappenberg Live” haben sich mit teils wechselnden Orten und Betreibern, aber immerhin mit 2/3-Mehrheit selmisch organisiert.

Dazu das Frühlingsfest und das Herbstfest der Werbegemeinschaft, das Wein-und-Bierfest, das Stephanusfest – irgendwie wird es immer mehr, aber immer eher kleinteilig… und das ist gut so

Selm – einfach unvergleichbar

In der Coronaphase dann übrigens auch die Rückkehr auf den Platz vor dem Bürgerhaus – in der Nacht auf den 03.10.2021 knapp 1000 Feierlustige in großartiger Stimmung:

Rock-Pop-Schlagerparty 2021 am Bürgerhaus Selm

Lange Rede - kurzer Sinn: Passt schon!

Wenn der Blick in die Nachbarkommunen schweift – da gibt es manches größere Fest, länger und mit “tolleren” Namen. Sogar erstaunlich viel billiger – aber wie das?

Nun, wenn in Waltrop an drei Tagen gut 100.000 Menschen über das Festgelände (also die gesamte Innen-Stadt) strolchen, bleibt genug in der Kasse, auch bei niedrigem Preis, auch bei einer Vielzahl von guten Shows. Sogar den Sponsoren sitzt der Geldbeutel minimal lockerer. Und es sind auch für zahlenmäßig anspruchsvolle Künstler genügend Fans vor Ort.

Oder Lüdinghausen mit dem Klutenseefestival – ein spezialisiertes Angebot mit großen Sponsoren für ein Spektakel an zwei Tagen mit einem massiv anreisenden Fanvolk. Gute Sache – braucht aber eben auch die ideale Location für zwei Tage Elektro Open Air.

Werne wiederum spielt mit dem massiv gesponsorten Straßenfestival in einer anderen Abteilung – nicht nur Musik und Tanz, sondern auch Theater und die berüchtigte Kleinkunst… für “Hutgeld” und mit gut 10.000 erwarteten Gästen im August.

Im Ergebnis:

Die Feierei in Selm ist typisch selmisch. Viel Engagement vor Ort, mit den besten eigenen Mitteln das Beste aus dem machen, was möglich ist. Jedes Jahr entdecken, was nächstes Mal anders sein soll. Und immer ein wenig grummelnd darüber maulen, was diesmal nicht geklappt oder unzumutbar war.

Im schlechtesten Fall: Apfel-Birne-Vergleich anstellen mit irgendeiner anekdotisch so ganz toll einfach anderen, besseren, billigeren Veranstaltung. Was dann immer zuungunsten Selms ausgeht.

Nüchterner Hinweis, nur so als Beispiel:

Wer in Selm zur Miete wohnt und bei den aktuellen Preisen pro Quadratmeter Tobsuchtsanfälle bekommt – der muss dann mal versuchen, in Essen in der Innenstadt im sanierten Mehrfamilienaltbau eine Wohnung zu dem Preis zu bekommen…

Besser also: Den Apfel genießen und weiter Apfelbäume pflanzen…

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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