Abitainment 2026 – Großes Kino!
Abitur und Unterhaltung, das passt auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen. Das Abitainment allerdings ist am Städtischen Gymnasium Selm schon eine lange Tradition, neben dem unterhaltsamen Bühnenprogramm soll es vor allem eins: Geld für die Abifeier einspielen. Der Luxus des Jahrganges 2027: Es gibt in diesem Jahr kein Abitur am SGS, da der älteste Jahrgang der erste ist, der wieder in der 13. Jahrgangsstufe Abitur macht. Die Zeit der Show fiel somit noch nicht in die direkte Abiturvorbereitung.
An drei Abenden sollte es also auf die Bühne gehen, bunt, unterhaltsam, mit einer verbindenden Geschichte als Bogen und natürlich mit viel Insidern über das Lehrpersonal und die Mitschüler*innen. Das gehört dazu.
Das Abitainment des diesjährigen Abiturjahrgangs am Städtischen Gymnasium Selm war ein Abend, bei dem man von Anfang merkte, dass es mit viel kreativem Hirnschmalz und Liebe fürs Detail auf den Weg gebracht wurde.
Achtung, dieser Artikel enthält mehrere Spoiler.
Abiversal Pictures und ein lang geplanter Rückblick
Schon das Intro machte klar, wohin die Reise geht. Auf der Leinwand erschien das „Abiversal Pictures“-Studiointro unterlegt mit großer Orchestermusik – bekannt, aber eben doch eigenständig. Im Anschluss eine Adaption des MGM-Studio-Löwen: eine zaghaft fauchende Löwin. Nicht gebrüllt, eher sanft. Humorvoll, warm und einfach stimmig.
Es folgte eine Videosequenz früher – heute. Engagierte, begeisterte, lebendige Fünftklässler*innen, die gleichen Gesichter sieben Jahre später, die gleichen Situationen – Pause, Unterricht, Hausaufgaben, Klassensprecherwahl – nur diesmal chillig und bemüht cool. Für das Publikum der erste Moment zum Nachdenken. Haben die echt in der fünften Klasse schon die Videos gedreht mit Hinsicht auf das Abitainment? Oder war es für ein anderes Schulprojekt gedacht? Oder gar neu gedreht und mit KI verjüngt? Tatsächlich ersteres. Und das Videomaterial war so für das Programm ein Goldschatz.
Schnell war klar: Hier wird nicht einfach ein Nummernprogramm abgespult. Hier erzählt eine Jahrgangsstufe von sich selbst, kreativ, mit Humor und Selbstironie.
Abitainment 2026 am SGS - Part I
Eine Rahmenhandlung, die trägt
Die Show war bewährt gerahmt: Zwei ehemalige Schüler*innen, Lana und Oli, treffen sich einige Jahre nach dem Abitur in Maxis Cocktailbar und erinnern sich an ihre Schulzeit. Aus diesen Gesprächen heraus, in geselligem Plauderton, entwickelten sich die einzelnen Szenen – mal live auf der Bühne, mal als Video, oft in einem Wechselspiel aus beidem.
Film- und Serienformate dienten als Anker: Quizshows, Castings, Krimi, Sportübertragung. Immer wieder wurde das Abitur und der Schulalltag durch diese bekannten Formen gespiegelt – liebevoll, ironisch und erstaunlich treffsicher.
Nicht jeder Witz erschloss sich Außenstehenden sofort, viele Anspielungen richteten sich natürlich an Lehrkräfte und Mitschüler*innen. Aber die Grundidee blieb immer verständlich: Schule als gemeinsamer Erfahrungsraum, über den man lachen darf – und manchmal auch muss.
Talente, Bewegung, Mut
Das Abitainment lebte von seiner Vielfalt: Sketche, Tanznummern, sportliche Einlagen und echte Talente, eine Fußball-Akrobatik, Jonglage, rhythmische Sportgymnastik, die nach mehr als nur Hobby aussah, ein Hip-Hop-Battle zwischen Goethe und Shakespeare mit stimmungsvollen Schwarzlicht-Effekten.
Dazu immer wieder große Ensemble-Momente: Tanz-Choreografien mit der gesamten Jahrgangsstufe, darunter ein Männerballett (Respekt für den Mut zu peinlichen Momenten) im Duell mit dem Hip-Hop der Girls-Gang.
Dann ein starker Stufenchor mit französischsprachigen Passagen aus Die Kinder des Monsieur Mathieu und einem feierlichen Loving Angels instead. Eindrucksvoll.
Hier wurde sichtbar, wie viel Arbeit und Organisation in diesem Abend steckten.
Musik als tragende Säule
Ein besonderer Glücksfall für den Jahrgang war auch die musikalische Basis der Show. Die Band Colortones war mehr als Support vom Bühnenrand. Sie trugen Teile des Abends musikalisch mit einigen ihrer Songs und einem ironisch-rockigen Wolfgang-Petry-Potpourri. Sie bildeten mit ihrem souveränen Auftritt und ihrer Bühnenerfahrung eine starke Basis, auf der auch die Szenen funktionierten, bei denen man merkte, wie ambitioniert der Abend insgesamt angelegt war.
Ein emotionaler Höhepunkt war der Titanic-Song My Heart Will Go On, begleitet von einem live gespielten Schattenspiel: links die Sängerin, rechts ikonische Szenen als Silhouetten. Reduziert, ruhig, wirkungsvoll. Gänsehaut – ganz ohne große Gesten.
Die Wintersportwoche – kurz, aber wirkungsvoll
Auch die Wintersportwoche bekam ihren Platz in einer Videosequenz mit Slapstick-Stürzen im Schnee und als wiederkehrender Bezugspunkt in den Dialogen an der Cocktailbar. Gut dosiert – als gemeinsames Erlebnis, das für die Stufe offensichtlich eine besondere Bedeutung hatte.
Abitainment 2026 am SGS - Part II
Unterhaltung mit Haltung
Hab ich was vergessen? Ganz bestimmt, der Abend war prall gefüllt mit Musik, Filmen, Dialogen, Tanz, Sketchen und Geschichten. Und ganz sicher habe ich die eine oder andere Referenz auf Film- und Serienformate nicht verstanden. Aber zum Schluss gab es das große Finale mit Konfetti und zum Abendgruß kam das Sandmännchen. Applaus. Erleichterung. Stolz.
Zum Thema Film darf auch der Abspann nicht fehlen, kreativ und warmherzig gestaltet, wie schon das Intro.. Alle Schüler*innen wurden eingeblendet und schrieben ihren Namen auf eine Glasscheibe vor der Kamera.
Was bleibt, ist der Eindruck eines Jahrgangs, der sich selbst nicht zu ernst nimmt – aber seine Sache schon. Die Show war selbstironisch, klug gebaut, technisch sauber und getragen von echtem Miteinander.
Und ja: Das Abitainment ist auch der wichtigste Baustein zur Finanzierung der Abifeier, in anderen Jahrgängen konnten etwa zwei Drittel der Kosten eingespielt werden. Nach diesem Abend kann man nur sagen: mehr als verdient. Um im Abikontext zu bleiben: 15 Punkte, volle Punktzahl.
Ein persönlicher Blick zum Schluss
Als jemand, dessen eigene Abiturzeit lange zurück liegt – vor Smartphones, Streaming und ChatGPT – fragt man sich unweigerlich: Was beschäftigt Jugendliche heute eigentlich? Haben sie andere Sorgen, andere Nöte als wir damals?
Der Abend gibt eine überraschend klare Antwort: nein.
Auf der Bühne standen wache, reflektierte, selbstironische junge Menschen. Mit anderen Werkzeugen und anderen Ausdrucksformen. Aber mit derselben Lust, sich auszuprobieren, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und sich selbst dabei nicht zu verlieren.

Schreibe einen Kommentar