Selmer Alltagsspuren – Wasser, viel Wasser

Die Spuren waren mehr als deutlich: hochpreschende Wellen bei jedem vorbeifahrenden Auto, eine sprudelnde Wasserfontäne aus dem Gulli. Der Schreck saß tief in den Knochen, die Bilder vom Hochwasser an Ahr und Rur hatte ich noch allzu gegenwärtig vor Augen.

Es war am vergangenen Dienstag, kurz vor 18 Uhr. Ich sah die dunklen Wolken, spürte die ersten Tropfen. Och, in die Apotheke würde ich es mit dem Fahrrad wohl noch schaffen. Spoiler: Hin ja, zurück nein.

Ich zahlte gerade meinen Einkauf, da kam eine Kundin verschreckt zurück ins Geschäft: “Es fließt Wasser durch die Tür!”

Zwischen mir und meinem Fahrrad: ein Stausee

Schnell wurde alles auf dem Boden Stehende aus dem Verkaufsraum geschafft, die große Flitsche kam zum Einsatz. Ich zögerte, den noch trockenen Ort in der ersten Reihe mit Blick auf das Spektakel zu verlassen. Zwischen mir und meinem Fahrrad: eine Straße, die sich gerade zum Stausee entwickelte.

So bot ich meine Hilfe beim Räumen an, doch der Hauptteil der Arbeit bestand darin, das Wasser durch die andere Tür wieder aus der Apotheke herauszuflitschen. So sah ich dem nassen Geschehen eine Weile durch die Schaufensterscheibe zu: Die Ludgeristraße füllte sich rasch mit Wasser, einige Autos fuhren vorsichtig vorbei, eine breite Bugwelle ziehend. Sogar Fahrräder fuhren durch das zentimetertiefe Wasser. Einige rannten vorbei, andere liefen entspannt, nasser als sie bereits waren ging es wohl nicht mehr.

Von der Breiten Straße herunter floss nun ein reissender Wildbach, von oben kam der Regen wie aus Kübeln nach. Es begann zu blitzen und zu donnern.

 

Hochwasser Ludgeristraße Selm
Heckwellen auf dem Stausee: Hoher Wasserstand in der Ludgeristraße

Abwarten? Panik!

Das einzig Vernünftige wäre es wohl, abzuwarten, bis sich das ganze beruhigen würde. Doch irgendwann ergriff mich die Panik, denn das langsam über den Boden auf mich zu fließende Wasser flüsterte mir etwas zu: “Hey, auch Du wohnst doch im Erdgeschoss!”

Unvernünftig, doch entschlossen, durchquerte ich den Ludgeristraßenbach bis zu meinem Fahrrad, das Wasser stand schon knöcheltief. Durch Seitenstraßen fuhr ich zurück nach Hause.

Klatschnass daheim angekommen war ich erleichtert: Das einzige Wasser in meiner Wohnung waren die 1,5  Liter, die aus meiner Kleidung tropften.

So schaute ich dem Spektakel noch eine Weile aus dem Fenster zu. Auch hier war der Wasserstand inzwischen beträchtlich angewachsen, aus dem Gulli quoll ein Wasserring, doch meine Abflüsse hielten. Die Feuerwehr fuhr vorbei, sie rückte wohl nur ein einziges Mal aus, an diesem Abend. Ein Keller in der Seitenstraße war vollgelaufen.

Ja, auch früher gab es Regen, manchmal sogar viel Regen. Doch die extremen Ereignisse scheinen sich zu verdichten, sowohl in Richtung zu trocken, als auch in Richtung zu nass. Dass sich das Klima verändert, wissen wir seit mehreren Jahrzehnten. Nun ist es Zeit, etwas zu tun.

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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