Selmische Geschichten – Eier zum Frühstück

Selmische Geschichten – Eier zum Frühstück
Frühling am alten Haus in der Siedlung am Hang (KI-erzeugt)

Es war Sonntag im alten Haus in der Siedlung am Hang. Frühstückszeit bei Familie Bödding.

Der Tisch war reichlich gedeckt: frische Brötchen vom Bäcker am Kreisverkehr, Käse, Marmelade, Zuckerrübensirup, Nuss-Nougat-Creme in Bio-Qualität vom Drogeriemarkt, Orangenspalten – und, weil Sonntag war, Eier.

Die Eier brachte Heiner aus der Küche, in einem Korb, zugedeckt mit einer Haube, die vor zehn Jahren vielleicht einmal die Form einer brütenden Henne gehabt hatte und heute eher einem Backhandschuh glich. Dazu Kaffee, reichlich Kaffee, und zweierlei Milch: Heiner Kuhmilch, haltbar, Doreen Hafermilch in Barista-Qualität, Imke schwarz. Nele trank Kakao, warm, nicht heiß, damit sich keine Haut auf der Oberfläche bildete.

Von draußen schien die Sonne auf den Tisch. So konnte der Tag beginnen.

Nach ihrem Brötchen mit Nuss-Nougat-Creme, das Doreen ihr, obwohl sie es längst selbst konnte, auf drängelndes Bitten gestrichen hatte – „Mama, doch nicht so dünn!“ – nahm Nele ein Ei aus dem Korb.

Sie schaute sich unsicher um, nahm dann einen Eierlöffel und klopfte zaghaft auf die Schale. Eine kleine Bruchstelle entstand, und sie begann, die Schale vorsichtig mit den Fingern abzupellen. Dabei hatte sie den Ehrgeiz, mindestens ein großes Stück unzerbrochen zu lassen.

Da das Ei jedoch sehr heiß war, konnte sie es nicht gut greifen. Die Folge: kleine, splitternde Stücke, von denen einige hartnäckig am Eiweiß festhielten.

„Och menno! Das klappt heute nicht!“, sagte sie enttäuscht.

Sie schaute in den Korb. Dann zu Doreen. Ob sie wohl ein zweites Ei nehmen und das angefangene mit den kleinen Schalenstücken zurücklegen könnte?

Doreens Blick sagte eindeutig: Denk nicht mal dran.

Hier mussten keine Worte gewechselt werden. Nele wusste Bescheid. Das Ei wird gegessen.

Sie zerteilte es mit dem Löffel und schob es sich in den Mund. Dabei biss sie absichtlich auf die verbliebenen Schalenreste und ließ es möglichst laut knirschen.

„Papa hat die Eier falsch abgeschreckt! Jetzt muss ich das essen!“

Für einen Moment schmollte sie.

Nun griff Heiner sich ein Ei. Er nahm sein Messer, an dem noch Butter- und Marmeladenreste von seinem Brötchen klebten, setzte es an und schnitt das obere Viertel des Eis sauber ab. Er löffelte zuerst den kleinen Teil aus, nahm dann den Salzstreuer, streute genüsslich Salz auf den Rest und aß auch diesen in aller Ruhe. Zum Schluss blieb ein wenig Eigelb an seiner Oberlippe hängen.

„Siehste, meine Kleine“, sagte er. „So isst man ein Ei. Dann muss es auch nich fachkundig abgeschreckt werden.“

„Papa, das ist eklig“, sagte Nele. „Erst die Butter am Messer, dann das Ei am Mund. Mach das weg!“

Doreen und Imke kicherten.

„Da hat sie schon recht, Papa“, ergänzte Imke.

Heiner nahm eine Serviette, wischte sich den Mund ab und murmelte:
„Ach, landet doch sowieso alles im Magen. Wech is wech.“

Er goss sich Kaffee nach, reichlich H-Milch, und trank einen großen Schluck.

Doreen schaute zu Nele.

„Schau, Neelchen, man kann das schon pellen. Du musst nur vorsichtig anfangen.“

Sie nahm ihr eigenes Ei, klopfte es sanft an und löste die Schale Stück für Stück. Nicht perfekt, aber kontrolliert.

„Hier, von der Seite. Dann geht das.“

Heiner schnaubte.
„Dat dauert doch ewig.“

„Man muss ja nich immer alles schnell machen“, sagte Doreen. „Schon gar nicht am Sonntag.“

Nun nahm auch Imke ihr Ei, klopfte es so auf den Tisch, dass es auf der Platte stehen blieb.

„Das geht mit einem harten Ei besser. Das ist auch nicht so glibberig.“

Heiner: „Ein Ei muss weich sein, sonst kannste auch gleich Brot essen.“

Doreen: „Zu weich ist aber auch nix. Dann läuft alles weg.“

Imke: „Also mir ist das egal. Hauptsache, es schmeckt.“

Dann fügte sie hinzu:
„Ich weiß, was Leo sagen würde. Er würde garantiert sagen, es gibt nur eine richtige Art, ein Ei aufzubrechen.“

Alle schauten sie an.

„Mit dem Schnabel. Dem eigenen. Von innen.“

Nach einer kurzen Pause ergänzte sie lachend:
„Dann erübrigt sich auch die Frage, ob es hart oder weich sein muss.“

Es wurde kurz still am Tisch.

Heiner hielt inne. Doreen auch.

Nele trank einen Schluck Kakao, schaute auf ihre krümeligen Eierschalen – und musste plötzlich losprusten.

„Dann machen wir das ja alle falsch“, sagte sie und konnte einige Kakaospritzer nicht zurückhalten.

„Neelchen! Nun pass doch auf!“, sagte Doreen, wischte die Tropfen weg und versuchte ernst zu bleiben. Vergeblich – sie musste ebenfalls lachen.

„Mama, nicht Neelchen! Ich bin nämlich schon groß!“

Imke grinste.
„Ja, das haben wir gerade gesehen, junger Padawan.“

Doreen lächelte. „Ach, ihr wieder.“

Heiner nickte und lachte demonstrativ etwas zu laut, um Imke zu zeigen, dass er die Anspielung verstanden hatte.

So nahmen das Frühstück und der Sonntag ihren Lauf im alten Haus in der Siedlung am Hang.

Die „Selmischen Geschichten“ sind eine lose Reihe von Erzählungen aus dem Alltag der fiktiven Familie Bödding. Schauplatz ist ein altes Zechenhaus in Selm. Die „Siedlung am Hang“ ist eine literarische Anspielung auf die ehemalige Zechensiedlung Hermann in Selm-Beifang östlich der Kreisstraße.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*