Selmische Geschichten – Der Heilige Abend

Selmische Geschichten – Der Heilige Abend
Es war Heiliger Abend im alten Haus in der Siedlung am Hang ... (Illustration mit KI erzeugt)

Kartoffelsalat, Würstchen und ein Platz zu viel

Der Tag war sonnig gewesen, kalt und klar. Ein leichter Nachtfrost hatte die Scheiben der Autos mit einer dünnen Eisschicht belegt. Der Atem fühlte sich an wie mit Pfefferminzbonbon im Mund. Kein Schnee, aber Ruhe lag in der Luft. Am frühen Abend war der Himmel feierlich erleuchtet vom bunten Glanz des Weihnachtsschmucks der ganzen Stadt. 

Im alten Haus in der Siedlung am Hang war es warm.

Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke zwischen Fenster und Schrank, geschmückt mit einer Mischung aus alten Kugeln, neuen Anhängern und genau einer Strohfigur, von der niemand mehr wusste, seit wie vielen Generationen sie zur Weihnachtsdekoration gehörte. Auf dem Fensterbrett standen ein Schwibbogen mit Bergbaumotiven und ein Räuchermännchen aus dem Erzgebirge.
Die Lichterkette am Baum brannte bereits, LED, Farbton warm. Es war Abendbrotzeit.

Abendbrotzeit am Heiligen Abend

Der Tisch war gedeckt. Kartoffelsalat in der großen Schüssel, Würstchen im Topf – und auf einem kleinen Teller daneben sechs Soja-Würstchen.

„Die sind eigentlich für Leo“, sagte Doreen beiläufig, während sie noch Servietten verteilte.
„Aber falls heute schon jemand will …“

Niemand sagte etwas. Aber alle hatten die Würstchen gesehen.

Heiner setzte sich und betrachtete sie mit diesem Blick, den er auch auf seinen neuen Dienstplan warf. Skeptisch, aber nicht feindselig.

„Er kommt ja morgen“, sagte er schließlich.

„Ja“, sagte Doreen. „Morgen.“

Imke zog ihren Stuhl heran. „Er will heute bei seinem Partner sein, ist doch in Ordnung.“
Sie bemühte sich, das Wort Partner neutral klingen zu lassen, wodurch es erst recht eine Betonung bekam.

Das Wort lag kurz im Raum, so selbstverständlich gesagt und doch immer noch ein bisschen fremd.

„Soll er ja“, meinte Heiner. „Er ist alt genug.“

„Er ist 22“, sagte Imke.

„Sag ich ja“, brummte Heiner.

Nele saß schon und schaukelte leicht mit den Beinen.
„Aber dann ist er heute nicht hier. Nur seine Würstchen sind da.“

Sie begannen zu essen. Kartoffelsalat wie immer – ein bisschen zu viel Senf, genau richtig viel Gurke. Heiner nahm eine Wurst aus dem dampfenden Topf, schnitt sie in zwei Hälften und zog sie mit der Schnittfläche durch den großen Senfklecks auf seinem Teller.

„Aber mal ehrlich“, sagte er schließlich. „Da is ja gar keine Wurst drin, in diesen Sojawürstchen. Und wenn keine Wurst drin is, dann is dat doch auch keine Wurst. Oder? Is doch so.“

„Hm, sieht aus wie Würstchen“, sagte Imke und nahm sich eines vom Teller. „Und schmeckt auch so! Also, für mich ist das ein Würstchen.“

Doreen sah beide sorgenvoll an. „Nu fangt doch nicht gleich mit Diskussionen an. Hauptsache, es schmeckt.“

„Inne Wurst muss Wurst rein“, brummte Heiner. „Sonst is dat keine Wurst. Für mich is dat so.“

„Also ich kann zwischen Form und Inhalt unterscheiden“, sagte Imke. „Und auf’m Klo nennst du das doch auch Würstchen, oder?“

Nele kicherte. Doreen schaute Imke ermahnend an.
„Nicht beim Essen!“

„Sorry, Mam“, schob Imke nach und warf Nele ein schelmisches Lächeln zu.

„Und morgen kommt Leo, wenn Oma Alstedde kommt?“, fragte Nele.

„Ja, hat er versprochen“, sagte Doreen.

„Warum ist Oma heute auch nicht hier?“

„Die ist mit Tante Ulla in der Kirche“, sagte Heiner und konnte sich ein Augenrollen nicht verkneifen.

„Das ist ihr wichtig“, sagte Doreen. „Wenn wir Heiligabend mit ihr feiern wollen, könnten wir ja auch mal in die Kirche gehen.“

Ein kurzes, betretenes Schweigen entstand, unterlegt von Kaugeräuschen.

Dann sagte Nele:
„Au ja! Das ist bestimmt lustig!“

„Also lustig ist das ganz bestimmt nicht“, erwiderte Heiner. „Ich sag mal so: Weihnachten brauch ich ja nich wegen Jesus. Da glaub ich nich dran.“

„Das wissen wir“, sagte Doreen freundlich.

„Ich bin Atheist“, stellte Heiner fest. „Ganz einfach. Und da brauch ich auch kein Gerede vom Pfaffen über Wunder und Jungfrauen und Frieden.“

„Jetzt reicht’s“, sagte Doreen streng. „Du musst ja nicht mitkommen. Aber wenn Nele möchte, darf sie. Das ist nämlich auch schön. Mit Gesang. Und feierlich. Und ein bisschen Frieden kann die Welt gerade gut gebrauchen.“

Heiner seufzte. „Ist ja gut. Aber dein Sohn ist schließlich auch Atheist.“

„Er nennt sich selber aber lieber Agnostiker“, wandte Imke ein.

„Was soll das denn nun wieder sein? Von mir aus kann er sich Anatolier nennen! Er glaubt jedenfalls nicht an Gott“, beharrte Heiner.

„Aber er glaubt auch nicht daran, dass es keinen Gott gibt“, erklärte Imke. „Man kann es nicht beweisen – also bringt es nichts, irgendetwas anzunehmen. Er glaubt an Kräfte im Universum, die wir noch nicht verstehen.“

„Ach, an Kräfte im Universum glaub ich auch“, sagte Heiner, ließ eine Serviette zu Boden fallen und grinste.
„An die Schwerkraft zum Beispiel.“

Doreen sah ihn streng an. Heiner hob die Serviette auf, grinste aber weiter.

Es wurde kurz still.

Doreen sah zum Weihnachtsbaum. Die Lichter spiegelten sich in den Kugeln; eine davon hatte einen kleinen Sprung – und hing doch jedes Jahr wieder am Baum.

„Weißt du“, sagte sie, „ich war 1989 das erste Mal an Weihnachten in der Kirche. Mit meiner Freundin. In der DDR. Da war ich etwas älter als du heute, Nelchen.“

„Du?“

„Ja. Ich war neugierig. Und hin- und hergerissen. Zuhause war noch Sozialismus, obwohl er gerade abgeschafft wurde. In der Kirche Kerzen und Lieder. Und ich fand das schön. Nicht wegen Gott oder Jesus, sondern wegen der Stimmung.“

„Dann möchte ich das auch mal anschauen – mit Oma“, sagte Nele.
Doch man merkte deutlich, dass sie etwas ganz anderes beschäftigte.

Sie grinste, sah immer wieder zum Baum – ein bisschen zu lange. Ihre Finger trommelten leise auf der Tischkante.

„Also“, sagte sie scheinbar beiläufig, „wir könnten doch auch später noch … äh … zusammen sitzen bleiben.“

Imke grinste sofort. „Ganz entspannt heute?“

„Total“, sagte Nele schnell.

„So entspannt, dass sie gleich einschläft“, sagte Doreen.

„Überhaupt nicht!“, empörte sich Nele. „Ich hab nur gedacht … also wenn wir jetzt bald …“

„Die Bescherung läuft dir nich weg“, sagte Heiner.

„Ich hab ja auch gar keine Eile“, sagte Nele. „Ich wollte nur sagen, dass … na ja … manche Sachen dauern. Und ich weiß ja auch noch nicht …“

Imke beugte sich zu ihr. „Du weißt doch eh schon, was du bekommst.“

Nele wurde rot. „Gar nicht! Also … vielleicht … aber das heißt ja nix!“

Sie seufzte tief.
„Ich hoffe einfach, dass alle an alles gedacht haben.“

„Das hoffen wir Großen auch“, sagte Heiner. „Ich bin nämlich auch neugierig.“

„Du?“, fragte Nele.

„Ja“, sagte Heiner. „Ich tu nur so cool.“

Der Baum leuchtete still.

Dann lehnte sich Heiner zurück.
„So“, sagte er. „Ich geh mal kurz raus.“

„Wohin?“, fragte Imke.

„Toilette“, sagte Heiner. „Dauert vielleicht länger.“

Doreen sah ihn kurz an, sagte aber nichts.

Nele hob sofort den Kopf.
„Ach sooo“, sagte sie. „Toilette.“

Heiner drehte sich um. „Was heißt denn ach soo?“

„Nichts“, sagte Nele grinsend. „Endlich, Papa!“

Heiner schüttelte den Kopf und verschwand Richtung Wohnzimmer. Es dauerte nicht lange. Dann klingelte das Glöckchen. Genau im richtigen Moment.

Alle hielten kurz inne.
Dann sprang Nele als Erste auf.

„Na dann“, sagte Doreen leise.

Und sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer.

… Fortsetzung folgt.


Die selmischen Geschichten erzählen vom Alltag der Familie Bödding in ihrem alten Zechenhaus in Selm, mit allem, was dazugehört, auch wenn die Welt da draußen nicht immer einfach ist.

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