Unterwegs auf drei Pfoten – Herr oder Hund, Freund oder Freundchen?
Herr und Hund
Thomas Mann hat diesen vielsagenden Titel verfasst. Das Buch steht bei mir rum, ich fand schon immer den Titel klasse, aber gelesen habe ich es deswegen noch lange nicht. Wir sagen ja eher: Herr wie Hund, wenn wir ein bisschen spotten wollen. Aber dieses enge Zusammenleben scheint tatsächlich einen Assimilationsprozess in Gang zu setzen. Die Auswahl des Hundes ist bereits der erste fatale Schritt. Es ist doch kein Zufall, welche Rasse uns anspricht oder in welchen Hund wir uns so schockverlieben, dass wir ihn ernstlich in unser Leben einladen und dann Jahre damit verbringen, dieses Familienmitglied, das immer auf dem Stand eines Zweijährigen bleibt, ständig um uns haben. Und wie der sprichwörtliche Schlosshund heulen, wenn dieser Freund geht.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass ein Hund die Stimmung seiner Bezugsperson nahezu vollständig spüren und erfassen kann, angeblich besser als jeder Mensch. Er verfügt über Nervenzellen, die den Spiegelneuronen sehr ähnlich sind. Das bedeutet, dass der Hund tatsächlich Handlungen und Gefühle beobachten und mitfühlen kann. Er zeigt Empathie und lernt durch Nachahmung. Und weil er auf unsere Stimmungen auch so direkt reagiert und nicht noch unbedingt vorher etwas anderes tun muss, findet eine Art Synchronisation statt. So eine feinfühlige Begleitung ist sehr trostreich, aufbauend, wohltuend, je nach Situation. Und dieses Verhalten festigt natürlich die Verbundenheit.
Was sagt mir das nun also, dass ich so einen alten, mürrischen Herrn da sitzen habe? Der magenempfindlich ist und der sehr deutlich gemacht hat, dass es ja so viel besser ist, wenn ich für ihn koche als ihm Fertigfutter zu geben?
Über den Spitznamen Dicker möchte ich jetzt gar nicht reden.
Ist das übel.
Dann brauche ich mich auch nicht zu wundern, warum mein Hund am liebsten auf dem Sofa sitzt. Wenn versehentlich ich darauf sitze, hockt er sich davor und starrt mich wütend an. Ich finde, das stabilisiert unsere Beziehung nicht unbedingt. Ich denke, ich habe hier Hausrecht. Er denkt das wohl auch.
Ich warte noch auf die Synchronisation hinsichtlich der Aufstehzeiten. Alles vor 6 ist mir zu früh. Ihm nicht. Schade.
Aber vielleicht gilt es nicht nur für die Seiten, die mich aufregen.
Sobald ich die Musik aufdrehe, kommt er ins Zimmer, schmeißt sich tiefenentspannt auf seine Matratze und grinst. Vielleicht grinst der Hund dann aber nicht, weil er mein Tanzen durch das Zimmer bei lauter Musik albern findet, sondern weil er meine Freude spürt.
Und was man ihm wirklich zugutehalten muss: Er schätzt seine Artgenossen sehr. Liebend gerne nimmt er Kontakt auf, begrüßt jeden und ist glücklich, wenn er viele Kontakte hat. Auch wenn er mit mehr Menschen unterwegs ist. Größeres Rudel=größeres Glück. Und das würde ich allemal auch so sehen, wenn die Tochter mit spazieren geht.
Mellon – Freund oder Freundchen?
Kennen Sie die Szene im Film „Herr der Ringe“, in der Gandalf vor der verschlossenen Tür sitzt und versucht, das Rätsel zu lösen, wie sie sich öffnen lässt? „Sprich Freund und tritt ein.“
Lange rätselt er, welches Codewort es sein könnte – bis er darauf gebracht wird, dass er nur „Freund“ sagen muss.
Irgendwie ist ein neuer alter Hund wie eine verschlossene Tür und ich dachte immer, wenn man liebevoll mit dem Tier umgeht, wird das schon. Dieser Mellon scheint mir aber eher ein Freundchen zu sein, ein Schlitzohr mit sehr eigenen Vorstellungen. Ist schon spannend, womit diese kleine Fusselrolle so ankommt.
Wegen seinem fehlenden Bein und der offensichtlich geschädigten Wirbelsäule bekommt der Dicke Schmerztabletten und Physio. Beeindruckend, wie herzerweichend er jammern kann, wenn er bei der Physio auf dem Tisch sitzt. Als würde er erzählen, wie furchtbar die letzten Wochen waren. Dass er schon wieder gebürstet worden ist, obwohl er doch die Haare freiwillig das ganze Jahr über abschmeißt. Dass er schon wieder davon abgehalten wurde, das böse Auto anzufallen, das ihm vor langer Zeit offensichtlich einmal Schaden zugefügt hat. Ein tiefes Oh, Oh muss oft wiederholt werden. Aber auf heimliche Weise liebt er seine Behandlerin, weil er dann wieder so viel besser laufen kann. Bei allem Geschimpfe und Gejammer, sie darf mit ihm machen, was sie will.
Ich keineswegs. Jeden Morgen soll diese Schmerztablette genommen werden. Zuerst habe ich sie ins Futter gestopft. Der Topf war leer, die Tablette klebte irgendwo am Rand. Klar. Was wird aus den guten alten Aromazusätzen, wenn man sie mal braucht? Wieso schaffen die es nicht, diesen teuren Tabletten irgendwas hinzuzufügen, dass sie wie ein Leckerchen schmecken und der Hund sie unbedingt fressen will?
Gut, ich habe die Tablette gemörsert und unter das Futter gemischt. Aus die Maus, kein Widerstand mehr möglich. Aber dann fing sein Magen an zu rebellieren, er brauchte neue Tabletten. Die müssen eine halbe Stunde vor dem Futter eingenommen werden.
Also Tablette rein. Und zack, wieder draußen.
Maul öffnen, die Tablette weit in den Rachen schmeißen. Und zack …
Tablette in ein Leckerli stopfen. Der Hund kaut, lutscht, arbeitet und die Tablette klebt an der Seite im Fell.
Wasser hinterherkippen, die Tablette klebt im Fell, auf dem Teppich …
Jeden Morgen der gleiche Kampf. Meist hat er gewonnen. Auch wenn er dann vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte.
Der Freund tut mir leid – das Freundchen macht mich irre.
Die Tablette darf nicht mit Futter genommen werden, aber ich umgebe sie jetzt mit Leberwurst. Und dieses Leckerchen will er jetzt unbedingt jeden Morgen haben.
Vor 6 Uhr, wenn möglich.
In Selm leben viele Hunde, die aus ausländischen Auffangstationen stammen und von Tierschutzorganisationen nach Deutschland vermittelt wurden. Sie bringen oft schwierige Erfahrungen mit, brauchen Geduld – und entwickeln mit der Zeit ihren ganz eigenen Charakter. Viele Selmerinnen und Selmer engagieren sich für diese Tiere und könnten Geschichten über ihre Hunde erzählen, heitere und traurige.
Die Geschichten dieser Serie handeln von einem dieser Hunde: meinem Dreibeiner, mit dem ich rund um die Ludgerikirche unterwegs bin.
Unterwegs auf drei Pfoten ist eine Artikelserie. Diese, die vierte Episode, ist der vorerst letzte Teil.

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