Selmer Alltagsspuren – Die Letzten werden die Ersten sein oder: Wie konnte ich mich nur zum Stadtfestlauf anmelden

Es waren die Pfunde der Weihnachtszeit. Ich nannte sie liebevoll sogar Kilos. Es hüpfte schon bei jedem Schritt und die Hose zwickte. Nein, ein neue wollte ich nicht kaufen. Ich sortierte in gute Kleidung und schlechte Kleidung, also die optimistisch gekaufte und die realistisch gekaufte. Die optimistisch gekaufte sortierte ich weg. Die realistisch gekaufte zwickte.

Solche Zeiten erfordern radikalte Entscheidungen: Oli, tu was! Und da man nicht einfach so etwas tut, ohne die Motivation ordentlich anzukurbeln, fasste ich eine Entscheidung und unterstrich diese durch eine mutige Tat: Ich meldete mich zum Selmer Stadfesttlauf an. Fünf Kilometer? Das wäre ja nicht mal ein Kilometer pro zusätzliches Lebkuchenpfund. Also komm, das schaffst Du, die mutigere Tat: 10 Kilometer!

Ein paar Wochen habe ich noch und ich bin ja im Training, einigermaßen. Alle zwei Wochen 45 Minuten an der Funne entlang. Das sind bestimmt, äh, 6 Kilometer, oder? Und ich kann mich schließlich auf ein funktionierendes Körpergedächtnis verlassen. 30-Kilometer Lauf 2011, Marathon 2002. So lange hält die Erinnerung doch, oder? Wade, weißt Du noch? Kilometer 36 am Wilden Eber?

Da ich mir aber nicht so sicher war, weder über die Haltbarkeit des Körpergedächtnisses, noch über meinen aktuellen Trainingsstand, wurde ein Projekt draus. Exceltabelle, Google-Earth. Nun war klar: Die große Joggingrunde – Funnenkamp, Steverweg, Hügelweg, Röhrweg – ist 7,8 Kilometer lang, dafür brauche ich gemütlich 58 Minuten. 8 km/h. Na ja. Die Strecke auf 10 Kilometer auszubauen schien mir nicht das Problem, aber eine Zeit unter einer Stunde war nicht realistisch. Aber muss es ja auch nicht. Es sollte ja nur Motivation sein, zwei Mal pro Woche auf die Runde zu gehen. Auf die vorderen Plätze schiele ich nicht, und ganz hinten sollte ich wolhl auch nicht landen. Vielleicht so im hinteren Feld im Pulk, ist ja ein Freizeitrennen.

Stadtfestlauf Selm
Optimistisch vor dem Start

So nahm ich meinen Trainingsplan auf, erweiterte meine Runde um eine Schleife und lief bis zum Freibad und noch einen Schwenker durch den Auenpark. 10,7 Kilometer in 72 Minuten, Tempo 9 km/h. Und die realistischen Hose zwickten schon weniger.

Der Mai kam und der Juni, bald würde es ernst. Eine deutliche Verbesserung war nicht mehr drin, es blieb bei der 10,7 km Strecke und dem Tempo von 9 km/h. Laufprofis rechnen anders: 6 Minuten 42 Sekunden pro Kilometer. Die magische Stunde, das hieße unter 6 Minuten pro Kilometer, wollte mir nicht winken.

Etwa eine Woche vor dem Lauf schaute ich in die Teilnehmerliste des Stadtfestlaufs. Anmeldungen für die 5-km-Strecke: 120, für die 10 Kilometer: 40. Ich schluckte, denn mir schwante da was. Ein Platz im Mittelfeld würde schwierig für mich. Mein Tempo läuft eher die Kurzstrecke. Schluck.

Donnerstag, 16. Juni. Schon beim Start des 5 km Laufs war ich am Campus. Der Schnellste war nach 15 Minuten im Ziel, hatte die zwei Runden im Auenpark schon absolviert. Aber einige kamen nach 30 Minuten noch ins Ziel. Siegerehrung 5 km, sammeln für den nächsten Lauf. Ich betrachtete das Starter/innefeld der 10-Kilometer-Runde. Freiwillig reihte ich mich ganz hinten ein.

Startschuss, bereits auf der ersten Gerade vom Campus zur Birkenallee spannte sich das Feld auf. Das konnte ich gut beobachten, denn ich hatte fast das gesamte Feld gut im Blick. Jetzt nicht leichtsinnig werden! Ich suchte mein Tempo und fand es, wohl etwas oberhalb meines Trainingstempos. Die beiden langsamsten Männer waren schnell außer Reichweite. Also lotete ich meine Chancen aus, die beiden Frauen vor mir noch einzuholen. Ebenso die Gefahr, von den drei Frauen hinter mir noch eingeholt zu werden. Und wie häufig und wann ich wohl überrundet werde. Vier Runde, der Schnellste hat die 5 Kilometer in 15 Minuten geschafft. Fun fact: Er lief zusätzlich auch die 10-Kilometer-Strecke! Warum auch nicht? Er hatte ja 45 Minuten Pause zur Erholung, deshalb ist er wohl so fix gelaufen.

Die Rechnung war einfach: Wenn ich also tatsächlich über eine Stunde unterwegs sein würde und der Schnellste 30 Minuten braucht, werde ich am Ende der zweiten Runde schon überrundet.

Puh. Aber hey! Das Wetter ist schön! Schau mal, Blümchen, vielleicht sehe ich eine Nutria! Und gar nicht mehr so heiß wie am Nachmittag, supi! Und nun purzeln ja die Kilos. Und dabei sein ist alles, juhu!

Die beiden Frauen vor mir entfernten sich zusehends von mir, glücklicherweise aber auch die drei hinter mir.
So war nach der zweiten Runde etwa die Platzierung klar. Wenn ich nicht bei Kilometer 8, ich nenne ihn mal den “Selmer Wilden Eber”, noch ganz krass einbreche. Aber vielleicht werden ja auch die anderen schlapp! Und ich könnte … Ich baue da ganz auf meine Ausdauer, wo mein Tempo schon nicht so top ist im Lauf der Laufprofis.

Egal. Ich mache meins.

 

Thomas Orlowski - Stadtfestlauf
Die 5 Kilometer geschafft, Begrüßung zum 10-Kilometer-Lauf: Bürgermeister Thomas Orlowski

An der Strecke war sogar echt was los. Die Anfeuerungen, selbst für die hinteren Plätze, war großartig. Das spornte mich an! Überrundet wurde ich erst in der dritten Runde und zwar, als ich bereits auf dem Rückweg war. An der Brücke über den Selmer Bach, dort, wo die Nutrias wohnen. Ein zweiter, ein dritter überrundete mich, ja, soll mir recht sein. Bei der dritten Runde bemerkte ich erstmals meine Zwischenzeit: hui 42 Minuten! Was war da los? Sollte ich etwa …?  Tatsächlich, nach 56 Minuten 26 Sekunden war ich im Ziel.

Wow, also doch unter einer Stunde, und zwar deutlich! Oli, du alten Superlaufprofi! Drittletzter, eine der beiden Frauen hinter mir ist vor dem Ziel noch ausgestiegen. Aber: unter einer Stunde. Doch, damit bin ich zufrieden, für meine ersten Lauf nach über zehn Jahren.

Dem Gerücht, dass die Strecke vermutlich nur 9,4 Kilometer lang war, möchte ich nun gar nicht so viel Bedeutung beimessen. Hochgerechnet auf 10 Kilometer wäre ich dann ziemlich genau 60 Minuten unterwegs gewesen. Vielleicht 2 Sekunden mehr.

Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei. Für 2023 hat Bürgermeister Thomas Orlowski, der die 5 Kilometer übrigens in grandiosen 27:50 gelaufen ist, versprochen, die Strecke amtlich vermessen zu lassen. Mein Ehrgeiz: erst in Runde vier überrundet zu werden!

Oh, schau mal, im August ist in Nordkirchen Halbmarathon …

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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