Selmer Alltagsspuren: Sonntag, der Dreizehnte

Vor zwei Jahren war das ein Freitag. Und für NRW der Beginn einer längeren dämlichen Tradition, Beschlüsse für Schulen irgendwann im Laufe des späten Freitags zu verkünden, die dann am nachfolgenden Montag umgesetzt werden mussten.

Diesmal ging es darum, die Schulen zu schließen. Bis nach Ostern, bis zum 20. April.

Also startete am Montag das, was verlogen als “Home Schooling” bezeichnet wurde: Eine unvorbereitete Katastrophe, die sich durch den enormen Einsatz von Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen nur langsam beruhigte.

Ein Start ohne Technik, ohne passende Unterrichtskonzepte, mit teils schroffer Ablehnung einer Anpassung der Unterrichtsformen, mit krassen Offenbarungen über die Verhältnisse, in denen Schüler:innen mit ihren Familien in diesem reichen mittelstandsfixierten Land leben (müssen).

 

 

Schon (!)  im Herbst 2020 war ein Teil der Schulen in Selm an das Breitbandnetz angeschlossen, statt der nichtfunktionalen Software aus dem Angebot des Landes musste die Stadt eine Alternative einkaufen – die dann auch irgendwann ohne intensivere Schulungen und teils eher lustlos genutzt wurde. Immerhin war dann im Herbst der zweite Lockdown nicht mehr ganz so… naja, Fehleinschätzungen gab es viele…

Allerdings wäre selbst bei vollständiger Breitbandisierung der Schulen dann immer noch das Ende der Nahrungskette, der private Anschluss der Familien. Während nie zuvor so viele Menschen gleichzeitig mobil arbeiten und lernen sollten, oft dermaßen gleichzeitig, dass Erwachsene und mehrere Kinder irgend eine Art von Schichtdienst entwickeln mussten – hatte die passende Verkabelung der Haushalte immer noch den Status “Vorbereitung / Testbetrieb”.

Ergebnis: Eine Pandemie mit totalitärem Anspruch prallt auf ein Land, das es sich geleistet hat, sich so sehr von Spitzentechnologie faszinieren zu lassen, dass “die Menschen draußen im Land” zwar irgendwann die perfekte Technisierung erwarten, aber eben irgendwann. Ohne brauchbares “Jetzt!”

Im Laufe der letzten vierundzwanzig Monate ist meine Überzeugung, wir lebten in einem gut organisierten Land, ziemlich geschreddert worden. Scheint eher ein Land zu sein, in dem flächendeckend “Tempo 30” für Veränderungen gilt, gekoppelt mit der Wahnidee, es sei irgendwie schädlich den Horizont für Problemlösungen weit offen zu halten.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich kenne genug Menschen, die Tag für Tag rackern, um genau nicht so beschränkt zu denken und ein gutes Leben zu ermöglichen. Aber ich kenne eben auch die Erfahrungen von Klebrigkeit, Taktiererei, Risikovermeidung, Verstrickung. 

Und nun?

Innerhalb der Chaos-Strukturen (jepp, Widerspruch in sich, ich weiß) bilden sich aber auch andere Muster:

In Selm sind Menschen in ihren Vereinen, Gruppen und Freundeskreisen aktiv, um das Nötige zu tun. Ohne großes Trara fahren die einen mit Hilfstransporten nach Polen, in Richtung Ukraine, bereiten anderes sich darauf vor, Geflüchtete in ihre Wohnungen aufzunehmen, wieder andere holen Bekannte oder Verwandte oder Glaubensgeschwister zu sich. Zu den öffentlichen Statements kommen in Selm, Bork und Cappenberg die Menschen auf die Straße. Cappenberg organisiert einen Fundraising-Nachmittag, die Stadtverwaltung bündelt und koordiniert die Aktivitäten, Asylkreise und Schicksalshelfer machen sich Gedanken, was zu tun ist.

Denn auch das gilt: Nach dem Chaos des Anfangs der Fluchtbewegungen aus dem Krieg in der Ukraine wird es lange andauern, bis ein Ende erkennbar sein wird.

Diesmal wird ein Krieg so nah erlebt, wie generationenlang nicht. Er greift, anders als der “Kalte Krieg” bereits real auch in unseren Alltag ein.

Dummerweise sind die anderen Krisen aber nicht beendet.

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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