Fast ein Jahrzehnt: Quartiersentwicklung Kreisstraße

Fast ein Jahrzehnt: Quartiersentwicklung Kreisstraße

Die Kreisstraßen-Häuser in Selm – Eine Chronologie

2017/2018 – Der umstrittene Ankauf

In den Jahren 2017/2018 kaufte die Stadt Selm eine zusammenhängende Häuserzeile auf der Kreisstraße (B236), einer wichtigen Ader für die Stadt. Die Grundstücke sind insgesamt über 6.500 m² groß. Kaufpreis: 4,2 Millionen Euro. Bürgermeister Mario Löhr bezeichnete den Kauf als „Investition in die Zukunft der Stadt“.

Als Begründung diente offiziell der Wohnungsbedarf: „Eine wachsende Lücke zeichnet sich beim Wohnungsbau im niedrigen und mittleren Preissegment ab“, hieß es in der Vorlage zur damaligen Ratssitzung.

Die Kritik folgte prompt. Die hoch verschuldete Stadt Selm hatte die 4,2 Millionen Euro ausgegeben, ohne dafür zuvor ein Wertgutachten in Auftrag gegeben zu haben. Der Bund der Steuerzahler stellte später fest: Die Stadt hatte auf die Frage, warum kein Gutachten erstellt wurde, geantwortet, die Verkäufer hätten konkrete Preisvorstellungen gehabt und wären nicht bereit gewesen, zu einem Gutachtenwert zu verkaufen.

🏚 Abriss
🏗 Neubau

2018 / 2019 – Häuser noch vermietet, Kreisstraße wird umgebaut

Alle zwölf Ladenlokale waren noch vermietet, leerstehende Wohnungen wurden sowohl an Geflüchtete als auch an andere Wohnungssuchende vergeben. Mieter und Pächter erhielten zunächst unbefristete Mietverträge. Parallel dazu wurde die Kreisstraße selbst umgebaut – die Bauarbeiten daran sollten im Frühjahr 2019 abgeschlossen sein.

Ab 2020 – Investor Ten Brinke & erster Plan

Schon 2020 hatte das Immobilien- und Bauunternehmen Ten Brinke zugesagt, die Häuserzeile zu entwickeln. Geplant war eine neue Gebäudezeile mit einem großen dm-Markt, einer Netto-Filiale sowie 20 Wohnungen. Die Stadt schloss einen Erbpachtvertrag mit Ten Brinke und verabschiedete den erforderlichen Bebauungsplan.

Ende 2021 / Anfang 2022 – Alle Mieter müssen raus

Nachdem der Grundsatzbeschluss mit Ten Brinke gefasst worden war, kündigte die Stadt allen Mietern. Die letzten zogen Ende 2021 aus. Seitdem stehen die Häuser leer, bringen der Stadt keine Mieteinnahmen, verursachen aber Instandhaltungs- und Nebenkosten, für die die Stadt aufkommen muss.

2022 – 2024 – Stillstand, Verfall und politischer Druck

Die seit 2022 leerstehenden Häuser wurden mit Bauzäunen gesichert und verfielen zusehends. Gestiegene Baukosten und hohe Kreditzinsen brachten Ten Brinke ins Stocken. Seitens der Stadt waren alle Voraussetzungen geschaffen worden – insbesondere wurde das notwendige Baurecht gesetzt –, doch Ten Brinke begann nicht einmal mit dem Abriss der Bestandsbauten.

September 2024 – Kündigung des Vertrags mit Ten Brinke

Der Projektentwickler hatte Anfang und Mitte 2024 signalisiert, dass die ursprünglich angedachte Realisierung fraglich sei. Daraufhin setzte die Stadt eine Frist bis zum 30. September 2024. Ten Brinke erklärte schließlich selbst den Rücktritt vom Erbpachtvertrag beim Notar. Bürgermeister Thomas Orlowski zeigte sich verärgert – seit anderthalb Jahren hätte schon ein Bauantrag gestellt werden können.

April 2025 – Selmagazin dokumentiert den Schwebezustand

Mit einer Fotogalerie der acht Häuser und einer Baulücke hielt das Selmagazin den Zustand in der Kreisstraße fest – ein Stück Stadtentwicklung im Schwebezustand.

Mitte 2025 – Neuer Investor, Transparenzstreit

Bürgermeister Orlowski verkündete öffentlich, dass die Häuser spätestens Anfang 2026 abgerissen werden sollen und Mitte 2026 der Baustart für die neue Entwicklung sein könne. Die GfS-Fraktion kritisierte mangelnde Transparenz und beantragte, die dem Rat am 3. Juli 2025 vorgestellten Projektskizzen des neuen Investors öffentlich zugänglich zu machen.

April / Mai 2026 – UKBS präsentiert neue Pläne

Die Stadt schloss mit der Unnaer Kreis-Bau- und Siedlungsgesellschaft (UKBS) einen langfristigen Erbpachtvertrag. UKBS-Geschäftsführer Martin Kolander stellte im Ausschuss erste Pläne vor: bis zu 70 Wohneinheiten als Mix aus gefördertem und frei finanziertem Wohnraum, Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss, eine Riegelbebauung zur Kreisstraße hin sowie Reihenhäuser dahinter. Ein konkreter Zeitplan für den Baustart steht noch aus.


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