Halbmarathon Nordkirchen – Als das Sofa näher war als das Ziel
Zweimal war Selm näher als das Ziel
Zweimal auf der Strecke war Selm mir näher als das Ziel. Am Abzweig bei Kilometer 5 und bei Kilometer 15, zwischen Buxfort und Obsen, lockte mich der Radwegweiser mit „Selm 4,6 km“ für einen kurzen Moment dazu, von der Strecke abzubiegen. Vor allem in der zweiten Runde wog die Verlockung schwer: das nahe Sofa oder doch weiter durch die Augustsonne zum Schlosspark und zurück zum Nordkirchener Sportplatz?
Doch wer die Abkürzung sucht, macht sich eigentlich nicht auf den Weg eines Halbmarathons, oder?
Also ging es nach links, der Wegweiser zeigte in diese Richtung nach Südkirchen.
An diesem Sonntagmorgen, es war der 2. August 2026, machte ich mich mit 425 Läuferinnen und Läufern auf die Strecke, die aus halb historischen Gründen genau 21,095 Kilometer lang ist. Nach zwei eher langsamen Runden auf der Tartanbahn des Nordkirchener Sportplatzes ging es zunächst in den Schlosspark – ja, auch dafür hatte ich einen Blick: „Hallo Schloss“, aber nur kurz. Weiter durch eine Siedlung, am Mühlenturm entlang und bei der großen Gärtnerei links ab in Richtung Obsen.
Tatsächlich verlief die Strecke bis dorthin sogar knapp 900 Meter über Selmer Stadtgebiet, in beiden Runden, bevor es weiter nach Südkirchen ging. Das macht immerhin einen Anteil an der Gesamtsrecke von über 8 %!
Und das Stück über den Obsen hielt die Rennleitung offenbar für markanter als den wunderschönen Abschnitt mit Sicht auf das „Westfälische Versailles“. Das Laufmotto lautete nämlich „Über den Obsen hopsen“ – vielleicht auch nur wegen des Reimes.
In Südkirchen war die Stimmung am großartig: Musik, anfeuernde Passanten, Applaus. Viele hatten sich Gartenstühle in die Einfahrt gestellt und nahmen ihr Sonntagsfrühstück am Streckenrand ein. Ganz eindeutig die Südtribüne der Laufstrecke, die zweimal zu passieren war. Beim ersten Mal waren es noch angenehme 19 Grad, gut zehn Kilometer und knapp eine Stunde später bereits drückende 25.
Die Temperatur – genau das war die eigentliche Herausforderung des Rennens.
Mir war von Beginn an klar, dass ich mir für die zweite Runde einige Körner aufsparen musste. Nur wie viele? Mein Ziel hatte ich ob dieser Ungewissheit gleich in drei Varianten formuliert:
- schneller als der Marathon-Weltrekord, der seit April 2026 bei 1:59:30 h liegt
- unter zwei Stunden
- schneller als 10 km/h
Die Herausforderung der ersten Runde: nicht zu langsam und nicht zu schnell
Die Herausforderung bestand darin, am Anfang nicht zu langsam zu laufen und dennoch genügend Reserven für die zweite Runde zu behalten.
Da ich „nach Gefühl und Schnauze“ laufe, also nicht mit einem schlauen Piepser am Handgelenk, der mir mit Computerstimme jede Zwischenzeit vermeldet, ist es Ermessenssache, ob ich gerade zu schnell oder zu langsam unterwegs bin. Es gibt so ein gefühltes Tempo, das ich „unendlich“ nenne. Ein Tempo, das sich so anfühlt, als können man ewig so laufen. Das ist meist mein Tempo in der ersten Hälfte des Rennens – und irgendwann mal schauen, was noch drin ist.
Das Lob des Zwischenspurts
Doch es war nicht allein die anvisierte Endzeit, die es sinnvoll machte, immer ein paar Körner in Reserve zu haben.
Es erwies sich als ausgesprochen praktisch, jederzeit einen kleinen Zwischenspurt einlegen zu können: Um einen attraktiven freien Streckenabschnitt voraus zu besetzen oder um die Stausituation zu umgehen, wenn drei nebeneinander laufende Männer mit trainierten Oberkörpern die gesamte Breite des Weges an der Orangerie einnehmen. Auch dann, wenn sich ein unangenehmes Keuchen langsam von hinten nähert oder wenn ein Laufender mit ausladenden Armbewegungen versucht, sich bei Kilometer 14 noch genügend Schwung zu verschaffen – direkt neben mir.
Auch unangenehm: in Hörweite einer Dreiergruppe lautstark palavernder Frauen zu laufen.
Meine Strategie war es eher, mich an eine kleine Gruppe mit entspanntem und ruhigem Laufstil zu hängen und mich von der läuferischen Eleganz anstecken zu lassen. Einige Meter dahinter. Platz nach allen Seiten. Genug Abstand, um weder Schweißtropfen noch Ellenbogen abzubekommen oder Atemluft im Nacken zu spüren. So lief es über einen großen Teil der Strecke fast wie von selbst, gleichmäßig der Schritt, ruhig der Atem.
Das Feld von hinten aufrollen
Das funktionierte erstaunlich gut über lange Zeit. Meist musste ich mir allerdings die Gruppe ein Stück weit vorne suchen. Mich ihr langsam nähern und mich irgendwann durchringen, zum Überholen anzusetzen – und dann nach der nächsten passenden Gruppe Ausschau zu halten.
Denn es gehörte auch zu meiner Taktik, ganz hinten zu starten und das Feld langsam zu überholen. Deses Gefühl, auf der Überholspur zu sein, sehr motivierend! Natürlich geht diese Taktik nur als Mischkalkulation auf. Ganz ohne überholt zu werden geht es nicht – und zu den Überholenden gehören auch einige, die keuchend, mit angestrengtem Schritt oder mit ausladenden Armbewegungen unterwegs waren.
„Ruhig atmen“, dachte ich. „Verausgabe dich nicht. Wir sehen uns später.“
So weit die Theorie. Denn nicht alle sah ich später tatsächlich wieder. In diesem Jahr sogar eher die wenigsten.
Der Hammer kam bei Kilometer 15
Dann kam Kilometer 15. Und die Sonne.
Rechts lockte Selm, Abzweig Buxfort. Nach links waren es noch sechs Kilometer bis ins Ziel.
Nach einem langen Abschnitt in der prallen Sonne schlug der Hammer zu. Die Reservekörner waren aufgebraucht. Ab da zählte ich die Kilometer rückwärts.
„Nur noch sechs. Noch fünf. Mist, immer noch vier. Was, echt jetzt, noch drei?“
Die gelaufenen Kilometer auf der Habenseite einzahlen zu können, motiviert zwr mehr, Doch ab nun hieß die bange Frage: Wie lange muss ich noch?
Citylauf Köln zog an mir vorbei. Lauftreff Haltern zog an mir vorbei. Running Spirit zog an mir vorbei.
Nur die drei jungen Männer, die an der Orangerie nebeneinander laufend die gesamte Wegbreite einnahmen, sah ich bis zum Ziel nicht wieder.
Dann kam noch einmal Südkirchen.
Applaus. Rhythmische Musik.
Vor mir lief eine Frau in angenehm leichtfüßigem Laufstil. Gruppen von Läufer/innen gab es hier schon länger nicht mehr. Doch meine Leichtfüßigkeit war gefühlt seit einer Weile dahin, ich konnte mich auch nicht mehr anstecken lassen. Ich überholte sie. Sie überholte mich. Ich überholte sie. Sie überholte mich. Und auf der langen Geraden durch den Wald zum Schloss, etwa bei Kilometer 19, verlor ich sie endgültig aus den Augen. Das war nicht mehr mein Tempo.
Die letzten Körner und die Höchststrafe
Und dann kam die Höchststrafe.
Kilometer 20 war fast erreicht, als ich hinter mir laute Stimmen vernahm.
„Wow, sind wir klasse! Das wird unser schnellster Halbmarathon! Macht das Spaß! Und was für eine tolle Strecke!“
Da war sie wieder, die lautstark palavernde Dreiergruppe. Eigentlich war es nur eine der drei, die so penetrant zu hören war. Und sie rief eher sehr laut, als dass sie palaverte. Offenbar die Motivationstrainerin für die beiden anderen. Aber mal ehrlich: Mich würde soetwas eher demotivieren, zumindest in der Lautstärke und ohne Pause vorgetragen.
Als sie mich einholten – genau an der Stelle, an der ich in Runde eins einige Körner investiert hatte, um ihnen zu enteilen – investierte ich noch ein Korn.
„Was schreien Sie denn so?“, fragte ich, eher fassungslos ob der offenbar falsch eingesetzten Energiereserven als anklagend.
„Wir haben halt Spaß“, kam die Antwort.
Ich war hier wohl eher die Spaßbremse, doch das war mir egal. Mein Kommentar zeigte dennoch Wirkung: Sie waren still, für einige Zeit, als sie sich Meter um Meter von mir entfernten. Ich verbuchte das als kleines Erfolgserlebnis.
Doch Spaß hatte ich in diesem Moment gerade wirklich nicht.
Aber das Stadion war schon zu riechen.
Es ging die lange Gerade am Nordkirchener Schloss entlang. An deren Ende stand eine Laufuhr, die mir 1:58:30 h anzeigte. 600 Meter vor dem Ziel. Oder doch 700?
Rechtskurve. Kurze Rechnung: Wie lange hatte es eigentlich gedauert, bis ich aus Startblock C überhaupt die Startlinie überquert hatte?
Nein. Unter zwei Stunden wird das wohl nichts mehr. Egal. Darauf hatte ich seit Kilometer 19 auch nicht mehr spekuliert. Aber: Es reichte noch für einen Schlussspurt. Über die Straße. Stadionrunde. Die letzten 300 Meter. Die Frau mit elegantem Laufstil hatte gerade das Ziel erreicht, die Gruppe um die Motivationstrainerin hatte auch sie noch überholt. Das Keuchen hinter mir aber überholte mich nicht mehr.
Ziel 3 erreicht
Die Uhr stand bei 2:02:55, als ich ins Ziel lief.
Spoiler: Vom Startschuss bis zur Startlinie waren 33 Sekunden vergangen.
Meine Nettozeit war also 2:02:22 Stunden, das heißt:
Ziel eins: nicht erreicht.
Ziel zwei: nicht erreicht.
Ziel drei: locker erreicht – 10,4 km/h im Durchschnitt. Klasse! Trotzdem!
Die Zwei-Stunden-Marke hatte ich im vergangenen Jahr bereits geknackt. Damals war die Temperatur in der zweiten Runde noch deutlich gemäßigter – keine 27 Grad wie in diesem Jahr beim Zieleinlauf.
Zwei Becher Wasser.
Ein alkoholfreies Bier.
Zwei Minuten auf dem Rasen sitzen.
Und mit dem Stolz kam auch der Spaß zurück.
Ach, im Herbst könnte ich doch mal einen Marathon versuchen. Oder?
Die Zahlen
Oliver Hübner (Team SELMagazin)
Startnummer 1356
Nettozeit 2:02:22
Platz 238 von 410, gestartet waren 425 (DNF: 15)
Wertung Männer: Platz 185 von 277, gestartet waren 284
Altersgruppe M55: Platz 20 von 24
