Selmische Geschichten – Im alten Haus in der Siedlung am Hang

Selmische Geschichten – Im alten Haus in der Siedlung am Hang
Im alten Haus in der Siedlung am Hang war es Abendbrotzeit ... (Illustration mit KI erzeugt)

Abendbrotzeit bei Familie Bödding

Es war Abendbrotzeit im alten Haus, in der Siedlung am Hang. Wie an jedem Abend war der Tisch gedeckt, pünktlich um 19 Uhr. Zum Abendessen gab es das, was es in den meisten Nachbarhäusern auch gab. Das Brot im Korb war in zwei unterschiedlichen Dicken geschnitten – die dünnen für Doreen, die dicken für Heiner, Nele und Imke nahmen die, die sie am einfachsten greifen konnten.

Der Salat war dekoriert mit geometrisch angeordneten Tomatenstücken, Gurkenscheiben und geviertelten Eiern. Eine Platte mit Käse- und Wurstaufschnitt stand bereit, daneben eingelegte Gurken und Radieschenscheiben, leicht mit Salz bestreut.
Die Kinder durften abends ein Brot mit Nuss-Nougat-Creme aus dem Biosortiment des Drogeriemarktes essen – mitteldick bestrichen. Imke allerdings verzichtete zunehmend auf dieses Privileg.

Den Tee, eine große Kanne Fenchel-Kümmel-Anis, trank Doreen meist alleine, auch wenn sie für alle eine Tasse deckte. Nele trank meist nichts, Heiner bestand auf seine Flasche Dortmunder Bier – „ehrlicher Lohn für harte Arbeit, das ist Bergmanns-Tradition“, wie er stets sagte, obwohl er selbst nie auf einer Zeche, geschweige denn unter Tage, gearbeitet hatte.
„Aber die Kumpels von der Zeche Hermann, die haben hier schließlich gewohnt – in unsere vier Wände! Da stehen wir fest in Ruhrpott-Tradition.“

Imke schielte auf die Bierflasche, die sich langsam leerte, blieb aber bei ihrem Malzbier. Manchmal sagte sie forsch: „Papa, ich bin 17!“ Doch mit wenig Glück.
„Was du am Wochenende mit deiner Crew oder Gang oder deinen Peers machst, ist eine Sache – solange du nicht übertreibst. Aber hier, in meinem Haus, bekommst du kein Bier! Nicht, solange du noch keine 18 bist! Und auch dann schauen wir erst mal!“
Bei „meinem“ schaute Doreen ihren Mann streng an, bekräftigte Imke gegenüber aber das Verbot mit einem fürsorglichen, wenn auch bestimmten Blick.

„Ich sag ‚Team‘, Papa, wir spielen ja alle Fußball“, schob Imke trotzig nach.

Das Abendbrot um sieben, das war festes Ritual im Hause Bödding.
Jedenfalls an allen Tagen – außer dienstags (Fußballtraining, Imke), mittwochs (Musikschule, Nele), donnerstags (Yoga, Doreen) und am Wochenende, wenn die Freizeitpläne der Familienmitglieder es erforderten. Und manchmal hatte Heiner auch spät noch Sonderfahrten.
Ebenso gabe es Ausnahmen an einem Freitag im Monat, da war Doppelkopfabend bei Kowalenkos.
Aber montags, so war es Gesetz, fanden sich alle um Punkt sieben am Tisch zum Abendbrot ein, im alten Haus in der Siedlung am Hang.

Alle? Nein, nicht alle. Denn seit zwei Jahren fehlte Leo, Doreens Sohn, der Älteste der drei Kinder. Er war zum Studium nach Bochum gezogen – und fand den ‚ach so weiten Weg‘ nach Selm meist nur an Wochenenden.

Ein Aufsatz über Selm

Nele wartete an diesem Abend ungeduldig auf einen passenden Moment, um eine drängende Frage zu stellen. „Du, Mama“, begann sie schließlich, „ich soll für Erdkunde einen Aufsatz über Selm schreiben. Was mir hier gefällt und was die Stadt ausmacht. Ich hab schon: Musikschule, mit Lina und Lara abhängen und mit Lina und Lara was unternehmen. Was kann ich sonst noch über Selm schreiben?“

„Frag doch mal Papa, der wohnt schon länger in dieser schönen Stadt!“

„Weshalb betonst du schöne Stadt so – meinst du das ironisch?“
Heiner schaute missmutig auf, weil Nachdenken nach Feierabend, das war nicht sein Lieblingssport. Stattdessen nahm er einen großen Schluck aus seinem Bierglas – das hieß, dass er wirklich nachdachte, oder nur Zeit gewinnen wollte.

„Nein, nein“, sagte Doreen, „ich bin ja freiwillig hergekommen. Du konntest es dir ja nicht aussuchen – du bist einfach geblieben.“

Heiner überlegte. Nele schaute ihn erwartungsvoll an.
„Na also, ich finde gut, dass die Zechentradition hier noch hochgehalten wird. Wir wohnen ja in einer alten Zechensiedlung. Schon mein Ur-Opa hat hier gewohnt, und der hat auffe Zeche Hermann gearbeitet! Das ist gute Ruhrpotttradition. Und dann bist du hier schnell im Grünen – das Münsterland is gleich umme Ecke, die Lippe oder Cappenberg mittem Schloss, das kann man von Lünen oder auch von Dortmund aus schon sehen, wie das da auf dem Hügel drauf sitzt. Und alles nich weit wech!“

„Unsere Erdkundelehrerin hat gesagt,“ unterbrach ihn Nele, „dass Selm zum Münsterland gehört und nicht zum Ruhrgebiet.“

„Ne, ne, lass dir da bloß nix erzählen!“, wandt Heiner ein. „Hier war Zeche, also ist hier Ruhrgebiet. Die Schnösel inne Altstadt, dat ist vielleicht Münsterland, aber doch nicht unsere Zechensiedlung!“

„Heiner!“, unterbrach ihn Doreen. „Es geht doch nur um Neles Aufsatz …“

„Also ich find schön, dass es hier so viel Kunst gibt“, fuhr Doreen fort. „Die großen Figuren am Kreisverkehr, und an der Burg. Und auch die Kinder am Brunnen an der alten Kirche – die magst du doch auch, oder, Neelchen?“

„Mama, sag nicht Neelchen! Ich bin nicht mehr sieben!“

„Tut mir leid, Liebes – aber die mochtest du doch immer, die Brunnenkinder.“

„Ja, ganz schön, aber das war früher! Ich mag vor allem die bunte Kugel im Park und die große Tröte, wo man reinklettern und durchgucken kann!“

„Watt ‚en für ne Tröte?“, wunderte sich Heiner.

„Sehstation heißt die!“, belehrte sie Imke.

„Weil der Spielplatz mit der großen Rutsche da ist, oder?“, vermutete Doreen.

„Na gut, aber von da kann man die Kugel auch gut sehen!“

„Zu meiner Zeit gab’s da keinen Park“, brummte Heiner. „Aber was ich gut finde, ist dass auch Bork und Cappenberg zu Selm gehören. Die sollen sich mal nicht so haben, in Bork, nur weil die das Amtshaus bei sich im Dorf haben!“

Auf dem Südring nach Norden

„Also mir gefällt in Bork die Kirche mit dem Zwiebelturm – das ist besonders, das gibt’s sonst nur in Süddeutschland!“, sagte Doreen.
„Ist ja auch fast Süddeutschland“, wandt Heiner grinsend ein. „Aber gegen Bork hab ich sonst nichts!“

„Aber du freust dich doch immer, wenn wir schnell durch Bork durch sind“, sagte Nele. „Immer wenn wir von Oma Alstedde kommen, singst du ‚Auf dem Südwall nach Norden, mit Selm-Beifang als Ziel‘. Und grinst dabei, als fändest du das jedes mal wieder lustig. Das ist peinlich, Papa, echt!“

„Und ich find gut, dass Bork ein Frauenfußball-Team hat“, warf Imke ein.
„Ich weiß noch nicht, was ich schlimmer finden soll – dass meine Tochter für die schwatt-gelben Schnösel aussem Sauerland is oder selber in Bork spielt …“

„Heiner, nu lass sie doch! Aber ich hab auch noch was, was ich wirklich schön an Selm finde: neulich der Spaziergang, als wir nach Netteberge rauf sind, wo man so weit gucken kann – das sollten wir mal öfter machen, alle vier! Und da waren die Kühe und die Hühner – die magst du doch auch, Neelchen, oder?“

„Sag nich Neelchen, Mama! Tiere ja, aber Laufen, och nöö! Dann lieber zum See baden! Da ist es fast so schön wie in Holland am Meer!“

„Das ist jetzt zu kalt, Neeli. Du weißt doch: draußen schwimmen nur in Monaten ohne r!“

„Hä?“

„Das heißt: nur im Mai, Juni, Juli und August – alle anderen Monate haben ein r im Namen!“

Nele überlegte kurz und grinste. „Ja echt, das ist witzig! Und ich hab auch was, was mir gefällt: Am Spielplatz, da waren so fransige Pflanzen, so wie mit Antennen oder wie Marsmännchen! Voll crazy!“

„Ach echt? Und wenn Leo jetzt hier wäre, könnte er dir vielleicht auch was über die alte Synagoge und den jüdischen Friedhof erzählen“, sagte Doreen. „Ich weiß dazu leider nicht so viel, aber Leo sagt immer, dass das wichtig ist, dass man solche Orte besuchen kann. Er hat doch da mit der Schule mal was zu gemacht. Wie war das noch Heiner?“

Heiner schaute von seinem Abendbrotteller auf und nahm einen großen Schluck aus seiner Bierflasche. Schließlich sagte er: „Ich weiß das nicht mehr, dein Sohn immer mit dem ollen Zeugs, man kann sich doch nicht um alles kümmern!“

„Also ich finde, dass das genauso zu Selm gehört wie die Zeche, oder? Ich habe mir den Vortrag von Leo in der Schule angehört, ich fand das richtig gut gemacht!“, sagte Imke.

Heiner schaute etwas betreten zur Seite, trank einen weiteren Schluck Bier, erwiderte aber weiter nichts.

„Ach, ja! Alles nicht so einfach, oder?“, löste Doreen den Moment des Schweigens auf. „Hast du jetzt genug für deinen Aufsatz, Neeli?“, fragte Doreen.

„Mama, auch nicht Neeli!“

„Wie wünschen gnä’ Fräulein denn tituliert zu werden, bitt‘ schön? Ist Neeli von Peeli Recht, Euer Hochwohlgehaben?“, neckte Imke sie und bemühte sich dabei um einen österreichisch klingenden Tonfall.

„Mann! Na klar, das darfst aber nur du sagen, Imkie von Pimkie!“, grinste Nele und zwickte Imke in die Seite. „Und mein Aufsatz, der wird toll, über Selm, mit Bork und Cappenberg im Ruhrgebiet und im Münsterland.“

Viele Hände, schnelles Ende

„Kinder, jetzt ist gut, los – wir räumen ab. Papa hat nachher noch Online-Skat, und meine Serie fängt gleich an.“

„Soll ich dir mal zeigen, wie du das in der Mediathek streamen kannst?“, fragte Imke.

„Ach lass mal, das könnte ich schon selbst, bin nicht so lost, wie du denkst! Aber ich sehe es gern dann, wenn es kommt. Ich bin eben altmodisch.“

„Klar, Mama, aber lineares Fernsehen ist sooo 90er-Jahre!“, wandte Nele ein.

„Was weißt du schon von den 90ern, Neeli – ach, Liebes …“

Heiner grinste: „Ja, in Selm gehen eben alle mit der Zeit, aber es muss ja nicht gleich alles Einzug in unsere alten Gemäuer halten. Und die 90er, die waren gar nicht mal soo schlecht!“

So räumten alle gemeinsam den Tisch ab, im alten Haus in der Siedlung am Hang. „Viele Hände, schnelles Ende“, war die Devise von Doreen, die sie immer besonders laut aufsagte, wenn Heiner sich zu schnell aus dem Staub machen wollte.

Nebenan, bei Familie Yildiz, das war am Flimmern hinter dem großen Fenster zu erkennen, lief das gleiche Fernsehprogramm wie im Wohnzimmer der Böddings. Doreen lächelte und wusste: morgen, da kann sie ganz gemütlich mit Yasemin über die neueste Folge ihrer Lieblingsserie klönen!


Diese „selmische Geschichte“ bezieht sich auf die Motive des Kalenders SELMomente 2026. Sie wurde bei der Eröffnung der Ausstellung mit Motiven des Kalenders und anderen Fotos aus dem SELMagazin in der Burg Botzlar am 12.11.2025 vorgetragen.

 

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