Selmer Alltagsspuren: #Milliardenspiel oder #Ehrenamt

Dünnes Eis, so als Nicht-Sportler. Über “Sport” zu schreiben – aber gehört zur Gesellschaft. Ist ein breites Thema auch neben dem Platz.

Aber so ist das Leben. Seit Tagen tobt auf Twitter eine aggressive Debatte “interessierter Kreis” gegen eine Autorin, die es wagt, über den demokratiefeindlichen Rechtsdrall in den USA zu schreiben, über das Netzwerk aus republikanisch-radikalkonservativer Politik und evangelikal-nationalistischen Christen. Sie wagt es doch ernsthaft zum Entsetzen ihrer Gegner, hierüber zu schreiben, ohne a) Mitglied der Republikaner oder b) evangelikal christlich oder c) mindestens seit 20 Jahren mindestens monatlich dort reisend zu sein.
Kann ich übrigens nur empfehlen:

Soviel als Vorspann. Nun aber zu etwas ganz anderem: Sport!

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation von SELMagazin mit CORRECTIV und dem rbb, der für die Recherche federführend verantwortlich war.

Die Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball: Wenn das Geld im Umschlag kommt“ wurde am 19. Januar um 23:30 Uhr in der ARD ausgestrahlt und ist auf der Themenseite zu sehen: https://www.sportschau.de/milliardenspiel

 

Hochrechnungen nach Recherchen der ARD in Kooperation mit CORRECTIV zeigen: Im deutschen Amateurfußball fließen pro Monat mehr als 100 Millionen Euro in die Taschen von Amateurspielern. 

Pro Saison sind es mehr als eine Milliarde Euro. Davon werden mutmaßlich 500 Millionen Euro als Schwarzgeld gezahlt.

Diese hochgerechneten Ergebnisse basieren auf einer Online-Befragung auf der CrowdNewsroom-Plattform (Zum Original-Fragebogen).

Daran haben mehr als 10.000 Amateurfußballerinnen und -fußballer teilgenommen. Antworten von 8.085 Amateurfußballern zwischen 18 und 39 Jahren wurden in die Stichprobe eingerechnet, die als Grundlage für die Hochrechnungen diente. Darunter auch 1.607 Fußballer aus Nordrhein-Westfalen.

Die wichtigsten Aussagen:

  • 60,2 Prozent von ihnen haben schon einmal Geld dafür bekommen, Fußball zu spielen (monatlicher Festbetrag, Punkt- und Siegprämien).
  • 36,9 Prozent gaben an, im Oktober 2020 Geld fürs Fußballspielen erhalten zu haben.
  • Viele der Teilnehmer berichten davon, dass das Geld bar in Umschlägen bezahlt werde. Einigen von ihnen ist bewusst, dass es sich um Schwarzgeld handelt.
  • Etwa die Hälfte der Zahlungen soll laut Umfrageteilnehmern nicht schriftlich dokumentiert worden sein bzw. bar stattgefunden haben.
  • 18,2 Prozent haben schon einmal Sachwerte oder Dienstleistungen entgegengenommen, zum Beispiel: Auto, Nebenjob oder Baugrundstück.
  • Bezahlung im Frauenfußball scheint kaum eine Rolle zu spielen. So haben es 170 Frauen geäußert, die an der Befragung teilgenommen haben

Das Regelwerk zu Zahlungen im Fußball und weitere offizielle Zahlen

Laut DFB-Spielordnung (siehe § 8 Absatz 2) dürfen Amateurfußballer nicht mehr als 250 Euro pro Monat an Auslagenerstattung oder Aufwandsentschädigung bekommen, andernfalls wird ein Amateurvertrag mit Steuern und Sozialabgaben fällig. 

Auf Anfrage des rbb bei den 21 Landesverbänden des DFB, wie viele Amateurverträge dort in der Saison 2020/2021 geschlossen wurden, werden rund 8.000 Verträge im Amateurfußball in der Summe benannt. Das wären nur etwa ein Prozent aller Amateurspieler in Deutschland.

Die Kontrolle der Vereine obliegt den Finanzämtern in den Bundesländern. Auf eine weitere Presseanfrage des rbb antworteten die meisten Landesfinanzministerien, dass keine Statistiken zur Prüfung von Amateurvereinen vorliegen. Nur vereinzelt werden Statistiken erfasst zu gemeinnützigen Vereinen, die aber nicht nach Sportarten aufgeschlüsselt werden.

Sportrechtler Thomas Summerer hat mit seinem Team die Ergebnisse der CrowdNewsroom-Befragung bewertet. Foto: Screen aus der ARD-Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball“

Der Sportjurist Thomas Summerer prophezeit im Interview mit der ARD, dass diese Recherche „ein kleines Erdbeben“ auslösen werde:

„Wenn es schwarze Kassen gibt, (…) dann ist das per se schon ein Straftatbestand, nämlich Untreue. Und das ist natürlich auch im Sportrecht relevant, denn es ist auf jeden Fall ein Verstoß gegen die Statuten sowohl des DFB als auch der FIFA und der UEFA. Dementsprechend können Sanktionen verhängt werden.“

Den Vereinen drohten der Entzug der Gemeinnützigkeit oder hohe Nachzahlungen. Spieler würden wegen Steuerhinterziehung bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafen riskieren.

 

Auf eine Presseanfrage des rbb antwortet der DFB: Die Regelungen seien „Sache der Vereine“, den Rahmen setze der Gesetzgeber. Für die 21 Landesverbände unter dem Dach des DFB sei „eine Kontrolle nicht möglich“. Grundsätzlich seien für den Dachverband Zahlungen in den unteren Ligen der „falsche Weg“.

Da sieht nach einem Bericht der RN vom Juli 2021 zum Beispiel der PSV Bork wohl ähnlich: Die Leidenschaft für den Sport und den Verein versucht man dort eher über eine gezielte Einbindung und Wertschätzung als über Geldzahlungen wach zu halten.

Beim SG Selm 20210 e. V.  und in der engen olfener Nachbarschaft ist das nicht geregelt (wiederum RN vom Juli 2021). In der Zielsetzung sind sich alle einig: Fahrtkosten ja, aber kein Geld fürs Spiel. Der SuS 1927 e. V. Olfen schließt in seinen Leitlinien sowohl eine Abhängigkeit von einem Großsponsor als auch Zahlungen an einzelne Spieler aus:

Ehrenamt - Das stolze Bewusstsein des Fußballs

Für den DFB ist der ehrenamtliche Amateur-Fußball auch in volkswirtschaftlicher Perspektive ein großer und starker Beitrag für das ganze Land: Unter “ehrenamtistunbezahlbar.dfb.de” präsentiert er stolz Zahlen, Daten und Einordnungen (Stand: 2018/2019).

Für den Bereich Westfalen werden diese gesondert dargestellt.

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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