Selmer Alltagsspuren:
“Ich hab noch einen Trecker in Berlin …”

Insektenschutz im Streit

Erst stritten die beteiligten Ministerinnen miteinander – Klöckner gegen Schulze, Landwirtschaft gegen Umweltschutz – das Themenfeld zwischen Landschaftsplanung und Lichtverschmutzung ist auch breit genug. Nur gelegentlich ploppte das alles in den Horizont “weiter Teile der Bevölkerung”, die sich ansonsten angestrengt bemühte, durch den coronaverdorbenen Winter zu kommen.

Dann zeichnete sich hier eine Einigung ab, doch inzwischen war ein weiterer Spieler ins Geschehen getreten: Die Bäuer:innen sahen nicht, dass sie gesehen oder gehört wurden. Und wurden aktiv, machten sich auf den teils sehr langen Weg nach Berlin, an den Ort des Geschehens. “Land schafft Verbindung” – so nennt sich die Bewegung, die sich daran machte, ab dem 07. Februar 2021 den politischen Druck durch physische Präsenz deutlicher sichtbar zu machen.

Tief in der Provinz, aus Hauptstadtperspektive, befasst sich auch Benedikt Hülsbusch mit dem Thema, am Anfang aus ganz eigener Perspektive:

 

“In den ersten Wochen des Jahres wurde der Trubel um das Insektenschutzgesetz immer größer.

Ich begann also, mich damit zu beschäftigen, mit dem Hintergedanken, daraus ein sarkastisches Video für meinen Kanal Einfach Bauer zu machen.

Nach und nach bekam ich auch immer mehr von der Bauern-Demo in Berlin zu hören, aber es ergab sich beruflich kein passender Zeitpunkt, um eine Strecke von genau 500 Kilomtern, insgesamt 1000 Kilometer  hin und zurück, auf mich zu nehmen.

Ich beschloss also, eine „Winterpause“ bei Einfach Bauer einzulegen, um mir ein bisschen Luft zu verschaffen, damit ich nach Berlin fahren konnte, um mir selbst ein Bild von der Demo zu machen. Ich verknüpfte es passend noch mit einem anderen Geschäftstermin an der Ostsee.

Als ich dann Anfang März nach Berlin kam, war eine einzige Übernachtung geplant. Ich wollte ein paar Aufnahmen von der Demo machen, um sie als Video bei Einfach Bauer zu veröffentlichen.”

Schräge Inszenierungen und bodennahe Witze

Auf den Feldern und Wiesen und Hofanlagen rund um Altenbork entstehen teils sehr aufwändige, teils mit Freundeskraft hemdsärmlig gebastelte, teils sehr professionell inszenierte Videos der unterhaltsamen Art, die viele Freunde (und Freundinnen!) im Netz gefunden haben. Inzwischen lohnt sich auch das Merchandising, das im eigenen Shop angeboten wird. Immer geht es um die zentralen Themen: “Land” – “Bier” – “Echte Kerle” – “Frauen” – “Trecker”. Nicht wertend geordnet und auch nicht abschließend aufgelistet.

Jetzt, in 2021, investiert Benedikt Hülsbusch Zeit und Energie in ein größeres Thema:

“Aus einer Nacht wurden zwei, weil ich so viele unterhaltsame, interessante und vor allem tiefgründige Gespräche über Landwirtschaft und die Probleme mit Regulierungen führte.

Schnell merkte ich, dass es bei uns auf dem elterlichen Hof, auf dem ich aufgewachsen bin und immer noch lebe, damals genau so war.

Die Hintergründe und Probleme sind die gleichen gewesen. Wir, bei uns auf dem Hof, haben mit der Tierhaltung aufgehört, weil wir die Absatzmenge nicht mehr erfüllen konnten, obwohl uns Sicherheit in Bezug darauf versprochen wurde.

Und genau das ist der Kern der ganzen Problematik. Wer sich heute noch darauf verlässt, dass man mit einem kleinen alten traditionellen Hof in Zukunft noch bestehen wird, der hat sich gewaltig geschnitten.”

Selbst ist der Bauer - kein Vertrauen mehr "in die da oben"

Kritisch sind die Bäuer:innen, die da bundesweit anreisen, auch gegenüber den eigenen Verbandsvertretern:

“Das sagt selbst Bernhard Krüsken, Generalsekretär des deutschen Bauernverbandes. Allerdings betont er, dass es die „eigene Kalkulierung der Bauern“ schuld sei, dass die kleinen Höfe in Zukunft verschwinden, mit Regulierungen, Preissenkungen und großen Konzernen habe das natürlich nichts zu tun…

Schon beeindruckend, dass nicht nur die kleinen Bauern ihre Probleme haben, sondern auch viele der großen Betriebe immer mit einem großen Risiko leben müssen:

Ein Stall für 2.000 Schweine oder ein großer Trecker mit 400 PS bezahlt sich nicht von allein und kann nur fremd-finanziert werden. Blöd nur, wenn einem dann Regulierungen ein Strich durch die Rechnung machen, Marktpreise fallen und man die Kosten nicht mehr decken kann. Dann stehen auch diese Bauern vor dem Ruin, und das nicht nur finanziell.

Viele Sorgen und Nöte treiben Bauern aus ganz Deutschland nach Berlin.

Ob nun mit dem Trecker und bis zu 30 Stunden Fahrt, oder einfach mit dem Auto. Aus fast jedem Landkreis Deutschlands fuhren Fahrzeuge für die Bauerndemo in die Hauptstadt. Seit dem 26. Januar wurde dort JEDEN Tag demonstriert. Über 80 Tage lang. Das hat nun vorerst ein Ende.

Auch ich war seit den ersten beiden Übernachtungen Anfang März ein weiteres Mal eine komplette Woche Ende März und wiederum noch einmal für zwei weitere Übernachtungen um den 14. April noch einmal da. An bestimmten Tagen der Demonstration gab es Kundgebungen, bei denen sich Politiker zu verschiedensten Gesetzen und Vorgehensweisen der Politik äußerten und befragt wurden.”

Persönliches Fazit: Aufgewacht und Mitgemacht!

Mich persönlich hat diese Demonstration sehr geprägt. Es wird Landwirten immer mehr erschwert, konkurrenzfähig und wirtschaftlich zu bleiben. Der Markt ist überflutet mit Produkten, größtenteils aus dem Ausland, die Nachfrage an Produkten, Preissenkungen, das Insektenschutzgesetz, Flächenenteignung, Themen, bei denen manchen Bauern das Wasser bis zum Halse steht. Egal ob Schweine-Bauern, Schafhalter, Winzer oder Milchviehhalter. Preise werden nur noch von oben diktiert und können von unten gar nicht mehr aufgefangen werden.

Landwirte sind die ganze Zeit in Berlin standhaft gewesen um Flagge zu zeigen, um zu zeigen, dass die Landwirtschaft ein elementarer Bestandteil der Gesellschaft ist. Der deutsche Bauer verliert immer mehr und mehr an Wertschätzung in Deutschland und in den Medien hört man von Bauerndemos kaum etwas. (Benedikt Hülsbusch)

Eine knappe Stunde ist als “Bauerndemo 2021 – Der Film” geworden. Mit teils krassen Originalstimmen – der angewachsene Zorn der Bauern ist umfassend eingefangen.

“Einfach Bauer” hat einen Bogen aus Bork nach Berlin geschlagen – die Debatte ist natürlich lange nicht. Vorschläge und Kritik sind angesammelt, es bleibt spürbar, dass da noch viel Druck auf dem Kessel ist.

Im April stand die weitere Arbeit im Parlament an, unter anderem mit einer langen Anhörung im Bundestag:

Für den 07. Mai steht nun die Schlussabstimmung für  den Bundestag an. Freitag diese Woche. Aufmerken und hinsehen! Das Gesamtpaket hier:

https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw16-pa-umwelt-insektenschutz-831992

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, jetzt Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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