Die kleine Raupe – Teil 2

Die kleine Raupe – Teil 2
Abendpfauenauge - Foto: Biberbaer, CC BY-SA 3.0

Dieses ist der zweite von zwei Teilen des Artikels zur kleinen Raupe.

-> Die kleine Raupe … Teil 1

Annäherungsversuche

Wir kennen wahrscheinlich nur ein Drittel der Insektenarten (www.wwf.de: Das stille Sterben von Insekten.) , die es gibt. Über dieses Drittel kann ich zumindest noch einiges lernen.

Als ich anfing mich mit Insekten zu befassen, kam mir die blauäugige Frage: Ist eine Raupe überhaupt ein Insekt? Was ist mit den 6 Beinen, die Insekten haben sollen? Raupen haben meist 16. Aber es ist tatsächlich so: die Raupe als Tierart gibt es nicht. Mir war schon klar, dass Raupen nur ein Stadium der Entwicklung sind – aber es hat mich dann doch ein bisschen überrascht, als mir klar wurde, dass es gar keine Raupen gibt, die einfach Raupen bleiben.

Gibt es tatsächlich nicht. Die Tierart wird definiert über den Falter, das geschlüpfte flugfähige Tier. Zur Unwissenheit gesellt sich dann bei mir auch noch eine gewisse Abneigung. Damit meine ich nicht die Tagfalter, die sind schön, sondern die Nachfalter oder Motten. Ich bin so gestresst, wenn sie mich umflattern. Wenn ich nachts mit der Taschenlampe am Hochbeet stehe und wacker versuche meinen Salat vor den Schnecken zu retten, kommen sie immer. Sie stechen nicht und beißen nicht und trotzdem trete ich sehr schnell, sehr gegruselt den Rückzug an. Nachtfalter sind mir unheimlich.

Wie schließt man Frieden mit seinen Ängsten? Reicht der kleine Trost, dass einige Arten archaische Erinnerungen in uns wecken, aus grauer Vorzeit, als diese Tiere für den Menschen noch in irgendeiner Form gefährlich waren? Altbestände unseres Gehirns sozusagen, das uns immer noch warnen will. Hilft mir nur ein bisschen.

Manchmal hilft es, Schönheit zu finden. Cornelia Funke hat mit ihrem wunderschönen kleinen Buch: „Nachtfalter“ einen Teil dazu beigetragen. Jessica Frachts Illustrationen von Raupen und Faltern sind farbstark und beeindruckend, Cornelia Funke benennt kurz Besonderheiten der jeweiligen Art, blickt tiefer und rührt an die Magie, die diese Tiere umweht.

„Die Motte bohrt als Raupe kleine Löcher in ihren Kokon, damit sie bei heftigem Regen nicht darin ertrinkt. Wie sieht sie die Gefahr voraus? Schließlich ist es doch der erste und einzige Kokon, in dem sie sich verwandelt? Natürlich führt das zu der großen Frage, was genau Erinnerung ist und ob sie älter sein kann als das Individuum. Der Kometenfalter scheint die Frage zu bejahen.“ (Cornelia Funke: Nachtfalter, S. 78) „Kometenfalter“, „Königliche Walnussmotte“, „Regenbogenfalter“, Namen, so faszinierend wie die Wesen, die sie tragen – springt da nicht sofort die Fantasie auf und möchte erzählen? Nicht umsonst kommen Schmetterlinge in so vielen Märchen und Mythen vor.

Meine Nachforschungen haben mich gelehrt, dass die Falter mich nachts anflattern, weil mein Licht sie von ihrem Navigationssystem Mond und Sterne ablenkt und sie verwirrt. Also habe ich sie aus dem Konzept gebracht; ich dachte, sie mich. Sorry.

Hoffnungsmomente

Bei all dem Reden für Klimawandel, Artensterben, Wetterereignisse etc. steht meist die Bedrohung im Vordergrund. Der Imperativ: Wir müssen etwas unternehmen!, hat doch genaugenommen den Nachsatz: Damit wir weiter so leben können wie bisher. Inzwischen dürfte doch allen klar sein, dass wir das Aussterben der Insekten nicht überleben werden, dagegen die Insekten unser Aussterben schon? Aber wie würde es aussehen, wenn wir nicht so weitermachten wie bisher?

Wir haben so vieles vergessen. Wir haben vergessen, dass wir ein Teil einer Einheit sind, Teil dieses Ökosystems Erde. Wenn wir es zerstören, zerstören wir uns selbst. Wir haben aber leider auch vergessen, welch unglaubliche Freude es ist, wenn Leben einzieht und aufblüht. Wie tief es uns berühren kann, wenn Tiere sich wieder zeigen, welch Schönheit sich entfaltet, wenn diese komplexen Lebensgefüge wieder in einem Lebensraum zusammenfinden.

Uns macht es doch schon selig, wenn wir Tiere füttern, wenn das Rotkehlchen sofort kommt, wenn man in den Garten geht. Warum ist das so? Weil wir dann die Beziehung spüren, die zu uns gehört. Wir sind Teil des großen Atems dieser Erde, Teil einer großen Konversation, die wir nicht so ganz verstehen, aber manchmal doch spüren können.

Zum Abschluss dieser Überlegungen, die mit der kleinen grünen Raupe begonnen haben, möchte ich eine Schmetterlingsgeschichte erzählen, die mit diesen faszinierenden, rätselhaften Zusammenhängen zu tun hat. Sie hat sich in England ereignet und ist für mich eine Hoffnungsgeschichte.

Es handelt sich um die Geschichte eines Renaturierungsprojektes in West Sussex, England. Ein Ehepaar erbt ebenda das Landgut Knepp, auf dem über Generationen intensive Landwirtshaft betrieben wurde. Nun ist der Boden ausgelaugt und das Gut schreibt rote Zahlen. Das Paar lässt sich beraten, investiert und rationalisiert den Betrieb. Aber die Investitionen bleiben höher als die Einkünfte und ihnen wird klar: sie müssen andere Wege finden. Mit Hilfe von Experten, dem Wissen aus anderen Renaturierungsprojekten und Fördergeldern beginnen sie 2002 ihr Land Schritt für Schritt zu renaturieren.

Kein einfacher Weg. Jahr für Jahr werden Tiere freigelassen: Damhirsche, Langhornrinder, Schweine, …. Jahr für Jahr werden Äcker brachgelegt, Zäune entfernt, Wasserwege neu gestaltet … Jahr für Jahr ist es eine Auseinandersetzung mit Rechtsgrundlagen, Förderanträgen, den Nachbarn der umliegenden Gehöfte … und Unvorhersehbarem.

2008 kam es zu einer explosionsartigen Ausbreitung der Ackerkratzdistel, was bedeutete: anderthalb Meter hohe Dickichte dieser Disteln, die durch ihre Samen und die Ausbreitung über ihre Wurzeln bereits 2009 tausende Quadratmeter erobert hatten und natürlich auch die Äcker der umliegenden Höfe bedrohten. Diese Pflanze stellte alles in Frage, auch das gesamte Konzept der minimalen Einmischung des Menschen in die Natur. „Wir schauten hinaus auf die „Disteln des Schreckens“, stellten uns vor, was unsere Nachbarschaft sagen würde und fürchteten, die Disteln mit ihrer schamlosen Invasion könnten die Förderung (…) in Gefahr bringen.“ (Wildes Land, S. 197 und ff.) Entsprechend ihrer Rewilding-Ethik kamen Mähmaschinen und Unkrautvernichter nicht in Frage. Aber wie dann mit dieser Invasion umgehen?

Wenn Sie mehr über dieses Renaturierungsprojekt erfahren wollen: Es gibt dazu den Film „Wildes Land“ und ein gleichnamiges Buch von Isabella Tree, mit dem Untertitel „Die Rückkehr der Natur auf unser Landgut“. Ich kann beide nur wärmstens empfehlen.

„Während wir uns den Kopf über unser stacheliges Dilemma zerbrachen, war auf der anderen Seite des Ärmelkanals eine weitere Invasion auf dem Weg zu uns. Mit Geschwindigkeiten bis zu 50 Stundenkilometern brausten 11 Millionen Distelfalter auf ein Land zu, das sie noch nie gesehen hatten. Distelfalter sind berühmt für ihre Langstreckenreisen und besuchen Großbritannien nur als Sommergäste. Etwa eine Million Tiere werden jedes Jahr zu unseren Inseln herübergeweht. Aber einmal pro Jahrzehnt, wenn an den Wüstenrändern Nordafrikas und Arabiens (…) ein starker Anstieg der Population mit idealen Wetterbedingungen für Interkontinentalflüge zusammentrifft, kommen noch weitere Millionen (…) Draußen im Park hatten sich Tausende und Abertausende niedergelassen wie zitternder Nebel. (…)“

Dieser kleine Falter, der weniger als ein Gramm wiegt, startet auf einem anderen Kontinent und fliegt mit Millionen seiner Art über Europa, über den Ärmelkanal und landet im Mai 2009 genau da, wo er so viel Futter für seine Raupen vorfindet. Aus Sicht der Menschen: wo er die Existenz dieses Projektes rettet.

„Mit geschlossenen Augen in einem Schmetterlingssturm zu stehen (…) ist eine verwirrende Erfahrung. Das Geräusch eines einzelnen Schmetterlings ist unhörbar. Aber zehntausende von ihnen haben ihren eigenen Atem, wie der Windzug eines Wasserfalls oder einer herannahenden Wetterfront.“

Was man in Knepp und in ganz England beobachten konnte, war ein Teil der größten Schmetterlingswanderung der Erde. 11 Millionen Distelfalter flogen in diesem Jahr nach England. Sie können auf ihrem Weg 15.000 Kilometer zurücklegen, bis zu sechs aufeinanderfolgende Generationen Falter sind für diese Reise nötig.

Im Sommer waren die Disteln voller Raupen und im Jahr darauf waren „25 Hektar Ackerkratzdisteln verschwunden“.

All diese großen und kleinen, auf- und abschwellenden Zyklen der Natur, ihr geheimnisvolles Ineinandergreifen, von denen wir trotz aller Wissenschaft noch so wenig verstehen. Vom Ei zum Schmetterling, von Nordafrika nach England und wieder zurück, von „Bevölkerungsexplosionen und -zusammenbrüchen“.

Man hat jetzt erst herausgefunden, dass die Schmetterlinge tatsächlich auch wieder über den Ärmelkanal zurückfliegen. Nur fliegen sie so hoch, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann.

Man forscht gerade daran, dass Schmetterlinge tatsächlich eine Art Erinnerung an ihr Raupenleben haben.

Ob wir auch eine Erinnerung in uns tragen, wie es ist, mit der Natur zu leben? Dann würde aus der kleinen Raupe Nimmersatt …

Was schenkt Ihnen Hoffnung?

Es gibt sicher noch viele solcher Hoffnungsgeschichten, auch hier in Selm. Zwar geht es nicht Millionen Schmetterlinge, aber zum Beispiel um tausende Krokusse, die bereits gepflanzt worden sind und weiterhin jährlich gepflanzt werden. Mir macht das Mut, denn ohne Nahrung keine Insekten.

Schreiben Sie gerne in die Kommentare, was Ihnen Hoffnung schenkt, welche Projekte und Entwicklungen Ihnen Kraft schenken. Ich freue mich über jeden Hoffnungsstern!

Dieses ist der zweite von zwei Teilen des Artikels zur kleinen Raupe.

-> Die kleine Raupe … Teil 1

Titelbild: „Smerinthus ocellata, Abendpfauenauge“ von Biberbaer, Originalbild, Lizenz: CC BY-SA 3.0. Zugeschnitten und im Seitenverhältnis angepasst durch das SELMagazin. Die bearbeitete Bildfassung steht ebenfalls unter CC BY-SA 3.0.

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