Unterwegs auf drei Pfoten
In Selm gibt es auffallend viele Hunde, die aus ausländischen Auffangstationen stammen und von gemeinnützigen Tierschutzorganisationen nach Deutschland vermittelt wurden. Z.B. von Ankerhunde, 4animals. Tierheime und Hilfsorganisationen suchen immer Menschen, die Hunde zeitweilig aufnehmen, ihnen ein neues Zuhause bieten oder die Organisation finanziell unterstützen.
Ich würde niemand dazu überreden wollen, so einen Hund aufzunehmen, denn es ist nicht immer einfach mit diesen Tieren. Viele haben Traumata erlebt, waren mangelernährt, haben Krankheiten oder zeigen das Verhalten eines Straßenhundes. Auch wenn es manchmal Jahre dauert, bis solche Hund zu dem Hund werden, der sie in ihrem Wesen nach sind, sagen viele Hundebesitzer, diese Hunde seien ausgesprochen dankbar und sehr widerstandsfähig. Und Zucht, auch aus wirklich guten Händen, garantiert keineswegs ein gesundes Tier.
Es ist großartig, dass sich so viele Selmer und Selmerinnen in diesem Bereich engagieren. Alle werden Ihnen Geschichten über ihre Hunde erzählen können, witzige und traurige. Es ist immer schön, einige davon zu hören, wenn man sich auf dem Spaziergang trifft.
Vielleicht haben Sie mich schon mit meinem Dreibeiner um die Ludgerikirche laufen sehen. Oder eben nicht laufend, dann liegt er, womöglich auf dem Rücken und ich bin genervt. Wie auch immer, von dieser Partnerschaft möchte ich ein paar Geschichten erzählen.
Episode 1: Das Vorgängermodell.
Jede Geschichte fängt irgendwo an. Meist weit vor dem Anfang.
Ich wollte nie einen Hund.
Aber eines Tages kam ein Anruf: „Ich habe genau den richtigen Hund für euch.“ Aha, dachte ich und fragte meinen Partner: „Willst du einen Hund?“ „Ich wollte schon immer ein Hundchen“, antwortete der. Okay, dachte ich, dann eben ein Hund. Natürlich hauptsächlich, weil es ja gut für das Kind ist. Das hatte uns bereits in jungen Jahren sein Stufenmodell der Entwicklung mitgeteilt: Hamster – Hund – Pferd.
Den ersten Schritt war ich bereit mitzugehen, die anderen nicht. Eine Katze lief eines Tages in unser Haus und wir bekamen sie nicht wieder raus – eine längere Geschichte. Jedenfalls hatten wir ab diesem Zeitpunkt eine magere, zugelaufene Katze, die den pfiffigen Namen Miau bekam. Sie dürfen mal raten, wer den Namen ausgesucht hat. Ja, genau, das Kind.
Irgendwann kam ein kleiner, grauer Hamster dazu. Sehr süß, sehr übersichtlich in seinen Bedürfnissen, wunderbar. Leider leben die ja nicht so lange. Also kam nach einer angemessenen Trauerzeit der nächste kleine, graue Hamster. Damit war für mich das Thema Tiere hinlänglich ausgereizt.
Nun also dieser überraschende Anruf. Höhere Mächte verfolgten wohl andere Pläne und hatten sich offensichtlich auf die Seite des Kindes geschlagenen. Ein paar Tage später jedenfalls kam der Mann von der Tierschutzorganisation mit einem kleinen, schwarzen Hund zur unverbindlichen Ansicht, begutachtete die Wohnsituation und uns, sagte: „Die Leine lasse ich Ihnen hier, die können Sie ja zurückschicken.“ Und fuhr. Wir rannten in den Laden, um kurz vor Ladenschluss noch Hundefutter, Napf und alles Nötige zu kaufen – es war Samstag und wir hatten nur ein Katzenklo. Und also plötzlich auch einen Hund.
Das Kind bekam überraschend eine Krise, aus aufwallendem Mitgefühl für die Katze, weil der Hund und die Katze sich womöglich verhielten wie Hund und Katz – und während wir versuchten das Kind zu beruhigen, sprang der Hund auf den Tisch und fraß unsere Pizza. Ein Straßenhund eben.
So kam Morgan in unser Leben. Eine kleine, hinreißend süße Hundedame mit Puschelschwanz, die wie eine Mondsüchtige ausreißen musste, sobald sich die Möglichkeit ergab. Die kleinste Öffnung der Tür, weil man zur Mülltonne musste und sie quetschte sich durch und war weg. Sie schmiss sich mit aller Kraft in den Zaun, hangelte sich mit einer unnachahmlichen Technik darüber und entfloh. Mit Juchzern der Begeisterung ob der gewonnenen Freiheit.
Doch, doch, wir sind natürlich mit ihr spazieren gegangen, lange spazieren gegangen, super lange – aber das hat nichts geändert: Vollgas in Freiheit, nichts war toller für sie. Sie terrorisierte Hasen und Nachbarn, kläffte leidenschaftlich und pausenlos hinter allem her und vor den Fenstern ringsum. Tagsüber, nachts.
Wäre ich ein Nachbar von uns gewesen, ich hätte uns gehasst. Der Hundetrainer sagte, dass man Ausreißern ziemlich heftig zusetzen müsse, um es ihnen auszutreiben. Ein einmal geweckter Instinkt sei schwer zu bremsen. Die möglichen pädagogischen Mittel kamen uns zu brutal vor, also gaben wir diese Hoffnung auf und hielten sie so gut wie möglich an der Leine, bis sie wieder ein Schlupfloch fand. Was habe ich mich dafür geschämt. Liebe Nachbarn, ich wage es nicht um Vergebung zu bitten. Es war katastrophal. Ich kann nur sagen, dass es mir aufrichtig leidtut.
Morgan hat uns auch sonst keine Peinlichkeit erspart – ob Kotzen im Geschäft, natürlich auf den Teppich, bei Tisch hartnäckiges Kratzen am Bein, gerne auch bei Gästen, weil sie was wollte. Oder die Tatsache, dass sie Verwandte auch nach Jahren regelmäßiger Besuche immer noch nachts auf dem Weg zur Toilette hinterhältig ankläffte.
Und trotzdem – wer weiß, vielleicht weil sie gewisse Verwandte stur ankläffte? Weil sie die erste war, die sich zur Meditation auf ihre Decke schmiss, bevor man selbst den Hocker erreicht hatte? Weil sie rennen konnte, bis ihr die Zunge so am Hals festklebte, dass sie sie nicht mehr einziehen konnte? Weil sie so verschämt versuchte sich zu verstecken, wenn sie wieder heimlich auf das Bett gesprungen war, wenn man gegangen war? Das Bett war tabu. Das wusste sie durchaus. Aber wenn man sich ganz tief zwischen die Kissen duckte, vielleicht würde dann … nein? Nicht gut? Hä? Diese geheuchelte Unschuld. Aber dann grinste sie verstohlen zwischen den Kissen hervor und es kostete so viel Konzentration, nicht zu lachen. Und dann packt sie zu, diese Liebe. Unmöglich sich dagegen zu wehren.
Der Hund wurde älter und entwickelte eine ausgeprägte Blasenschwäche. Jede Nacht musste er ein- bis zweimal raus. Da stand man dann, eingewickelt in eine Decke, in Kälte oder Regen und bibberte vor sich hin. Was stand ich da rum und wartete, bis der Hund den richtigen Grashalm gefunden hatte, so dass sie pinkeln konnte. Dafür hatte sie mich ja schließlich geweckt. Gut, ich habe so auch viele wunderschöne Nachthimmel gesehen. Trotzdem: mein innerer Rohrspatz wusste in diesen Nächten viel zu sagen.
Und dann kam der Höhepunkt des Dramas. Der Hund wurde nierenkrank, brauchte Schmerzmittel, mochte nicht mehr alleine bleiben und musste schließlich eingeschläfert werden. Großer Gott, wie grässlich ist das.
Egal, was der Hund einem so alles abverlangt hat.
Es bleiben die schönen Momente in Erinnerung, ihre hemmungslose Freude, wenn man nach Hause kam, ihr Grinsen und ihre Lebenslust und es ist furchtbar, wenn sie gehen. Regenbogenbrücke hin oder her.
Ich wollte nie wieder einen Hund.
Unterwegs auf drei Pfoten ist eine Artikelserie. Die nächste Folge erscheint bald auf dem SELMagazin.

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