Borker Alltagsspuren: Das Philosopheneck


Philosophisch sinnend schreiten …

Ein schöner Frühlingstag im Jahr 1817. Vielleicht schritt Professor Georg Wilhelm Friedrich Hegel einen romantischen Weg am Südhang des Neckar entlang und blickte dabei verzückt auf die Heidelberger Altstadt. Vielleicht dachte er bei seinem Gang über die Natur der menschlichen Seele nach. Oder über den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft. Möglicherweise erfreute er sich auch nur an singenden Vögeln und einem schönen Blick ins Tal.

Gut einhundert Jahre später könnten Hannah Arendt und Karl Jaspers dort spazieren gegangen sein. Vielleicht diskutierten sie angeregt über die Begriffe Freiheit und Existenz und deren Implikation auf das menschliche Sein. Noch immer funkelte der Neckar in seinem engen Tal und noch immer thronte die Schlossruine am gegenüberliegenden Hang über der Altstadt.

Der Weg ist der berühmte Philosophenweg in Heidelberg. Seinen Namen hat er allerdings vermutlich nicht von dort sinnend umherschreitenden Gelehrten, sondern von der Studentenschaft. Studierende wurden in der Zeit der Namensgebung allgemein Philosophen genannt, ob auch Philosophinnen vermag ich nicht zu sagen. Zum Philosophenweg gingen sie bei der Suche nach einem lauschigen, ungestörten Plätzchen.


Bork, das ist nicht Heidelberg, die Lippe nicht der Neckar

In Bork an der Lippe könnte es zur Zeit von Hegel einen Landwirt namens Horst gegeben haben. Vielleicht bestellte er am besagten Tag im Frühjahr 1817 seinen Acker. Sein Ochse zog den schweren Pflug durch den feuchten Lehmboden der Lippeauen. Vielleicht überlegte er sich dabei den einen oder anderen Trick, wie er seinen Pflug geschmeidiger durch die tiefen Lehmschollen gleiten lassen könnte. Oder er hat einen Weg gefunden, wie seine Pflanzen an dem Ort besser wuchsen.

Vielleicht hat er auch einfach nur, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, über solche Dinge nachgedacht. Das tat er nicht schreitend, sondern sitzend auf einer Bank an seinem Acker, denn vom Pflügen schmerzten ihn Füße und Rücken. So saß er, dachte nach, beobachtete den Fluss, der gemächlich durch das flache Land zog, in der Ferne war auf einer Anhöhe der Kirchturm von Bork zu sehen.

In der Gastwirtschaft hat Horst vielleicht den anderen Landwirten von seinen Ideen erzählt. Möglicherweise waren seine Vorstellungen richtiggehend visionär:
“Hömma”, sagte Horst an seinem Stammtisch, “da gibbet doch diese Dampfmaschinen! Wat meint ihr, die können doch aufem Acker dat Pflügen übernehmen? Und nich imma mein lahmer Ochse? Dat wär doch echt ma wat!

“Ach Horst”, sagten die anderen, “du schon wieder, ollen Spinner!”

Von den exotischen Feldfrüchten, die als Knollen im Ackerboden wachsen sollen, die der alte Fritz in der Mark Brandenburg eingeführt haben soll, davon hatte Horst gehört, traute er sich nun nicht mehr zu berichten.

Denn wenn die anderen Landwirte aus Bork an der Lippe bei seinen Ideen immer herzlich lachten, dann tat Horst das im Herzen weh. Er fühlte sich oft einsam und unverstanden. Trost suchte er auf seiner Bank an seinem Acker. Vielleicht nahm er noch einen Krug mit Dortmunder Kronen-Bier aus dem Wirtshaus mit und auf seiner Bank, da begann er zu grübeln. Und zu träumen. Von Dampfmaschinen und Knollenfrüchten.


Eines sonntags nach der Messe …

Eines Tages, vielleicht an einem Sonntag nach der Messe, ging Horst wieder einmal zu seiner Bank und nicht mit den anderen ins Wirtshaus. Als er ankam, stutzte er eine Moment. Denn er sah dort ein großes weißes Schild angebracht mit der Aufschrift “Philosopheneck”.

Bisher hatte es ihn immer getroffen, wenn die anderen Landwirte zu ihm sagten: “Ach Horst, du immer mit deine dollen Spirenzkes! Wat bisse doch für ‘en alten Fillesoof!”

An diesem Tag nahm er Platz am Philosopheneck, verdrückte eine Träne der Rührung und kam vor Stolz kaum zum Grübeln.

Der genaue Ort der Bank ist heute nicht mehr bekannt. Gerüchte sagen, dass sie während der Ruhrbesetzung in den 1920er-Jahren von französischen Truppen demontiert wurde und heute mitsamt dem Schild im Keller des Louvre ruht. Andere wiederum behaupten, dass das große Lippehochwasser von 1882 sie fortspülte und sie möglicherweise in der Nähe von Kleve auf dem Grunde des Rheins liegt. Man sagt in direkter Nachbarschaft zum Rheingold. Bisherige Tauchgänge blieben erfolglos.

Eine Nachbildung des Schildes ist heute dort angebracht, wo man die damalige Grenze von Horsts Acker vermutet, an der Bushaltestelle Horstheide in Bork, nicht weit entfernt vom Ufer der Lippe.

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

Vielleicht gefällt dir auch

3 Gedanken zu „Borker Alltagsspuren: Das Philosopheneck

  1. Das war nicht der Horst.
    Das waren Albert, Alfons, Hubertus, Heinz und Peter.
    Entstanden aus einem spontanen Treffen mit ihren Frauen an einem sonnigen Samstag.
    Bei Bier und Kaffee kamen noch weitere Nachbarn dazu und man kam gemeinsam ans philosophieren.
    Hin und wieder trifft man sich heute noch dort.

  2. Unregelmäßig, man spricht sich ab. Ein zwei Stehtische, jeder bringt was mit und es wird ein schöner Nachmittag…wenn man Corona endlich im Griff hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.