Alltagsspuren: Der Marder und der rosafarbene Kleinwagen – Ich war der Stau
Ich war der Stau
Es tut mir wirklich leid. Ich war es. Der Stau. Neulich, auf der Ludgeristraße.
Das wollte ich nicht. Und es tut mir echt leid. Es lag am Marder. Und am rosa Clio. Eigentlich eher an meiner Werkstatt:
„Wir müssen Ihren Wagen länger hier behalten. Marderschaden. Schläuche und Dämmmaterial.“
Dabei sollte es doch eigentlich nur eine ganz normale Inspektion sein, Standard. Da leuchtet dann immer so ein Lämpchen, Wartung fällig in 19 Tagen, am nächsten Tag: in 18 Tagen. Etwa bei „in 12 Tagen“ machte ich einen Termin, bekam ihn bei „vor 8 Tagen“. Immerhin. Ölwechsel, Wischblätter prüfen, Licht, Lüftung, und was da so an Technik alles eingebaut ist.
Dass dieser große Schlauch aber Bisswunden hatte und das Dämmmaterial angeknabbert war, das war kein Standard mehr, Abholung erst an Tag -10, abends.
Aber: „Sie können einen Leihwagen haben, brauchen Sie?“
„Ach klar, warum nicht?“
„Wussten Sie, dass ein Marder unter der Motorhaube gar nicht schlimm ist? Der wohnt dann dort, für eine kalte Nacht und wärmt sich an der Restwärme des Motors, oder hat einfach nur ein Dach über dem Kopf. Blöd wird’s, wenn Marder Nummer zwei kommt und die Witterung von Marder Nummer eins aufnimmt. Der denkt sich dann, ‚Hui, dem ollen Reviermitbewerber zeig ich es mal so richtig ordentlich und knabbere sein weiches Lager an.‘ Zum Frühstück. Aus Rivalität, nicht aus Appetit auf schwarzes Gummi mit Schmierölaroma.“
Was man da machen könne? Knoblauch?
„Nein, nein, eher so Elektroschockpads anbringen, dann macht es bzzzzzz, schon wenn Marder Nummer eins Unterschlupf sucht, Marder Nummer zwei hat dann erst gar nichts zu riechen. Und vorher würde es bei ihm natürlich auch schon bzzzzz machen. 200 Euro.“
„Für die Elektroschockpads?“
„Genau.“
„Und der Marderschaden?“
„Hm. Abwarten. Etwa Faktor 3.“
Nach besichtigtem Schaden nahm ich also den Autoschlüssel für ein Leihfahrzeug entgegen, Aufschrift: Rosa Clio. Hui, Mädchenauto? Hätte ich doch besser den Kleintransporter Zweisitzer genommen. Aber hey, fahre ich halt mal zwei Tage einen rosafarbenen Kleinwagen. Was ich hier noch nicht ahnte: Die Farbe würde nicht das Problem werden. Automatik? Nein, Schaltung, Benziner. Aha.
Nicht, dass ich nicht schon mal Benziner mit Schaltung gefahren wäre. Ist aber 10 Jahre her. Und damals habe ich es schnell geschafft, ihn in Unna auf dem Stadtring abzuwürgen, nur um das Anfahren eine Ampelphase später erneut probieren zu dürfen.
Erleichterung: Das Rosa meines Kleinwagens für zwei Tage war eher ein helles Rot-Violett. Als Autodesigner französischer Prägung würde man die Farbe wohl Cerise nennen.
Zurücksetzen ging, nachdem ich herausgefunden hatte, dass man den Schalthebel in seinem Schaft versenken muss und den Vorgang zunächst durch das Hochziehen eines Sicherungsringes, der um den Schalthebel herum angebracht war, entsichern muss. Gut. Dann Bremse, Kupplung treten. Moment: Bremse muss ich nicht, ist ja nicht Automatik. Also nur Kupplung treten. Dann viel Gas geben, sonst verhungert der Kleine. Kupplung kommen lassen, so sagt man doch, wenn man den Druck auf das Pedal langsam löst? Außenspiegel links, Außenspiegel rechts, Innenspiegel. Langsam rückwärts raus, wenden, schalten, erster Gang, Kupplung, schalten, zweiter Gang, stoppen. Werner Straße. Erster Gang, Lücke getroffen, anfahren, Gas, zweiter Gang, nach rechts abbiegen, mehr Gas, bis zum Kreisverkehr in den vierten Gang hochschalten, hoffen auf die nächste Lücke, um nicht anhalten zu müssen. Im zweiten Gang durch den Kreisverkehr, ging doch!
Ich kam tatsächlich nach einer Ehrenrunde durch Selm leicht verschwitzt in der Ludgeristraße an. Musste aber zunächst zwei Minuten sitzen bleiben, bevor ich aussteigen konnte. Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen.
Weniger glücklich verlief die zweite Fahrt. Rückwärts ausparken, diesmal auf die Ludgeristraße mit einer etwa 45-Grad-Kurve, um in richtiger Fahrtrichtung auf die gegenüberliegende Fahrspur zu kommen. In einem Schwung kaum möglich. Das Fahrzeug blockierte also für wenige Sekunden die gesamte Fahrbahn. Üblicherweise. Wenn man allerdings aus dem Rückwärtsgang – wir erinnern uns: abgesenkter Schalthebel – in den ersten Gang schalten möchte, es aber alles gerade klemmt oder nicht richtig einrastet oder sich die Autos auf beiden Fahrbahnen schon stauen, dann werden aus wenigen Sekunden viele Sekunden. Da ist man mehr damit beschäftigt, Panik zu haben und den Wartenden zu signalisieren, „sorry, bin schon dabei, den Gang zu suchen, geht gleich weiter“, als tatsächlich den ersten Gang zu finden.
Wenig hilfreich ist es übrigens, wenn ein Fahrzeug auf der Gegenfahrspur einfach über den Gehweg ausweicht, um am wunderschönen cerisefarbenen Clio vorbeizukommen. Danke aber an die bedächtigeren Zeitgenossen, die allesamt nicht auf die Idee kamen, dass es möglicherweise schneller vorangehen könnte, wenn man durch Hupen darauf aufmerksam macht, dass dieser putzige Kleinwagen gerade sowas von im Weg steht.
Der tatsächliche Moment mag 35 Sekunden gedauert haben, er fühlte sich an wie 13 Minuten.
Irgendwann löste sich die Rückwärtsgangsperre, der Schalthebel kam aus seiner Versenkung herausgeschossen, die Kupplung war ja noch durchgetreten, geschmeidig rutschte der Schalthebel nun ein Stück nach links, dann nach vorn. Fast freiwillig rastete er in Position „Erster Gang“ ein. Ordentlich Gas geben, Kupplung kommen lassen, anfahren, Kupplung treten, zweiter Gang, noch mehr Gas, und nach zwei Mal Hoppeln war die Straße wieder frei. Danke, kleiner Clio.
Am zweiten Tag wurden die Fahrten spritziger. Souverän meisterte ich die Kreisverkehre im dritten Gang. An Tag -11 nahm ich vormittags meinen geduldigen grauen Diesel-Automatik wieder entgegen. Alle Bisswunden waren gut versorgt, das Wartungslämpchen erloschen.
Das Bedürfnis, eine Kupplung zu treten, verspürte ich nicht. Aber ich habe mich etwa drei Mal dabei ertappt, wie ich, als ich mich einem Kreisverkehr näherte, versuchte, den Schalthebel, der nur die Positionen P, R, N und D kennt, und zwar von oben nach unten, zur Abwechslung nach links zu drücken. Ging nicht. Das habe ich schnell bemerkt. Meinem Wagen war es egal, er hat trotzdem brav für mich geschaltet.

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