Selmer Alltagsspuren – “Der Metzger meines Vertrauens…”

Damals ...

Eine der eher wenigen klaren Erinnerungen aus der nicht ganz so frühen Kindheit:

Mit dem Auto des zweitältesten Bruders eine gute halbe Stunde aus dem Dorf in die Stadt, aus der wir vor ein paar Jahren weggezogen sind.

Vorher aber gab es nur die eine Metzgerei, aus der die Familie ihre Wurst und ihr Fleisch bezogen hat.

Bis heute kann ich mich erinnern, wo in der Ecke die Dosen mit Ochsenschwanzsuppe standen (nur diese eine Suppe schmeckte und prägt meine Vorliebe bis heute), bis heute weiß ich von den Fleischwurstscheiben oder fingerdicken Fleischwurststücken, die ich als Zwerg ganz freundlich bekam und ganz freudig angenommen habe.

Weniger Metzger - wohin mit dem Vertrauen?

Seit gut zwanzig Jahren lebe ich nun in Selm – und dort gab es lange genau drei Möglichkeiten: Eine Metzgerei an der Kreisstraße, eine Metzgerei an der Ludgeristraße, eine Metzgerei etwas weiter draußen. In der Regel familiär geführte kleinere Betriebe. Ansonsten gab es die Fleischtheken im Lebensmitteleinzelhandel und die abgepackten Waren im Discounter. Oder eben die Nachbarorte.

Ganz klar aber: Kaum jemand hatte nicht eine klare Entscheidung, wo er oder sie sich das Fleisch, die Wurst beschaffte, kaum einer, der das nicht schon über die eine oder andere Generation genau so gemacht hat.

Bis auf eine sind die Metzgereien in Selm fort, und manchmal wechselten dann die Kundinnen und Kunden mit den ehemaligen Mitarbeitern dorthin, wo ihr ehemaliger “Metzger des Vertrauens” dann neue Arbeit gefunden hat.

Schon im Frühjahr haben wir in Selm erleben müssen, dass eine Fleischerei komplett von der Bildfläche verschwindet: Laden zu, Kommunikation beendet, von der Google-Karte getilgt.  Schräg genug, dass es gerade vorher den Februar und März dieses Jahres massiv Werbung für  “Sauerbraten”  aus dieser Metzgerei in einer Selmer FB-Gruppe gab – was mir besonders auffiel, weil ein guter (sauerländischer) Sauerbraten mitsamt Klößen ein familiär ererbtes Lieblingsgericht ist.

Und nun? Politik muss neu handeln

Damit bin ich beim Kernproblem: Es gibt lange Phasen in meiner Essens-Biographie, in der Fleischkonsum komplett entfallen ist. Mal aus spätjugendlicher Liebe, mal aus eigener Entscheidung, mal aus familiären Gründen. Aber komplett raus aus dem Fleischverzehr bin ich nicht. Und das ist zu den Grausamkeiten, die durch die SOKO Tierschutz  inzwischen mit tobsuchtsauslösender Regelmäßigkeit offenlegt, wohl auch (da nur mit Zwang durchsetzbar) nicht die ernsthafte Alternative.

Blockiert wird politisch und lobbygesteuert seit Jahren eine Systemänderung, die zu mehr Tierwohl führen würde. Selbst die noch schwachen Vorschläge der Borchert-Kommission werden nicht umgesetzt und setzen grundsätzlich auf zu viel Freiwilligkeit.

Die Suche nach überzeugender Kennzeichnung durch Label, das Finden einer Vertriebsstruktur für den regional orientierten Fleischhandel und das Schaffen entsprechender Nachfrage ist Verbraucherpolitik von unten – erste Discounter ändern bereits die “Qualität” des angebotenen Fleisches.

Infografik: Rund 8 Millionen Deutsche essen kein Fleisch | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Und natürlich auch: Lebensorientierung als Alltagspolitik – Knapp 10 Prozent der Menschen in Deutschland essen kein Fleisch mehr, als Vegetarier:innen oder Veganer:innen.

Der aktuelle Fleischatlas 2021 der Heinrich-Böll-Stiftung macht dabei auch eines deutlich: Mit 20 % Export-Marktanteil für Schweinefleisch und Milch in der EU treibt Deutschland das Problem deutlich voran. Die Produktion für den Export führt dazu, dass immer mehr Tiere in immer weniger Betrieben für die Schlachtung optimiert werden.

International wird diskutiert, dass vor allem der übersteigerte Fleischkonsum reduziert werden muss – das “billige Qualitätsfleisch” generiert einen hohen Preis für den Gesamt-Planeten, auf dem immer mehr Menschen leben. Ein Projekt hierzu: der “Report für ein gesundes Leben auf einem gesunden Planeten“. Das macht deutlich: Zu viel Fleisch, zu viel Eier, zu viel Stärke (Kartoffeln, Bohnen, Mais).

Gesundes Leben auf einem gesunden Planeten – hängt (auch) vom Essen ab

Und nun? Noch ´ne Krise?

Kurze Antwort: Nö. Natürlich nicht noch eine. Sondern immer das gleiche: Blindheit für jene Probleme, die mich nicht unmittelbar und zeitnah betreffen. Geht mir zumindest so.

Neben der Wut auf die Tierquälerei muss auch die Frage treten, wie sehr ich bisher und zukünftig das ganz normale Produzieren für meinen Fleischkonsum im Blick hatte und habe.

Radikale Lösungen – “Nie wieder Fleisch!” – wären naheliegend – aber da mag mein Geist willig sein. Mein Alltagsdasein ist dazu – schwach. Bewusst weniger Fleisch und dann wirklich vom “Metzger meines Vertrauens” – das krieg ich hin. Und das nicht erst seit diesem Frühjahr. Wäre viel gewonnen, wenn viele ähnliche kleine Schritte freiwillig machen.

Und wenn wir die Politik dazu kriegen, das massiv zu unterstützen: Durch Kontrolle der Produktion, durch das Ernstnehmen des Grundgesetzes, durch Unterstützung von Bildung, Information und Aufklärung. Und auch dadurch, dass Wirtschaftspolitik weg vom Massenexport führt und den Landwirtschaften Alternativen aufzeigt und Wege ebnet.

Wir brauchen lebensverändernde Maßnahmen. Und es ist immer die gleiche Krise: Die Gefährdung des gesunden Planeten durch unsolidarische Wesen.

Beim Thema Fleisch scheiden sich die Geister. Wieso ist unser Fleischkonsum ein solches Reizthema? Und wieviel Gender steckt in der Debatte? Die Soziologin Jana Rückert-John im DW-Interview. Der Screenshot führt zum Interview

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, jetzt Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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