Selm im Wandel – Aufruf oder Alltag?

Der Philosoph Gert Scobel nutzt das Bild in seinem Video „Wie Putin uns manipuliert – Tyrannei erklärt“.

Wir Deutschen tun ja manchmal so, als lebten wir in einem Hotelzimmer und hätten das „Bitte nicht stören“ -Schild an die Tür gehängt.

Die Füße hochlegen und ausspannen.

Pause.

Wir wollen unsere wohlverdiente Ruhe von dem täglichen Gerenne und den nervigen Anforderungen der heutigen Zeit.

Aber irgendetwas stimmt mit dem Zimmerservice nicht.

Die kommen nicht. Na, dann eben später.

Langsam nervt es …

Was ist denn da los? Ich gehe doch mal selbst vor die Tür und seh nach …

War der Flur nicht blau?

Haben die hier umgeräumt?

Ja, das Hotel ist in der Zwischenzeit umgebaut worden.

Naturkatastrophen, Corona, Krieg – auch wenn es Katastrophen, Viren und Kriege schon immer gegeben hat, ist jetzt doch irgendetwas grundlegend anders.

Hat jemand das Schild “Bitte nicht stören!” weggenommen?

Und die Tür, an der es hing, gleich mit?

Ich möchte den Spuren des Wandels in Selm nachgehen.

Und ganz praktisch vorgehen:

Es geht darum genau hinzusehen, was sich tatsächlich geändert hat. Was hat sich konkret gewandelt?

Um dann zu fragen: Wie antworten wir darauf? Antworten sind nicht unbedingt Lösungen.

Aber es sind Versuche, mit den entstandenen Schwierigkeiten umzugehen. Vielleicht braucht es bestimmte Einstellungen, Fähigkeiten oder auch Wissen, um mit der neuen Situation zurechtzukommen. Wir mögen uns nicht einig darüber sein, ob das menschliche Leben auf der Erde wirklich bedroht ist. Aber wir werden uns darin einig sein, dass durch lange Trockenperioden Bäume absterben, dass Flüchtlinge kommen, dass Energiepreise steigen – und irgendwie reagieren wir notgedrungen darauf. Wir sind schon im Wandel – versuchen wir dafür offen zu sein.

Heinzelmännchen und Wandel

Die heißen Sommer haben deutliche Spuren in meinem Garten hinterlassen, einige Bäume und Sträucher konnten sich an die Trockenheit nicht anpassen und sind langsam abgestorben. Wenn sich das Wetter ändert, verändert es zwangsläufig den Garten. Auch wenn man versucht vieles zu bewässern –  alles geht sowieso nicht – der Prozess ist nicht aufzuhalten.

Nun, auch das kühlere letzte Jahr konnte dieses Absterben nicht bremsen und so wuchs ein Berg an Grünschnitt, den ich nicht mehr bewältigen konnte, weder abtransportieren noch schreddern. Irgendwann stand ich frustriert im Garten und gestand der Nachbarin die Krise ein. Ihre Antwort war: Uns haben damals die Heinzelmännchen gerettet, die machen jetzt wieder eine Aktion. Und sie schickte mir die Ausschreibung.

Vielleicht wissen es die meisten Selmer:innen, ich wusste es jedenfalls nicht, dass die Landjugend einen Tag lang Menschen hilft, gegen eine Spende. Diese Spende spenden sie wiederum an ein Projekt, das sie sich aussuchen. Dieses Jahr geht das Geld an über ein Herz für Kinder in die Ukraine.

Ich rief Jan Wegmann an, der es in diesem Jahr organisiert hat.  Er sagte, er müsse vorher vorbeikommen, um den Arbeitsaufwand einzuschätzen. Der junge Mann kam vorbei, stand kurz vor dem riesigen Haufen und sagte: Das bekommen wir hin. Die Hecke auch, kein Problem. Und ging. Hatte ich vorher noch die Befürchtung, es könne peinlich für mich werden – war es nicht, dazu war er zu nett.

Am entsprechenden Tag schwärmten morgens plötzlich viele junge Menschen in den Garten und legten los.

Ich sollte bitte das Auto umparken, dann wäre es leichter. Als ich ausstieg, stand ich vor einem riesigen Traktor mit Mulde auf dem Anhänger. Und dann ging es alles richtig schnell. Der Traktor kam mehr als einmal. Weil ich mittags zur Frühjahrsputzaktion der Stadt angemeldet war, musste ich diese Gruppe das Projekt leider alleine abschließen lassen. Leider, weil ich mich gar nicht so bedanken konnte, wie es angemessen gewesen wäre. Und auch nicht so viel spenden, wie sie es verdient hätten. Und darüber hinaus haben diese jungen Menschen etwas gegeben, was sowieso in keiner Weise zurückgegeben werden kann: Wie die Heinzelmännchen in der Geschichte sind sie gekommen, mit all dem nötigen Werkzeug, einer beeindruckenden Logistik im Hintergrund, mit einem enormen Arbeitswillen, guter Laune und einer Umsicht, die mich tief berührt hat. Als ich zurückkam, waren nicht nur die Äste weg und die Hecke geschnitten, sie haben hinterher gefegt, beim Nachbarn und bei mir, alles tadellos aufgeräumt und hingestellt.

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Die Garage war zu, der Schlüssel am Platz – absolut perfekte Arbeit.

Wir haben viele Chancen zum Wandel ungenutzt vorüberziehen lassen. Nun steigt die Temperatur und die Naturkatastrophen häufen sich. Es sieht so aus, als würde uns das Klima auf die harte Tour lehren, dass wir uns nicht einfach nehmen und verbrauchen können, was wir wollen. Die Frage ist, was wir brauchen, um mit dem, was auf uns zukommt, umgehen zu können? Sicher müssen wir endlich umdenken. Nur, die „schöne Zeit“ von früher wird nicht mehr wiederkommen, dafür ist es bereits zu spät, die Krisen werden sich häufen. Aber in der Krise sind Gemeinschaftsgefühl und Fürsorge wesentlich. Wir brauchen Menschen, die die Augen bei Krisen nicht verschließen, sondern hinsehen, die Sinn für praktische Lösungen haben und anpacken.

Diese Jugendlichen / jungen Erwachsenen haben genau das gelebt. Das gibt so viel Hoffnung.

Anders als bei den Heinzelmännchen von Köln haben wir die Möglichkeit zu sehen und wertzuschätzen, was hier geleistet wird.

Es ist eine sehr konkrete Hilfe für Selmer:innen, die nicht nur die Landjugend, sondern auch uns mit in eine Gemeinschaft einbindet. Und durch ihre Spende zeigen diese jungen Menschen, dass sie sich berühren lassen, von dem, was in der Welt vorgeht und dass sie sich einbringen.

Petra Burkhart

Geborene Pfälzerin, durch die Wissenschaft ins Münsterland gekommen, ein bisschen früh pensionierte Deutsch- und Relilehrerin, Mutter, überzeugte Liebhaberin der Erde

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