Selmische Geschichten – Polarlichter: Leuchtender Himmel über Selm
Die Januarnacht lag über Selm, kalt und klar. Im alten Haus in der Siedlung am Hang waren die Lichter gelöscht, alles schlief. Also fast alle.
Doreen lag noch wach und grübelte über den Tag. Was ein Patient ihr heute in der Praxis an den Kopf geworfen hatte, der unfreundliche Blick der Kassiererin im Supermarkt, die vielen kleinen Dinge des Tages, die sie meist zur Seite legen konnte, die sie heute aber noch in Gedanken hielten. Sie griff zu ihrem Handy, las die neuesten Nachrichten in Imkes Trainingsgruppe, in Neles Musikschulgruppe, schließlich in ihrer Yoga-Gruppe.
„Schlafen die denn auch mal?“, dachte sie bei sich und scrollte weiter. Dann hielt sie inne. Ein Foto. Grünes Leuchten am Himmel. Und darunter: Schaut mal, der Himmel!
Grün leuchtete der Himmel über Selm …
Doreen staunte nicht schlecht. Der Himmel leuchtete grün. Und das über Selm! Das war echt, nicht von irgendwo. Polarlichter? Das kannte sie nur aus ihrer alten Heimat im Norden. Dass sich diese scheuen Lichtgestalten bis ins Münsterland verirrten, war selten. Dafür reisten manche Menschen extra bis nach Nordfinnland.
Das wollte sie sehen. Auf der Stelle war sie hellwach, knipste das Nachtlicht an und knuffte Heiner.
Der grummelte etwas von „Sonderfahrt“ und „Fahrplan“ ins Kopfkissen, obwohl gerade so gar kein Bus fuhr.
„Wat is denn?“, nuschelte er schließlich. „Brennt’s?“
„Viel besser“, erwiderte sie. „Draußen sind Polarlichter!“
„Wat? Solarlichter? Und dafür weckst du mich?“
„Polarlichter, Nordlichter, der Himmel leuchtet! Komm, wir gehen raus, Henne!“
Heiner blinzelte. „Wat? Polar? Wir sind in Selm und nich auf Borkum oder so.“
„Doch, hier!“ Doreen hielt ihm ein Foto auf ihrem Handy hin, etwas zu nah für seinen verschlafenen Zustand, dafür aber mit Nachdruck.
Heiner blinzelte erneut, versuchte, das Foto zu fokussieren. Dann setzte er sich auf.
„Aber wenn dat nur Wolken sind, dann …“
„Dann?“
„Dann geh ich sofort wieder rein!“
Heiner schlüpfte in seine Jogginghose, mit der er ungefähr so häufig joggen ging, wie er mit seinen Boxershorts zum Boxkampf geht.
Doreen schaute bei Imke ins Zimmer, doch die ließ sich für das nächtliche Spektakel nicht begeistern.
„Mama, Tür zu!“, murmelte sie. „Ich brauche meinen Schlaf. Das ist auch ein Naturphänomen!“
Nele hingegen war in zwei Sekunden startklar, den Bademantel über den Pyjama gezogen.
„Was gibt’s draußen? Nordlichter? Ist das so was wie Irrlichter?“
Also gingen sie zu dritt hinaus. Im Garten war es still, der Himmel sternenklar, die Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt. Nele suchte zunächst zwischen den Büschen nach den Lichtern.
„Da oben, Neelchen!“, flüsterte Doreen ehrfürchtig und zeigte nach oben.
Ein grüner Schleier zog sich über den Himmel, bewegte sich langsam, als würde er von einem Höhenwind getragen. Bögen entstanden aus dem Nichts, andere lösten sich ebenso sanft wieder auf.
„Du musst nicht flüstern, dat sind keine scheuen Gespenster“, sagte Heiner.
Sie gingen ein kurzes Stück zum Spielplatz. Etwas entfernt von den Laternen war es besser zu erkennen.
Nele sah nach oben und staunte.
„Aber was ist das?“
Nun schimmerte es auch rötlich, beides übereinander, mal scharf begrenzt, mal weich ins Schwarz des Nachthimmels übergehend.
Die gibt es sonst nur im Norden!
„Nordlichter“, flüsterte Doreen. „Oder auch Polarlichter. Die gibt es sonst nur im Norden. In Schweden oder so.“
„Ist das schlimm?“, fragte Nele besorgt. „Sind das Tiere, so wie Glühwürmchen?“
„Nee“, sagte Heiner. „Dat is ganz harmlos. Dat is wie Wind – nur vonne Sonne.“
Doreen musste lächeln, sagte aber nichts. Sie machte Foto um Foto vom Himmel, und auf dem Display sah es noch leuchtender und märchenhafter aus, jedenfalls, wenn sie lang genug still halten konnte. Sie verschickte einige Fotos, teilte die schönsten direkt in ihrer Yoga-Gruppe und nahm das Handy sofort wieder in die Hand.
Heiner legte den Arm um Doreen, zeigte nach oben und sagte:
„Genuch geknipst, Reeni. Schau lieber hoch!“
Sonnenwind?
„Wind von der Sonne?“, fragte Nele skeptisch. „Das ist doch Quatsch, Papa, oder?“
Heiner räusperte sich.
„Also, so stand dat heute inne Zeitung. Teilchen, Magnetfeld, Nordpol. Mehr weiß ich auch nich. Ich hätt auch gar nich gedacht, dass wir dat hier so sehen können.“
„Wohnen wir denn im Norden?“, fragte Nele. „Oder können wir bis zum Nordpol gucken?“
„Na ja“, lachte Doreen. „Opa Ostsee würde sagen, wir wohnen im Süden und gleichzeitig im Westen!“
„Und für den Herrn Söder aus Bayern wohnen wir ganz sicher schon in Südfinnland!“, grunzte Heiner.
Doreen machte weitere Aufnahmen und schickte die fünf schönsten an Imke.
Komm doch kurz raus, es lohnt sich, tippte sie und setzte noch drei Smileys dazu.
Dann steckte sie das Handy weg und schaute wieder nach oben.
In ihrer Tasche vibrierte es. Eine Nachricht von Leo.
Habt ihr das auch gesehen? Der Himmel leuchtet.
Doreen tippte zurück:
Ja. Wir schauen gerade. Ist das echt Wind von der Sonne?
Die Antwort kam prompt:
Geladene Teilchen des Sonnenplasmas, das nennt man Sonnenwind. Werden vom Erdmagnetfeld abgelenkt. Grün: Sauerstoff, ca. 100 km hoch, rot: Stickstoff, noch viel höher.
Doreen lächelte. „Aha“, sagte sie leise – mehr zu sich selbst als zu den anderen – und steckte das Handy wieder weg.
Die Lichter wurden allmählich schwächer. Heiner fror und ging wieder ins Haus. Nele wurde schläfrig und ging mit.
Doreen blieb noch einen Moment. Ihr Handy vibrierte. Diesmal Imke:
Wenn ihr mir ein Auslandsjahr in Kanada spendiert, schicke ich euch jede Woche solche Fotos.
Doreen zog die Strickjacke enger um sich und lächelte. Schließlich ging auch sie zurück zum Haus und sah im Nachbargarten Yasemin. Sie deutete wortlos in den Himmel und machte eine große Geste des Staunens. Doreen winkte, nickte zustimmend, deutete dann aber an, dass sie fror, und zeigte zur Haustür.
„Wir sehen uns die Tage!“, rief sie leise herüber und ging hinein.
Die Siedlung am Hang war für einen kurzen Moment Schauplatz eines seltenen Naturphänomens gewesen. Bald darauf war es wieder still im alten Haus.
Und diesmal schliefen wirklich alle.
Die „Selmischen Geschichten“ sind eine lose Reihe von Erzählungen, die im Alltag der Familie Bödding spielen. Schauplatz ist ein altes Zechenhaus in Selm. Die „Siedlung am Hang“ ist eine literarische Anspielung auf die ehemalige Zechensiedlung Hermann in Selm-Beifang, östlich der Kreisstraße.

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