Selm im Wandel: Quadratisch … praktisch … Friedhofskultur

Es ist nicht gerade die typische Jahreszeit, um über Friedhöfe nachzudenken.

Das Wetter ruft eher “Freibad” und “Grillen”.

Aber ich gehöre nun mal zu den Friedhofsgängern – zu den Leuten, die gerne über den Friedhof spazieren, ohne konkreten Anlass.[1] Es ist ein wunderbarer Ort der Stille, die Bäume kühlen etwas und die Blütenvielfalt ist beeindruckend, nicht nur auf den Gräbern – derzeit blühen die Rhododendren. Es ist ein parkähnlicher Raum, ein geschützter Raum für nicht nur Trauernde.

Ein guter Ort zum Nachdenken, um wieder Ruhe zu finden.

Was gibt einem Ort diese Atmosphäre?

Sicher die Haltung, mit der Menschen sich an diesem Ort bewegen, die Innerlichkeit und der Respekt vor dem Leben. Vielleicht auch die liebevolle Hingabe bei der Pflege der Gräber, die Erinnerungen, die leisen Gespräche.

Aber genauso wichtig ist die Art der Gestaltung dieses Raumes. Sie ermöglicht die Öffnung für diese Stille, für den Mut, sich der Trauer zu stellen.

Und diese Gestaltung war auf besondere Weise gelungen. In meiner Erinnerung sind zauberhafte Momente festgehalten, ich sah den Magnolienbaum in Blüte oder die Kerzen in der Nacht leuchten.

Der Magnolienbaum wurde durch einen Blauglockenbaum ersetzt und ich könnte gar nicht sagen, wann mir die Lücken in den Gräberreihen zum ersten Mal aufgefallen sind.

Diese schleichenden Veränderungsprozesse sind schwer zu erfassen.

Aber irgendwann erreichen sie einen Punkt, an dem sich etwas Grundlegendes verändert hat, etwas Gewohntes nicht mehr da ist. Der Moment, wie ein Aufhorchen, hat mich veranlasst, meine bevorzugten Wege zu verlassen und mir den ganzen Friedhof bewusst anzusehen.

Friedhofsspaziergängerin unterwegs in Selm

Wenn ich so über den Friedhof gehe, habe ich das Gefühl, dass diese besondere Atmosphäre schwindet und in Teilen bereits verschwunden ist.

Es gibt viele, ich nenne sie: „neue“, Grabformen auf unserem Friedhof, auch wenn sie schon einige Jahre zu finden sind: Kleine Urnengräber, Baumgräber mit kleinen Granitblöcken, Grabplatten auf einer Rasenfläche, Stelen mit Namen.

Die klassischen Erdgräber sind nur noch eine Möglichkeit von vielen. Die Nachfrage zeigt, dass diese neuen Formen offensichtlich den Bedürfnissen entsprechen.

Woran liegt das? Klar – eine veränderte Gesellschaft verändert auch ihre Friedhofskultur. Wahrscheinlich hat jeder schon einmal darüber nachgedacht, wie die eigene Grabstätte einmal aussehen soll.  Wie schnell kommen dann Bedenken, die Angehörigen nicht zu belasten zu wollen. Falls sie überhaupt noch vor Ort wohnen.

Sterben ist teuer und Grabpflege aufwändig. Also werden Lösungen gesucht, um das Ganze einfacher und günstiger zu gestalten. Zum Glück gibt es dafür die verschiedenen Angebote.

Mit der Pusteblume, dem Begräbnisort für fehlgeborene Kinder, ist ein ganz besonderer Raum geschaffen worden. Dieser Ort ist Ausdruck der Menschenwürde dieser Kinder, denn unabhängig von erreichten Grammzahlen sind es doch Kinder und sie wurden geliebt.

Aber dem Friedhof fehlt etwas.
Im alten Teil des Friedhofes habe ich den Schutz so sehr geschätzt.

Bäume und Sträucher schirmen von der Außenwelt ab und geben dem Raum seine Begrenzung.
Natur wirkt beruhigend, man fühlt sich nicht so offen zur Schau gestellt.
Trauer braucht diesen Rahmen.

Aber dieser Schutzraum ist am Rand des Friedhofes nicht gegeben, so entsteht der Eindruck der Leere.
Ein gemähter Rasen, ein Zaun – und der Blick verliert sich auf dem Acker.

Eine Pragmatik, die kalt wirkt. Wie die Sitzgelegenheiten aus Metallgittern.
Stelen, Granitblöcke und Grabplatten geben die eine normierte Größe vor.

Die vielen Engelfiguren, Kerzen und Blumen zeigen aber, dass es eine tiefe Sehnsucht gibt nach einem persönlichen Ausdruck der Trauer, nach Halt und Trost.

Es gibt keine Trauerbewältigungspragmatik.

Aber derzeit stehen überall ausgerechnet Kreuze (!), mit darauf angebrachten laminierten Folien, die darauf aufmerksam machen, welche Regelungen einzuhalten sind.

Es dürfen zum Beispiel keine Figuren auf die Grabplatten gestellt werden.…  

Diese Regelungen werden ihre guten Gründe haben.

Aber gibt es vielleicht andere Möglichkeiten, sie zu kommunizieren?
Und lassen sich Wege finden, wie die persönliche Trauer an der Grabstelle trotzdem zum Ausdruck gebracht werden kann?

Die Friedhofskultur hat sich bereits gravierend verändert.

Die Baumreihen und Sträucher zeigen noch die schöne, alte Struktur, aber die Grabreihen leeren sich zunehmend. Die eingeebneten Gräber sehen ein bisschen aus wie Zahnlücken. Oder – wie eine sterbende Kultur.

Ich frage mich, was es braucht, um den Wandel unseres Friedhofes so zu gestalten, dass wieder diese besondere Atmosphäre spürbar ist.

 

Im März 2020 hat die Kultusministerkonferenz Friedhofskultur in Deutschland in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Denn Friedhöfe sind mehr als Orte zum Trauern.

Sie sind Begegnungsorte, sie sind Ausdruck der Stadtkultur.

 

Unser Friedhof ist nicht geprägt von Kunst, einem expliziten Bezug zur Stadtgeschichte oder außergewöhnlichen Ideen zum Thema Tod, wie zum Beispiel einem Ewigkeitsbrunnen.

Unser Friedhof war gestaltet wie eine Parkanlage, was gut zur münsterländischen Parklandschaft passt. Im Sinne eines neu gefassten Konzeptes wäre es wichtig, am Rand zum Acker Bäume und Sträucher zu pflanzen.[2] Grabplatten auf Rasen kann man mit Sicherheit auch pflanzenfreundlicher gestalten, sei es eine Wildblumenwiese, sei es durch Büsche und Sträucher, auch wenn es das Mähen vielleicht erschwert. Und die kleinen Urnengräber dürften auch größere Abstände haben. Schmale Plattenwege vermitteln den Eindruck von Überfüllung. Menschen sind verschieden und brauchen verschiedene Gestaltungsformen, ja, mit Würde und Raum für die Toten und die Lebenden.

Im Oktober gibt es den Tag des Friedhofes, der einlädt, den Friedhof mit anderen Augen zu sehen, seine besonderen und schönen Seiten zu wahrzunehmen.  Aber vielleicht nehmen Sie sich schon vorher die Zeit, über unsren Friedhof zu spazieren und zu entdecken, was dieser Friedhof über unser Leben in Selm erzählt, über die Menschen und unser Miteinander. Vielleicht sagt er Ihnen auch etwas darüber, welche Geschichte der Selmer:innen Sie gerne erzählen würden. 

Und denken Sie daran:  

Auch Kinder sind bei diesen Spaziergängen herzlich willkommen.

[1] Weil ich im Dorf wohne, beschreibe ich hier entsprechend auch über den Friedhof im Dorf.

[2] Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, alle Friedhöfe in Selm zu erfassen, zumal wir mit dem jüdischen Friedhof und dem Waldfriedhof in Cappenberg wirklich Besonderheiten vorzuweisen haben. Aber noch eine kurze Bemerkung zum Friedhof in Bork, der sich ähnlich wie der in Selm-Dorf verändert. Aber eine Hainbuchenhecke umschließt die Fläche weitgehend, immerhin eine deutliche Rahmung.

Petra Burkhart

Geborene Pfälzerin, durch die Wissenschaft ins Münsterland gekommen, ein bisschen früh pensionierte Deutsch- und Relilehrerin, Mutter, überzeugte Liebhaberin der Erde

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