Erinnerungskultur – mittendrin und so weit weg – Teil 1
Der November ist traditionell der Monat des Gedenkens.
Wir gedenken der Toten, der Opfer der Weltkriege, der Reichspogromnacht, wir besuchen Friedhöfe, Mahnmale, Gedenkstätten.
Zeit, über unsere Erinnerungskultur nachzudenken.
Deshalb möchten wir im SelMagazin im Laufe des Monats verschiedene Aspekte des Themas beleuchten.
Was braucht eine gute Erinnerungskultur?
Haben wir wirklich gelernt, sensibel mit unserer Geschichte umzugehen?
Mein Navi hat mich wegen der Sperrung einer Autobahnabfahrt umgeleitet und unvermutet fuhr ich an dem Schild Gedenkstätte KZ Buchenwald vorbei. Große Verwirrung: Buchenwald in Schwerte? Was brachte ich denn da durcheinander?
Auf dem Rückweg erlaubte die Ampelschaltung das Schild das Schild vollständig zu lesen. Da stand nämlich: Gedenkstätte KZ Buchenwald Außenlager. Das passte nun besser mit meiner Vorstellung von Buchenwald überein. Aber nun wollte ich doch mehr wissen und folgte der Beschilderung. Inmitten eines Industriegebietes in Schwerte fand ich eine Treppe, der Weg führte entlang einer Betonmauer zu einem Zaun aus dicken Metallstangen, weiter zu einem kleinen Gelände, wo die Umrisse eines Gebäudes auf dem Boden zu sehen waren, die den Ort markierten, wo die Insassen des KZs Buchenwald untergebracht waren. Ein Außenlager für Zwangsarbeiter, die Loks reparieren sollten. Eine Skulptur – Bahngeleise, deren Schwellen aus Menschen bestanden. Leidend, ausgemergelt, tot.
Es war düster, dunkel. Und so bedrohlich, dass ich schnell den Rückweg antrat. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?
Aber viel gravierender schien mir die Frage: Was hatte ich denn erwartet? Dass das Grauen nach 80 Jahren abgeklungen, leiser geworden ist? Offensichtlich doch genau das – obwohl ich bereits Konzentrationslager besucht hatte, war ich nicht darauf vorbereitet, dass das Leid noch so präsent ist.
Das ist doch interessant. Jahr für Jahr Gedenkveranstaltungen. Jahr für Jahr das Gefühl, das wissen wir doch jetzt. Ja, wir haben verstanden, dass die systematische Vernichtung unserer jüdischen Mitmenschen und anderer Gruppen ein Verbrechen war, das kaum angemessen in Worte gefasst werden kann. Dass Krieg furchtbar ist. Zwangsarbeit …
Ja. Wir haben vieles gelernt und aufgearbeitet. Was mit diesen Menschen damals in Schwerte geschehen ist, war leicht herauszufinden – es gibt eine gut aufbereitete Internetseite zu dieser Gedenkstätte. Aber mit diesem Wissen scheint es ja irgendwie nicht getan zu sein.
Also, was braucht eine gute Erinnerungskultur?
Jüdisches Leben in Selm
Meine Überlegungen führten mich zu der Frage, was ich denn über das Judentum in Selm weiß. Gut, ich komme nicht aus dieser Region. Damit fehlt mir die Schulbildung zu den Erinnerungsorten in Selm und Umgebung. Aber jahrelang fuhr ich zum Musikunterricht nach Bork in die Synagoge. Ein wunderbarer Raum mit einer besonderen Atmosphäre. Aber in all den Jahren habe ich mich nicht einmal gefragt, was aus den Menschen geworden ist, die in dieser Synagoge gebetet haben. Weiß man doch. Oder?
Dieses vermeintliche Wissen kam mir jetzt vor wie eine unbewusste Distanzierung von dem, was geschehen ist. Wissen schützt auch. Der Schreck, den ich in der Gedenkstätte in Schwerte gespürt habe, machte mir deutlich, was erinnern auch bedeutet. Erinnern kann als Kenntnis von etwas daherkommen oder als lebendige Erinnerung. Die dann eine völlig andere Qualität hat. Sie stellt sich dem Leid, indem sie ihr Gesicht an sich heranlässt. Das hält man nicht immer aus – aber man sollte es auch nicht immer von sich weghalten.
Oft ist es ja so: Was man gerade selbst erfährt, womit man sich beschäftigt, taucht plötzlich überall auf. Wenn man erst einmal die Augen geöffnet hat, spricht man mit anderen darüber, man bekommt Tipps und Hinweise und unvermutet entdeckt man viel Neues. Sobald ich angefangen hatte auf das Thema Erinnerungskultur zu achten, fand ich überall Material und Veranstaltungen. Da waren Zeitungsartikel, Facebookseiten, das Virteum – die Erinnerungskultur in Selm ist breit aufgestellt. Die Stadt Selm hat zusammen mit dem Fokus das Buch von Dr. Alexandra Bloch Pfister herausgegeben: „Geschichte der jüdischen Gemeinde Bork und Selm“. Darin fand ich vieles, was vorher an mir vorübergegangen war.
Das Engagement ist enorm, von Einzelnen, von Initiativen und Arbeitsgruppen, die Erinnerungsorte erhalten und pflegen, die Synagoge, den jüdischen Friedhof, die Stolpersteine, die mit Nachfahren Kontakt aufgenommen haben, die Geschichten der Vertriebenen und Ermordeten gesammelt und in unser Gedächtnis gebracht haben. Es gibt Gedenkveranstaltungen vor Ort ebenso wie in Veranstaltungen der VHS.
Das ist gute Erinnerungskultur. Sie ist sichtbar, generationenübergreifend, geht über die Landesgrenzen hinaus und hat auch die Gegenwart im Blick.
Diese Vielfalt, die andauernde, offensichtlich intensive Auseinandersetzung und Arbeit damit, haben mich sehr beeindruckt. Ich habe tiefen Respekt vor der Bereitschaft und dem Mut, sich der Geschichte zu stellen. Ob nun Schülerinnen und Schüler, die Stolpersteine polieren oder Selmerinnen und Selmer, die Biografien unserer jüdischen Mitmenschen zusammengetragen und Anlagen pflegen – Danke!
Gemeinsames Erinnern – persönliches Erinnern
Ich würde wollen, dass mein Leid gesehen wird
Und dennoch gibt es da noch etwas, das in mir wie ein Stachel wirkt und das Thema nicht ruhen lässt: Die Frage, was Erinnerungskultur für mich persönlich bedeutet. Es ist nicht gerade meins, mich einem Arbeitskreis anzuschließen. Aber was ist denn tatsächlich meine Verantwortung?
Meine persönliche Auseinandersetzung hat mich zu der Frage geführt: Was würde ich wollen, wenn ich Opfer gewesen wäre?
Ich würde wollen, dass mein Leid gesehen wird, dass mein Leid jemanden berührt.
Auch wenn mir dadurch nicht geholfen werden könnte, wenn es am Geschehenen nichts ändern würde, aber ich wollte zumindest gesehen werden. Und ich könnte nicht ertragen, wenn jemand etwas dafür erwarten würde, ein Ziel damit verfolgen würde: Vergebung. Damit es nie wieder geschieht. Abtragen von Schuld. Moralische Besserung.
Nein – alles nicht. Leid darf nicht funktionalisiert werden. Es geht nur um die Verneigung vor dem Leid dieser Menschen.
Aber wenn wir uns tatsächlich vor dem Leid verbeugen, geschieht noch etwas anderes. Lebendige Erinnerung holt in die Gegenwart. Dann wird sie zum Prüfstein für das, was wir im Alltag leben.
Halten wir die Augen offen? Trauen wir uns, Wahrheit auszusprechen? Wie steht es denn um jüdisches Leben in Deutschland heute?

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