Selmische Geschichten – Weihnachtsfeiertag, der zweite
Zweiten Weihnachtsfeiertag, fortgeschrittener Abend. Familie Bödding saß zusammen im Wohnzimmer, im alten Hauses in der Siedlung am Hang.
Der Baum leuchtete feierlich, im Fernsehen lief „Die 30 schönsten Weihnachtsorte in NRW“ auf dem WDR.
Heiner trank ein Cappenberger Tröpfchen, Doreen einen Eierlikör, Imke durfte zur Feier des Tages ein Bier trinken, Leo hatte sich ein Glas Rotwein eingeschenkt.
Auf dem Teppich lag Nele und bearbeitete ihr neues Gerät, während Joey Kelly vom Winterberger Winterdorf schwärmte.
Doreen hatte buntes Stanniolpapier in beachtlicher Stückzahl sauber übereinandergestapelt – die leckeren Kugeln!
Imke nahm sich noch eine davon und schob sie in den Mund.
„Eigentlich kann ich keine Schokolade mehr sehen“, sagte sie, während sie wieder auf ihr Handy schaute. Doch es waren noch einige Kugeln übrig – ihr Verzehr schien unvermeidlich.
Doreen schälte zur Abwechslung eine Mandarine, doch nur sie selbst und Leo griffen zu den Stücken.
Heiner öffnete bereits die dritte Schachtel Dominosteine.
Nele hatte alle ihre Schokoladenstücke nach Farben sortiert und schien sie eher mit Bedacht als mit Verlangen oder Langeweile zu öffnen.
Mariele Millowitsch berichtete vom Heinzelmännchenmarkt in Köln, Platz sechs der Top 30 war erreicht.
„Hauptsache, der größte Tannenbaum der Welt gewinnt! Wenn Dortmund nicht auf Platz eins kommt, dann versteh ich dat nich!“, kommentierte Heiner.
„Und anders als beim Fußball gönn ich se dat auch!“
Doch das Fernsehprogramm war an diesem Abend nur Nebensache.
„Oma hat es gut gemeint“, sagte Doreen leise. „Aber sie hätte es wenigstens vorher mit uns absprechen können.“
Niemand musste fragen, wovon sie sprach.
Alle schauten zu Nele, die konzentriert auf ihrem neuen Gerät zeichnete – einem Tablet, mit einem magischen Stift, mit dem sie über das Display fuhr.
„Das ist schon … teuer“, sagte Heiner.
„Sehr teuer“, sagte Doreen.
„Zu teuer“, sagte Heiner. „Aber du kennst doch meine Mutter. Sie lässt sich da nicht reinreden.“
Nele blickte kurz auf, als sie merkte, dass es um sie ging.
Das Geschenk der Eltern stand daneben: die Lavalampe für ihren Nachttisch, die sie sich sehr gewünscht hatte. Und die irgendwie plötzlich uninteressant war.
„Früher hatten wir Buntstifte“, sagte Heiner, „und damit haben wir auch Bilder gemalt.“
„Ja“, sagte Imke, „und mit Telefonzellen telefoniert.“
Im Fernseher meldete sich Götz Alsmann vom Weihnachtsmarkt in Warendorf, Platz vier.
Doreen lächelte kurz. „Da waren wir doch schon mal.“
„War ziemlich kalt“, sagte Heiner.
„Wie immer Weihnachten“, sagte Imke.
„Oma wollte halt was mit Zukunft“, sagte Doreen. „Sie hat gesagt, Nele hätte Talent. Und sie will, dass sie alles ausprobieren kann.“
Nele schaute kurz auf. „Ich find ja meine anderen Geschenke auch schön“, sagte sie schnell.
Leo nahm einen Schluck Wein. „Es ist halt … ein anderes Geschenk.“
Heiner nickte, aber nicht überzeugt.
„Ich mache mir Sorgen“, sagte Doreen leise. „Ob das nicht zu früh ist.“
Nele rutschte näher an den Tisch. „Mama, ich bin nicht klein! Ich kann das!“
„Aber es ist doch auch toll“, sagte Imke. „Das ist die heutige Zeit. Ist gut, wenn sie rechtzeitig damit umzugehen lernt. Und ihr daddelt doch auch alle am Handy rum.“
„Na, wenn sie später im Job ist, macht die KI bestimmt schon alle Zeichnungen“, meinte Leo. „Wer weiß, welche digitale Kompetenz dann gefragt ist.“
Der WDR vermeldete Platz drei: eine Weihnachtskapelle in der Eifel.
Nach einer Weile sagte Heiner: „Habt ihr eigentlich schon die neuen Schilder gesehen?“
„Welche Schilder?“, fragte Doreen.
„Ortseingangsschild von Bork!“ Heiner zeigte ein Handyfoto herum, auf dem der neue Bürgermeister feierlich ein Ortsschild präsentierte.
„Bork ganz groß, dadrunter Stadt Selm. Früher stand da Selm groß und dadrunter Ortsteil Bork. Na, haben die Borker endlich ihr Dorf ganz groß auf dem Schild stehen.“
Imke richtete sich auf. „In Bork halten die Leute halt zusammen. Das finde ich auch so klasse im Verein – Eigenständigkeit ist da wichtig …“
„Ja, ja“, sagte Heiner. „Eigenständig ist gut … aber zum Bäcker kommen sie doch alle nach Selm!“
„Ey“, sagte Imke und schnitt ihm eine Grimasse. „Bork hat sogar zwei Bäcker!“
Leo lehnte sich vor. „Es geht nicht um die Schilder. Es geht darum, wie leicht man Leuten das Gefühl gibt, dass sich was ändert.“
„Ist doch trotzdem Augenwischerei hoch drei“, empörte sich Heiner. „Gehören tun se doch zu Selm!“
„Vielleicht brauchen die Leute das gerade“, sagte Doreen. „Ein Zeichen, dass man sie ernst nimmt …“
„Na ja, einfache Lösungen für komplexe Probleme, das ist nicht gerade ernst nehmen“, sagte Leo.
Nele sah von ihrem Tablet hoch. „Aber die Straße ist doch immer noch dieselbe.“
Kurz war es still. Dann mussten alle lachen. Und Rüdiger Hoffmann meldete sich gerade von einem besonders weihnachtlichen Ort in Paderborn. Platz zwei.
Leo sah in die Runde.
„Hat ja gerade auch wieder Konjunktur, das mit den einfachen Antworten.“
„Manchmal braucht man eben Klarheit“, sagte Heiner. „Wenn’s im Land nicht so läuft, muss mal frischer Wind her.“
„Sagen meist die, die die einfachen Lösungen gleich mitliefern“, sagte Leo. „Ich mache mir gerade wirklich Sorgen. Wenn ich mit Fred in der Bahn fahre, werden wir anders angesehen als noch vor zwei Jahren.“
„Weil ihr da gerade frisch verliebt wart“, stichelte Imke.
„Wie, vor zwei Jahren?“, fragte Doreen. „Wie lange …“
Leo ging nicht darauf ein.
„Aber du verstehst dich doch auch gut mit Murat, oder, Paps? Wenn die mit den einfachen Antworten das Sagen hätten, wird es für Yasemin und Murat auch ungemütlicher.“
„Ach, Leo, du warst lange weg“, sagte Heiner. „Schade, dass du nicht noch bleibst.“
Leo nickte.
Heiner schenkte sich noch ein Cappenberger Tröpfchen ein.
„Komm, Junge, nimm auch einen …“
Leo schüttelte den Kopf und schenkte sich stattdessen Rotwein nach. Dann griff auch er zu den Schokoladenkugeln, die im goldenen Papier.
„Wir schalten nun zu Torsten Sträter nach Dortmund …“, sagte die Moderatorin feierlich und Heiner grinste zufrieden. Doch nur für einen Moment.
Es klingelte. Leo sprang auf und öffnete.
Fred stand in der Tür. Ruhig, höflich, ein wenig unsicher.
Doreen bat ihn herein. „Möchten Sie sich einen Moment setzen?“
Fred schüttelte den Kopf, wünschte allen frohe Weihnachten, begrüßte Imke mit einem Augenzwinkern und gab Nele ein kleines Geschenk.
Heiner gab ihm die Hand, wollte etwas sagen, klopfte ihm aber stattdessen auf die Schulter.
Leo zog seine Jacke an.
Nele winkte.
Imke hob ihr Bier.
Leo blieb noch einmal stehen, sah auf den Tisch, auf die Geschenke, auf die Schokolade.
Dann verabschiedete er sich von allen und ging.
Im Fernseher war nun der Dortmunder Baum in voller Größe zu sehen.
Heiner lehnte sich zurück.
„Ach, war doch schön. Mal wieder alle zusammen.“
Und niemand widersprach.

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