Alltagsspuren: Heimweh nach Sommerregen
Sommer, das war immer draußen sein. Fahrradfahren bis zum Abend, durch die Siedlung, ins Freibad, Spielen auf den Stoppelfeldern. Sonne, Wärme, manchmal auch Hitze. Und immer wieder Regen.
Dann kamen dunkle Wolken. Wir rannten schnell nach Hause, vielleicht donnerte es schon irgendwo, und kurz darauf ging es los. Ruckzuck ergoss sich ein kleiner Bach die abschüssige Straße zu unserer Siedlung hinunter, auf den Feldern bildeten sich Pfützen.
Regnen, das konnte es bei uns. Das wusste ich schon als Kind. Das Wetter kam aus Holland, vom Meer, und regnete sich bei uns genüsslich nieder. So jedenfalls stellte ich mir das vor.
Manchmal rannte ich gar nicht nach Hause, um trocken zu bleiben. Ich rannte nach Hause, um mir schnell die Badehose anzuziehen und wieder rauszugehen. In den Regen. Sommerregen war warm. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Danach roch alles anders. Die Luft war frischer, das Gras nasser, und irgendwann kam die Sonne wieder.
Später ging ich zum Studium nach Berlin. Dort lernte ich trockenere Sommer kennen. Sommer, in denen manche Bäume schon im Juli ein wenig herbstlich aussahen. Ein Semester lang studierte ich sogar Geografie und lernte zwei Wörter, die hängen blieben: arid und humid. Trocken und feucht, vereinfacht gesagt.
Interessant fand ich das vor allem theoretisch. Denn praktisch fuhr ich viel Fahrrad. Und Regen auf dem Fahrrad fand ich überhaupt nicht schön. Nasse Hose, nasse Schuhe, Wasser im Gesicht. Wenn es anfing zu regnen, entwickelte ich keine besondere Dankbarkeit gegenüber dem Wasserkreislauf. Obwohl ich den Bäumen jeden Tropfen gegönnt hätte.
Trotzdem dachte ich in trockenen Sommern irgendwann: Es darf doch auch mal regnen.
August 2026 in Selm: Die Wiese im Auenpark ist nicht einfach trocken. Nicht braun. Nicht gelb. Fast grau.
Strohfarben, ausgeblichen. Dazwischen ein paar Pflanzen, ein paar gelbe Blüten und hier und da etwas Grün, das sich noch hält. Die Birkenallee lässt Blätter fallen, manche Baumkronen sehen schon erstaunlich spärlich aus.
Arid, dachte ich. Sehr arid.
Da war es wieder, dieses alte Wort aus meinem Geografiesemester.
Aber so? War das früher auch schon so? Ich habe nachgesehen. August 2024: derselbe Park, dieselbe Kugel – grüne Wiesen. Auf anderen Augustfotos aus früheren Jahren dasselbe Bild. Kein Frühlingsgrün. Kein Postkartengrün. Einfach ganz gewöhnliches Sommergrün.
Und plötzlich merke ich: Ich habe Heimweh nach diesem Grün. Heimweh nach Sommerregen. Klingt seltsam. Heimweh nach Regen. Ausgerechnet ich, der auf dem Fahrrad jeden Tropfen verflucht hat.
Doch ja. Heimweh trifft es. Ich vermisse diesen selbstverständlichen Sommerregen. Den warmen Regen. Diesen Moment nach einem heißen Tag, wenn der Himmel dunkel wird und man denkt: Jetzt kommt endlich etwas.
Regen, der auf warmes Pflaster fällt und diesen ganz eigenen Geruch erzeugt. Regen, nach dem Gärten und Park wieder aufatmen.
Und inzwischen macht mir noch etwas anderes Sorgen. Nicht unbedingt, ob dieser Sommer der trockenste meines bisherigen Lebens ist. Sondern der Gedanke, dass wir uns an solche Sommer künftig gewöhnen werden. An trockenere als diesen. Vermutlich auch an heißere. Das ist ein unangenehmer Gedanke.
Natürlich kann man sagen: Wir hätten früher etwas tun müssen. Ja. Hätten wir. Aber vielleicht ist gerade deshalb die interessantere Frage, was wir heute tun. Denn ich möchte nicht in zehn Jahren auf den Sommer 2026 zurückblicken und denken: Damals wussten wir es doch längst. Warum haben wir eigentlich immer noch nichts gemacht?
Niemand ist perfekt. Ich jedenfalls nicht. Doch habe ich für mich entschieden, was ich tun kann, was ich verändern möchte – und auch, was ich nicht kann oder nicht schaffe.
Vielleicht ist das gar kein schlechter Anfang: Nicht darauf warten, bis man alles richtig macht. Sondern einfach etwas machen.
Und während ich auf diese fast graue Wiese unterhalb der Kugel schaue, wünsche ich mir etwas, über das ich mich früher ziemlich oft geärgert habe: Regen. Warmen, kräftigen, völlig gewöhnlichen Sommerregen.
