Unterwegs auf drei Pfoten – Ottos Mops kommt nicht

Unterwegs auf drei Pfoten – Ottos Mops kommt nicht

Episode 3 – Ottos Mops kommt nicht

ottos mops kotzt

otto: ogottogott.

In meiner Schulzeit war „ottos mops“ von ernst jandl eines meiner Lieblingsgedichte.

Ich fand es so komisch und lachte Tränen darüber. Gut, vielleicht nicht jedermanns Sache.

Aber jandl hat eine tiefe Wahrheit über Hunde angesprochen. Sie kotzen.

Warum auch immer, unser erster Hund musste schon nach drei Metern Fahrt ins Auto kotzen. Im Laufe der Zeit wurde die Strecke immer länger, die er durchhalten konnte. Aber meine Tochter erinnert sich noch heute mit Tränen vor Lachen, wie oft wir am Bürgerhaus losfuhren und noch vor dem zweiten Kreisel versuchten, den würgenden Hund rechtzeitig aus dem Autofenster zu halten, bevor alles zu spät war.

Chico kotzt natürlich auch, aber anders.

Ans Autofahren gewöhnte er sich schnell. Aber als ehemaliger Straßenhund behielt er seine glorreiche Gewohnheit bei, sich gut mit Futter zu versorgen. Heißt: Alles Mögliche in sich reinzustopfen. Dabei bekam er bei mir wahrlich genug Futter und wurde auch kontinuierlich dicker, aber trotzdem: zusätzliches Futter zu finden ist die Königsdisziplin dieser Überlebenskünstler. Wenn irgendwo unter der Hecke verrottende Reste von Chips oder Döner liegen, kann er unmöglich daran vorbeigehen. Also – sitzen bleiben und hoffen, dass ich nicht aufpasse und er was davon aufnehmen kann. Meistens landet es dann irgendwann später bei mir auf dem Teppich. Danke dafür.

Seither suche ich den Boden ab, wo immer ich auch entlangspaziere. Es reicht, dass wieder jemand am Ententeich Unmengen angegammeltes Brot hingeschmissen hat oder Katzenfutter, die Elstern verteilen manchmal Knochen oder Brotstücke im ganzen Dorf. Keine Ahnung, wo sie die auftreiben, aber plötzlich liegen sie überall – im Garten, auf dem Bürgersteig, im Park. Und Fressen und Kotzen sind eins.

Unschlagbar allerdings war der Gestank, der uns entgegenwehte, als ich mit der Tochter vom Kino zurückkam. Überall lagen Haufen einer übelriechenden Masse. Der Hund hatte sich in die hinterste Ecke unters Bett verzogen. Diese Pilze waren also nicht verträglich, aha. Meine Tochter fuhr schnell mit ihm in die Klinik und kam mit zwei Tuben einer Kohlemasse zurück, von denen alle paar Stunden etwas gegeben werden sollte.

Beim ersten Versuch war alles schwarz. Der Hund, wir, der Boden, die Tür – nur im Hund war nichts von diesem Zeug. Die Sorge, dass er sterben könnte, hatten wohl nur wir. Chico sah die Bedrohung woanders.

Am nächsten Morgen waren wir schon etwas schlauer und gingen wir gleich mit ihm in die Dusche. Nun, die war einfacher zu reinigen, aber im Hund kam trotzdem nichts an. Wir fuhren zur Kontrolluntersuchung wieder in die Tierklinik und fragten, mit welchem Trick man das Zeug wohl in den Hund bekäme. Sie sagten, sie hätten da so ihre Möglichkeiten und nahmen den Kerl mit. Damit, ihn mit einem Arzt alleine zu lassen, hatte ich keine guten Erfahrungen. Chico auch nicht. Bei seinem ersten Krankenhausbesuch kam er mit Maulkorb und Rüdenbinde ausgestattet in die Sprechstunde. Der Arzt war fantastisch, nahm die Rüdenbinde ab und tastete sehr sorgfältig den ganzen Hund ab. Chico ließ alles in großer Ruhe über sich ergehen. Zur Sicherheit sollte geröntgt werden. Der Arzt meinte, die Binde sei nicht nötig, Chico sei ja unkompliziert und nahm ihn mit. Nun, ich bekam einen nassen Hund zurück, der das Röntgengerät vollgepinkelt hatte. Logisch. Dafür hatte er dann ein Bad bekommen. – Auf das Untersuchungsergebnis komme ich später noch zurück. Das ist eine eigene Geschichte. –

Nun nahm ihn also schon wieder jemand mit. Etwas, was dieser Hund nicht mag, ebenso wenig wie Medikamente. Da ist er völlig entschieden. Man hörte ihn mehrmals Quieken und nach längerer Zeit kam die Ärztin raus und sagte: „Sie haben doch gesagt, er sei verfressen. Machen wir es doch einfach ins Futter.“

Sie holte eine Dose Hundefutter und ging mit vollem Napf zu ihm.

Und dann kam sie zurück und stellte den vollen Napf neben meinen Stuhl. Das ging.

Von Fremden nimmt man nichts. Weiß doch jeder.

Chiso - untergwes auf drei Pfoten
Chico, der Hund mit drei Pfoten

otto: komm mops komm

ottos mops kommt

Das ist ja mal gelogen. Mein Hund kommt jedenfalls nicht. Das Wort „komm“ geht einfach nicht in seinen Schädel. Meine Tochter hat einmal gesagt: „Alle Punkte, die er für sein Leben bekommen hat, hat er in sein Gesicht und sein Fell gesteckt. Da ist für das Hirn nichts mehr übriggeblieben.“ Jepp. So sieht es aus. Klar kommt er, wenn ich ein Leckerchen in der Hand habe. Das riecht er. Da brauche ich nicht einmal was zu sagen. Aber hey, warum sollte er kommen, wenn ich nichts in der Hand habe?

Es gibt so viele Bücher über Kommunikation mit Tieren, ich weiß. Hundeschulen, Trainingsmethoden, Analysen der Beziehung von Hund und Mensch. Großer Gott.

Nach zwei Jahren mit diesem Kerl, der ja nun schon zu den Senioren gehört und bei dem man leider auch nie weiß, wie weit er an diesem Tag hoppeln kann, habe ich es aufgegeben, den Weg bestimmen zu wollen, den wir gehen. Mit Sicherheit nehme ich mir nicht vor, mit ihm mal eben zur Post zu laufen, weil ich dann mit Sicherheit an dem Tag nur ein paar Häuser weit komme, bevor er umdreht und wieder nach Hause hoppelt.

Seit ich vollständig kapituliert und sämtliche Illusionen aufgegeben habe, geht es mir besser. Er spürt nämlich, wenn man ein Ziel hat. Wie ein Kind, das untrüglich spürt, wenn das Spiel heimlich einen pädagogischen Nutzen hat. Sei er auch noch so klein, nahezu unsichtbar, das Spiel kann man dann natürlich überhaupt nicht anfassen. Unmöglich. Kinder und Hunde wittern es einfach. Sobald ich es eilig habe oder wirklich irgendwo hin muss und sei es noch so nahe bei, hockt er sich hin, schiebt das Kinn nach vorne und bekommt diesen pubertären Motzblick. Und steht keinesfalls wieder auf. Da könnte ich aus der Haut fahren. Wenn man dann denkt, gut, dann trage ich dich eben, schmeißt er sich auf den Rücken und verwandelt sich in Flubberknete. Die bekommt man nicht hochgehoben, weil sie andauernd wieder wegrutscht. Der Hund spielt sozusagen toter Mann. Unfassbar, als wollte man Pudding vom Boden hochheben, klappt einfach nicht.

In der ersten Zeit habe ich jedes Mal eine Wutattacke bekommen. Wahrscheinlich hörte man meine empörten Ausrufe: „Du Scheißhund!“ durch das ganze Dorf gellen. Es hat mich wahnsinnig gemacht. Einmal habe ich ihn angebunden und bin nach Hause gestapft, um ein Schild zu basteln: Zu verschenken.

Okay, unsere Tiere sind ja auch unsere Lehrer. Mir ist klar geworden: Wenn ich so viel für jemanden mache, will ich auch was dafür.

In diesem Fall: Er soll gehorchen.

Wahrscheinlich denkt der Hund das gleiche.

Inzwischen habe ich ihn zwei Jahre. Und rege mich immer noch auf, wenn er mitten auf der Straße beschließt, dass das der beste Platz für eine Mittagpause ist. Trotz Leckerli und Training.

Ansonsten trottle ich einfach hinter ihm her. Nur wenn er ewig rumschnuffelt und ich gelangweilt das Handy raushole, findet er das auch nicht in Ordnung und zieht schnell weiter.

Schaffen Sie sich nie einen Dackel an. Nicht mal einen Dackelmischling. So kooperativ wie ein Stück Eisen.

In Selm leben viele Hunde, die aus ausländischen Auffangstationen stammen und von Tierschutzorganisationen nach Deutschland vermittelt wurden. Sie bringen oft schwierige Erfahrungen mit, brauchen Geduld – und entwickeln mit der Zeit ihren ganz eigenen Charakter. Viele Selmerinnen und Selmer engagieren sich für diese Tiere und könnten Geschichten über ihre Hunde erzählen, heitere und traurige.

Die Geschichten dieser Serie handeln von einem dieser Hunde: meinem Dreibeiner, mit dem ich rund um die Ludgerikirche unterwegs bin.

Unterwegs auf drei Pfoten ist eine Artikelserie. Die nächste Folge erscheint bald auf dem SELMagazin.

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