Alltagsspuren: Von Puten, Pilzen und Proteinen
Neulich, auf der Joggingrunde. Die große Runde über die Felder. Ungefähr auf halber Strecke komme ich an den großen Ställen vorbei.
Meist herrscht dort aufgeregtes Gegacker und Gegurre. Eines der Tiere fängt an, ruckzuck gackert und gurrt der ganze Stall aus Tausenden dünnen Kehlen. Eine akustische La-Ola-Welle breitet sich aus und schwappt schnell auf die benachbarten Ställe über.
Die Luft ist erfüllt von einem erdigen Duft nach Silage. An manchen Tagen höre ich auch, wie sich eines der Futtersilos öffnet und das Trockenfutter aus dem Außensilo in die Tröge rauscht. Dann ist das Gegacker und Gegurre besonders aufgeregt. Aber alle paar Monate ist es für einige Tage erschreckend still. Dann ist Schichtwechsel.
Ich laufe weiter. An der Hauptstraße steht der passende Werbespruch: ein zylindrischer, luftbefüllter Aufsteller, drei Meter hoch, mit der Aufschrift: „Deutsche Pute. Dein Protein.“
Gut sichtbar für alle, die auf der Bundesstraße vorbeifahren. Und noch besser für mich, joggend auf dem kreuzenden Feldweg.
„Deutsche Pute. Dein Protein“, denke ich.
„Deutsche Pute. Mein Protein“, denke ich weiter.
„Mein Protein?“ frage ich mich. Und: „Wie deutsch ist denn so eine Pute überhaupt?“
Das erste Licht der Welt, vermutlich in Form einer UV-Lampe, erblickt sie in einer industriellen Großbrüterei, vermutlich in Niedersachsen. Aufgewachsen ist sie in einem Stall von 1.500 Quadratmetern in Nordrhein-Westfalen, gemeinsam mit 4.000 Mitputen und Mitputinnen. Nach vier bis fünf Monaten wird sie erneut auf die Reise geschickt, die letzte, vermutlich wieder nach Niedersachsen.
Wie viel Deutschland hat das Federvieh in seinem kurzen Leben also gesehen? Einen Brutkasten, zwei Lkw, einen Stall und den Weg zur Schlachtung. Gut, alles in Deutschland. Also: deutsche Pute. Und nun deutsches Protein? Eine Biografie auf den Punkt gebracht.
Mein Protein? „Nein“, denke ich. „Nicht mein Protein.“ Und ich überlege, wie viel pflanzliches Eiweiß die Pute im Laufe ihres Lebens frisst, damit später Eiweiß im Fleisch landet. Viel Getreide, wohl überwiegend aus der Region. Dazu Eiweißfutter wie Sojaschrot oder Raps; beim Soja könnte die Reise länger gedauert habe, vermutlich stammt er aus Südamerika.
Für Geflügel allgemein liegt eine Vergleichsrechnung ungefähr bei fünf Kilogramm Futterprotein für ein Kilogramm Protein im essbaren Produkt. Das heißt, grob gerechnet, landet etwa ein Fünftel des Futterproteins später als Geflügelprotein auf dem Teller. Selbst, wenn es ein Drittel oder ein Zehntel wäre, frage ich mich: Weshalb soll mein Protein erst durch eine Pute gehen?
Nicht, dass ich dem armen Federvieh sein Futter nicht gönnen würde. Im Gegenteil. Ich finde die Gesamtfuttermenge erschreckend wenig, trotz der rechnerischen Verschwendung. Ich esse mein Protein daher lieber direkt: europäisches Soja, Linsen, Bohnen, Getreide. Ohne den Umweg über die Pute. Das fühlt sich für mich stimmiger an.
Ich teste mal andere Slogans:
Deutsche Bohnen. Mein Protein.
Österreichischer Tofu aus österreichischem Soja. Mein Protein.
Polnischer Weizen. Mein Protein.
Gedankliches Kopfnicken: das klingt viel besser. Obwohl ich mich dabei ertappe, auf die nationale Herkunft als Werbebotschaft hereingefallen zu sein. Und „deutsch“ ist ja gerade wieder mal modern.
Auch wenn die bundesweit etwa 20 Prozent, die besonders deutsch wählen, aus unerfindlichen Gründen russisches Gas und saudisches Öl als Energiequelle dem deutschen Wind vorziehen. Aber ich schweife ab.
Für mein Protein such ich nach einer regionalen Formel:
Westfälischer Weizen, badische Bohnen, sächsisches Soja, pfälzische Pilze. Einheimisches Eiweiß. Ganz ei-frei.
Das gefällt mir und ich merke gar nicht, wie die Kilometer unter meinem Laufschritt dahinfliegen.
Duschen. Hunger. Was gibts zu Essen? Italienische Pasta. Sauce? Was mit Pilzen.
