Unterwegs auf drei Pfoten – Chico ist da
Episode 2 – Chico ist da
Es heißt: Das letzte Kind hat ein Fell
Plötzlich war es da – das leere Nest-Syndrom. Das Haus leer, aus gesundheitlichen Gründen zum frühen Rentnerdasein gezwungen, waren alle sinnstiftenden Aufgaben mit einem Mal weg.
Dafür gab es aber Corona, den Ukraine-Krieg, explodierende Energiepreise … die Welt schien aus den Fugen zu geraten.
Das war schon übel genug, aber als dann auch noch graue Wintertage die Laune drückten, vertrat meine Freundin sehr entschieden ihr Lösungskonzept für diese trüb nieselige Gemütslage: Da muss Leben ins Haus! Wacker schickte sie mir Fotos von Hunden diverser Tierheime und Hilfsorganisationen. Und eins ist klar: die sind süß.
Warum sonst ist das Internet voller Filmchen über glorreiche Hunde und Katzen? Die die Wäsche einsammeln und nach Waschgang sortiert in die bereitgestellten Körbe werfen?
Der Widerstand schmolz, neue Bedingungen wurden formuliert:
Auf keinen Fall über 10kg. Meine Hundepädagogik ist schlecht, notfalls muss man ihn einfach hochheben können. Keiner, der zwei Stunden Spaziergang am Tag braucht, das schaffe ich nicht. Kein Welpe, s.o. Hundepädagogik.
Ich fand einen Hund, der sah aus, wie durch den Windkanal gezogen – großartig, ein richtig wilder Fussel. Zu meiner Erleichterung aber schon vergeben. Glück gehabt.
Und dann war da plötzlich dieser Dreibeiner. Prima, dachte ich, der hopst mal nicht über den Zaun und will bestimmt nicht den ganzen Tag spazieren gehen. Vielleicht …
Die Frau war froh, dass sie ihn gut unterbrachte. Meine Wohnsituation wurde überprüft, abgeklärt, wer auf ihn aufpasst, wenn ich nicht kann. Und dann fuhr ich Richtung Bonn, um den Kleinen abzuholen.
Chico Nummer 5
- Spitzname: Dicker
- Mischling (Dackel und Spitz)
- karamellbraun
- geschätzt etwa 10 Jahre alt,
- mit abgerissenem Vorderbein gefunden in Rumänien
[Die Tierschutzorganisation ließ den Stumpf operativ versorgen, den Hund kastrieren, chippen, impfen und vermittelte ihn nach Deutschland. Mittelmeererreger bringt er mit, Babesien, inaktiv und Ehrlichien. Weil er eben doch nicht so einfach ins Rudel zu integrieren war und den Lieblingshund der Vorbesitzerin gebissen hat, kommt er erneut in die Vermittlung und dadurch zu mir. Mit Rüdenbinde und Maulkorb.]
Ausländische Tierhilfeorganisationen für gerettete Straßenhunde taufen Rüden häufig Chico. Oft gar mit einer Nummer hinter dem Namen, wenn mehrere zu vergeben sind. Warum auch nicht. Schließlich sollen die Tiere mit ihrem neuen Besitzer eine Bindung eingehen und bekommen dann oft sowieso einen neuen Namen.
Tja, mein Dicker hieß also auch Chico. Und ich beließ es dabei.
Als ich ihn das erste Mal live sah, kam er mir dann doch ein bisschen erbärmlich vor. Dieser kleine Kerl, der verzweifelt versuchte vor mir zu fliehen und so schnell wie möglich weghoppelte. Gut, er war überraschend schnell mit dieser Technik, aber auch mitleiderregend.
Vielleicht war das der einzige Moment, in dem ich ihn so gesehen habe, wie ihn Menschen sehen, die ihn auf der Straße treffen. „Oh, der Arme“, höre ich oft. Auf mich wirkt er nicht mehr so. Wenn ich unseren Schattenriss beim Spaziergang sehe, muss ich immer an den Pu, den Bären denken, wenn er mit Ferkel spazieren geht. Ich bin der große dicke Bär, Chico das Ferkel. Das hopste auch immer und die Ohren hopsten mit. Wenn Chico besonders schnell hoppelt, dann schlackern die Ohren nach oben und klatschen aneinander. Das hat was Anrührendes, vielleicht, weil ich mit dem Ferkel etwas Zartes und Unsicheres verbinde.
In Selm leben viele Hunde, die aus ausländischen Auffangstationen stammen und von Tierschutzorganisationen nach Deutschland vermittelt wurden. Sie bringen oft schwierige Erfahrungen mit, brauchen Geduld – und entwickeln mit der Zeit ihren ganz eigenen Charakter. Viele Selmerinnen und Selmer engagieren sich für diese Tiere und könnten Geschichten über ihre Hunde erzählen, heitere und traurige.
Die Geschichten dieser Serie handeln von einem dieser Hunde: meinem Dreibeiner, mit dem ich rund um die Ludgerikirche unterwegs bin.
Unterwegs auf drei Pfoten ist eine Artikelserie. Die nächste Folge erscheint bald auf dem SELMagazin.

Ich freue mich schon auf die nächste Fortsetzung!