Die kleine Raupe – Teil 1

Die kleine Raupe – Teil 1
Die kleine Raupe ...

Die kleine Raupe Nimmersatt kennt jeder …

Aber die Raupe, die unvermutet auf der Hand meiner Freundin saß, als wir unter der Linde am Steinkreis in Cappenberg plauderten, kannten wir beide nicht. „Oh, die sehr seltene Einhornraupe“, behauptete ich frech, denn diese apfelgrüne Raupe hatte unübersehbar ein Horn. Leider belehrten uns Kriechbewegungen, dass das Horn wohl eher hinten saß. Also ein Analhorn, kein Einhorn. Wie schade.

Wir machten ein paar Fotos und das, was man heute so tut, wenn man keine Ahnung hat: wir befragten die KI, wer die schöne Unbekannte denn sei. „Weidenspannereule“ kam als Antwort. Schön, nun hatten wir einen Namen und setzten die Raupe wieder in den Baum. Auch wenn ich noch herausbekommen wollte, wieso Falter Eulen genannt werden, wir warens zufrieden, wie es im Märchen so schön heißt.

So weit so gut. Es ging weiter, wie es oft weitergeht, ich postete das Foto der Raupe in eine Gruppe, weil ich sie schön fand, aber ohne Namen, weil sich den ja doch niemand merkt. Aber andere sind auch findig und schon im nächsten Post stand: „Es handelt sich wahrscheinlich um die Raupe des Buchen-Streckfußes.“ Okay, jetzt war ich wach. Ganz ein anderer Name. Ich schaute mir die Raupe des Buchen-Streckfußes an: voller Haare. Hatte unsere Raupe definitiv nicht.

Aber die Raupe der Weidenspanneule überzeugte mich auch nicht, als ich sie mir genauer ansah. Bei einer anderen Freundin schlug die KI die „Gemeine Florfliege“ vor – die als Fliege zwar über einen langen, schmalen apfelgrünen Körper verfügt, aber nicht als Raupe. Der Vorschlag eines weiteren Freundes lautete „Abendpfauenauge“ und der kam unserer Raupe am nächsten.

Vier Anfragen, vier verschiedene Antworten. Was lernen wir daraus? Wie immer sehr bemüht, diese KI. Aber offensichtlich gibt es wenige Anfragen zu Raupen, sonst hätte die KI wohl schon mehr dazu gelernt. Das brachte mich zu der Frage, warum das so ist – gibt es wenig Anfragen, weil es nur noch wenig Raupen gibt, oder interessieren sie uns einfach nicht?

Wo sind die Insekten hin?

Überrascht musste ich feststellen: Das Interesse an Insekten im kulturellen Raum ist durchaus groß. Nicht nur, dass vor kurzem der Kinofilm „Insekten – Helden im Verborgenen“ lief, es gab die „Lange Nacht der Insekten“ im LWL- Museum für Naturkunde in Münster, aktuell kann man die Ausstellung „Industrieinsekten“ im LWL-Museum Zeche Zollern (noch bis 1. November) besichtigen, im Naturmuseum Dortmund „Insekten unterm Mikroskop“ oder das Schmetterlingshaus im Maximilianspark Hamm.

Woher kommt diese La Ola des Interesses? Ist etwa in unserem Bewusstsein angekommen, wie kritisch die Situation der Insekten ist? „Innerhalb von 27 Jahren ist die weltweite Biomasse aus Insekten um 76 Prozent zurückgegangen.“ (www.wwf.de: Das stille Sterben von Insekten.) Dreiviertel aller bei uns vorkommenden Tierarten sind Insekten, aber 42 Prozent aller Insektenarten gelten als in ihrem Bestand gefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben.

Und was passiert in Selm?

Wenn man sich in Selm umsieht, kann sagen, dass es durchaus Interesse an Insekten gibt und dieses Interesse auch Ausdruck in verschiedensten Projekten findet: Es gibt Blühflächen, den Wasserlauf im Auenpark, Krokusansiedlungen, Gärtner:innen, die auf insektenfreundliche Bepflanzung achten und zum Beispiel auch Wasserschalen für Insekten aufstellen. Es gibt auffallend viele Insektenhotels, große und kleine. Zwar verstehe ich noch nicht genau, worin das Geheimnis funktionierender Insektenhotels liegt, denn bei einigen Hotels herrscht reger Betrieb, andere dagegen scheinen unbewohnt zu sein. Vielleicht muss auch die Umgebung einladend sein?

Die Initiatve „Selm pflanzt“ setzte im Herbst 2024 Tausende Krokuszwiebeln in der Stadt, unter anderem rund um die Ludgerikirche. Unser Foto der Woche im März 2025.

Nützlich oder nur schön? Insektenhotels

Wenn ich vor den Hotels stehe und beobachte, was in der Lobby so vor sich geht, befällt mich leider immer wieder der subversive Gedanke: Trifft unser Geschmack von dekorativen, schön gebastelten Insektenhäuschen auch den Geschmack der Insekten? Warum lassen wir nicht einfach mehr Totholz oder Steinhaufen liegen? Wo verlassen wir unseren Sinn für Ordnung und der Forderung nach pflegeleichten Anlagen zugunsten der Insekten und deren Verständnis von heimeliger Umgebung? Ein zu wilder Gedanke?

Es bleibt in mir die Frage, wieviel Natur wir eigentlich wirklich wollen. Oder soll sich die Natur genaugenommen unseren Vorstellungen anpassen und in die gewährten Nischen einpassen?

Wie ernst ist es uns mit den kleinen Bewohnern dieser Erde?

Natur kann sich manchmal überraschend schnell anpassen und regenerieren, wenn man ihr den Raum dafür lässt. Da könnte man doch sagen: Alles klar, die Natur regelt das schon, da brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Ein paar Büsche, verschiedene Pflanzenarten – und die Natur nimmt dankend an, auch bei kleinen Angeboten. Schon nach kürzester Zeit steigt die Zahl der Vögel und Vogelarten und Insekten halten Einzug. Was ist das Problem?

Der Natur etwas zurückgeben. Wollen wir das?

Wenn man eine Fläche kultiviert, also den natürlichen Zyklen entzieht und für die eigenen Zwecke nutzt, zerstört man die Komplexität eines Lebensraums. Mir gefällt das Beispiel vom Perserteppich, das David Quammen benutzt hat (aus: Der Gesang des Dodo. Eine Reise durch die Evolution der Inselwelten). Wenn man einen Perserteppich in viele kleine Stücke schneidet, hat man keinen Teppich mehr, nicht einmal viele kleine Teppiche. Nur nutzlose Fetzen, die ausfransen. Wenn Tier- oder Pflanzenarten aussterben, ist es, als würden aus den Stücken noch die Fäden herausgezogen, das Gewebe löst sich auf. Oder mit anderen Worten: Das Ökosystem löst sich auf. Bei 42 Prozent bedrohter oder ausgestorbener Insektenarten sind das viele Fäden. Renaturierung funktioniert dann nur sehr bedingt, indem man sich einfach raushält. Herumliegende Teppichstücke werden nicht von selbst wieder ein Teppich.

Das kennen wir doch von Gärten oder Grünflächen. Gestrüpp ist kein Biotop und wird so schnell auch keines. Verwahrlosung ist nicht Renaturierung, auch wenn Renaturierung als Konzept darauf baut, dass die Menschen sich möglichst aus den Prozessen der Natur raushalten. Aber: Ein ganzes Ökosystem selbstregulierend neu entstehen zu lassen, kann tausende Jahre dauern. Es gilt, erst die Voraussetzungen für eine Selbstregulierung zu schaffen. Dazu muss man sich fragen: Was gehört notwendig zu dieser Komplexität dazu, was muss ich einbringen, damit dieses Land wieder selbstständig leben und sich regulieren kann? Und eins sei gesagt: ein paar Büsche und Pflanzen reichen dafür keineswegs.

Ein kleiner Exkurs: Rewilding

Was muss ich also tun, um mehr Diversität zu erreichen? Wie bereits dargelegt: kleine Maßnahmen helfen da schon einiges. Besonders viele kleine Maßnahmen. Wollten wir im großen Stil drangehen und Ökosysteme wiederaufbauen, ist die Antwort leider nicht so einfach, wie wir sie gerne hätten. Aber ich möchte zumindest kurz darauf eingehen. Wir haben die Ökosysteme fragmentiert, Arten selektiert und die basalen Lebensgrundlagen ruiniert: freilebende große Tiere, Möglichkeiten der Migration, frei fließende Gewässer, gesunde Böden sind selten geworden – dabei sie sind notwendige Voraussetzungen für die Entstehung von Ökosystemen. Die Fachleute würden jetzt noch ergänzen: Und wie wollen wir mit den Fleischfressern umgehen? Rewilding bedeutet auch, dass die Nahrungsketten intakt sind, horizontal und vertikal. Die Wiedereinführung von Grasfressern mag noch Zustimmung finden, aber was ist mit den Prädatoren, den jagenden Tieren? Reicht es zu sagen: zu dicht besiedelt, geht nicht, lass mal weg?

Rewilding rüttelt kräftig an unseren Komfortzonen. Hand aufs Herz: Wie viel Wildes ertragen wir denn? Für mich persönlich kann ich nur antworten: nicht allzu viel, ich bekomme schnell Angst. Wildschweine finde ich schon nicht ungefährlich, aber sie halten sich in aller Regel fern. Zum Glück. Viel wilder wird es bei uns meist nicht. Das trägt zu einem hohen Gefühl von Sicherheit bei. Entwöhnt von Gefahren, können wir sie manchmal gar nicht mehr richtig einschätzen. Was war ich enttäuscht, als eine norwegische Freundin auf einer Tour schlicht sagte: „Du willst keinen Elch sehen, die sind nicht nett.“ Dooooch, super gerne hätte ich einen Elch gesehen. Ob ich schnell genug hätte rennen können, bezweifle ich allerdings.

Das Wilde hat bei uns die Aura von Erlebnis und Abenteuer, eine ziemlich romantisierte Vorstellung. Tatsache ist, es ist auch mit Gefahren verbunden und nicht immer schön, zum Beispiel wenn da ein Kadaver liegt oder ein Tier leidet. Wenn uns ein Wal schon wochenlang aufregt, ist das kein gutes Zeichen, oder? Ich sehe meine Grenzen und die Schwierigkeiten im Allgemeinen, wenn es um den Aufbau von Ökosystemen geht und habe keine Idee, wie man angemessen damit umgehen kann. Aber ich bin mir sicher, dass wir funktionierende Ökosysteme brauchen, dass wir der Natur mehr als nur ein bisschen entgegenkommen müssen. Was realistisch in unserem Verhältnis zur Natur möglich wäre, wenn wir unsere Ängste vor bestimmten Tierarten, unsere vermeintliche Vorrangstellung vor anderen Lebewesen und die Bequemlichkeit aus der Rechnung nähmen? Ich weiß es nicht, aber werden uns diesen Themen stellen müssen. Im Moment bin ich gerade erst beim Einsteigermodell angekommen, den krabbelnden Wesen. Welch Pech für die Insekten, dass sie so klein sind und leise sterben.

Das ist der erste von zwei Teilen des Artikels zur kleinen Raupe 

-> Die kleine Raupe … Teil 2 folgt am Freitag, den 25.09.

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