Alltagsspuren: Heimweh nach Winter
Es war nur ein paar Tage. Es gab nicht mal eine geschlossene Schneedecke. Aber es reichte. Plötzlich war wieder Winter. Es war kein Kalender-Winter, kein Instagram-Winter mit Filter und Glühweinbecher, sondern ein echter, stiller, ernsthafter Winter. Ein Winter, der Geräusche schluckt. Der eine Stadt langsamer macht, die Welt stiller und für einen Moment friedlich und rein.
Selm war still, Selm war feierlich. Selm war weiß! Weißer geht’s nicht. Zumindest nicht in der Praxis im 21. Jahrhundert, offenbar. Ich ging morgens in den Park. Sehr früh. Noch vor allen Spuren. Unten auf den Hauptwegen war schon gekehrt: eine einzelne Spur. Daneben Hundepfoten. Mehr war noch nicht passiert. Danke, Stadtwerke – wirklich. Tapferer Einsatz! Es war nicht einmal 8:37 Uhr an einem Samstag.
Ich ging den Hügel hoch, zur Kugel. Auf dem Weg nach oben machte ich Spuren. Mit Absicht. Und mit großer Freude! Weil man das im Winter einfach so macht. Früher, also früher, da … ach, was soll’s. Ein paar Stunden später, an diesem Samstag, da begann es schon zu schmelzen. Erst durch Streusalz, dann durch milde Luft. Zehn Grad im Januar. Das ist doch das neue Normal.
Neulich kam mir dieser Satz in den Sinn, ein Gedicht von Friederike Kempner: „Stets, wenn Jahreszeiten sind, freue ich mich wie ein Kind!“
Natürlich ist immer irgendeine Jahreszeit. Aber Winter ist doch nur dann wirklich Winter, wenn er auch Winter ist. Mit Schnee. Mit Kälte. Und mit diese einzigartigen Inehalten der Welt. Und nicht mit zehn Grad und Nieselregen. Während ich noch dachte: Wie schön das ist, dachte ich auch schon: Wie schnell das wieder weg ist.
Ich merke in solchen Momenten: Ich habe Heimweh nach Winter. Nicht nach Frostbeulen und eingefrorenen Autoscheiben. Nicht rutschigen Gehwegen. Sondern nach diesem Gefühl, dass eine Jahreszeit eine Jahreszeit ist. Dass der Winter nicht einfach nur der verlängerte Herbst mit Weihnachtsbeleuchtung ist.
Und da frage ich mich, bin ich nun auch einer dieser seltsam nostalgischen Personen, die dauernd so Retrozeugs posten? Aber: „Ich will den Schnee zurück“ klingt anders als „Ich will die D-Mark zurück“. Oder?
Es ist eher ein sanftes Vermissen. So wie man ein altes Lied vermisst, das man lange nicht gehört hat. Wie eine Brücke über unruhiges Wasser, tröstend und fürsorglich.
Ein paar Tage durften wir es wieder hören. Und jetzt? Jetzt sind wir zurück im alljährlichen Schmuddel. Grau, nass, mild. Schmuddel-Puddel! Ein Januar, der nicht Winter sein mag. Aber irgendwo zwischen Park, Hügel, der bunten Kugel und den ersten eigenen Fußspuren liegt die Gewissheit: Winter ist mehr als ein Zeitraum im Kalender.
Und dass man ihn vermissen darf, ohne gleich nostalgisch zu werden. Denn manchmal, da reicht es schon, zu wissen: Er war da. Für ein paar Tage. Und es war gut.

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