Selmer Alltagsspuren: “What a hell of a week!”

Für Zahlenspieler ein Festival der guten Laune, die vergangene Woche.

Hochzeitlich gestimmt kicherten klischeegeschaffene Ehemänner, dass sie sich diesen morgigen Hochzeitstag aber nun auch wirklich werden merken können – und versprechen am 22.02.2022 ihren jeweiligen Ehemännern und Ehefrauen ewige Werte und dauerhafte Investitionen, stabile gemeinsame Zukunft und kreatives Wachstum.

Eher andere Emotionen dürften den Abflug acht Jahre zuvor begleitet haben, den am 22.02.2014 der damalige Präsident der Ukraine, Wiktor Janukowytsch, von Kyjiw nach Moskau startete. Seine Idee einer Zukunft an der Seite von Russland und unter der Kuppel der Wertvorstellungen des putinschen Russlands lag in Trümmern. Wochenlange Proteste auf dem Maidan gegen sein Regime, das sich als immer  stärker als undemokratische Oligarchen-Herrschaft etabliert hatte, führten seinen Sturz herbei.

Für die Ukraine als immerhin flächenmäßig zweitgrößtes europäisches Land mit einer Bevölkerung von etwa der Hälfte im Vergleich zur Deutschland war der Weg in eine engere Bindung an Europa aber immer noch versperrt. Die Besetzung und Annexion der Krim durch Russland war dabei nicht gerade hilfreich – das geschichtliche Muster für die Ereignisse der vergangenen Woche allerdings im Rückblick erkennbar.

Nur: Vor acht Jahren hat das nicht wirklich viel Aufmerksamkeit erzielt. Außenpolitisch ist die Bubble derjenigen, die hier eher mal schnelles Blitzschach spielen, deutlich größer und prägender als die langfristig Fernschach spielen, fast unendlich viel größer.

Mich selbst finde ich in der ersten Gruppe wieder, und habe leider, wie in jedem guten Epos, vergessen, dass der große Böse immer langfristig spielt.

Und dass ich mich nicht lange genug konzentriere, um mehr als ein oder drei Spielzüge zu verstehen.

Kleiner Seitenblick:
In Halberstadt wird seit 2001 ein auf 639 Jahre angelegtes Musikstück von John Cage auf einer speziellen Orgel in einer halbzerstörten Kirche gespielt: “ORGAN²/ASLSP“.

Insgesamt sind – mit der ersten Pause von eineinhalb Jahren am Beginn des Stücks – bereits 16 Töne gespielt, der jüngste Tonwechsel war am 05.02.2022 – der nächste folgt am 05.02.2024.

Den Zahlenspieler im russischen Kreml allerdings hatte ich nicht im Blick, nicht als Zahlenspieler. Aber als egomanen Autokraten, der es geschafft hat, in den dreißig Jahren seiner Herrschaft keine bessere Zukunft in Russland, für Russland zu entwickeln, nur für die oligarchisches Pseudo-Elite und ihren Anhang.

Dem Zahlenspieler war es aber gelungen, sein System der Blendung, Vertuschung, ungehaltener Versprechen und unerwiderten Grenzüberschreitungen zu perfektionieren – so richtig von seinem Kurs abgebracht wurde er nie.

Immerhin:

Nuklearmacht! Rohstoffexporteur! Vetoinhaber im Weltsicherheitsrat! Kapitalismusopfer!

Alle vier Argumente: Selbstbetrug “im Westen” und Dorfkulisse “im Osten”.

Mitsamt mentalen Murkskonstruktionen der Vergangenheit. Atomenergie als Waffe ein größerer Irrweg als vieles Andere, Fixierung auf Rohstoffverbrauch einer rücksichtslos zerstörerischen Wirtschaft, Konstruktionsfehler einer Institution, die eher eigennützig betrieben wird, Geiselhaft einer Bevölkerung durch Wirtschaftsmafia im eigenen Staat.

Den 22. Februar 2022 hat der Zahlenspieler dazu genutzt, nach Wochen der Drohgebärden, des Aufmarsches, der verzögernden Verhandlungen die finale Phase seines Fernschachs zu starten.

Diese Höllenwoche – in der es uns hier, knapp 1200 Kilometer von Kijw entfernt immer noch kriegsfrei gut geht – zeigt aber an ihrem Ende auch etwas Neues:

Die Spielregeln sind geblieben, aber die Spieltaktik hat sich geändert.

Der Fernschachgegner des Zahlenspielers zerfällt nicht in seine körperlichen Bestandteile, die kleineren Figuren auf dem Schachfeld werden nicht mehr geopfert (die Schachspieler mögen mir verzeihen, wenn ich offenbare, wie schlecht mein eigenes Schachspiel wäre), die Springer und Läufer haben plötzlich a) eine erkennbare eigene Idee und b) Schwerter und Lanzen in ihren Händen. König und Dame sind sich einig, dass das Spiel ans Ende kommen soll – und sie haben einen Plan. Hoffe mal sehr, dass es diesmal ein Plan ist, nicht nur aus dem Zufallsgeplänkel der Lagebesprechungen entsteht – der Trick mit der Rockmusik hat nur einmal, und auch nicht final, funktioniert.

Mehr Schach, bitte.

Oder mehr Sunzi. Hab irgendwo Bücher dazu im Regal. Oder beginne mit “Picards Prinzip”. Für den Anfang. Da weiß ich, wo es steht.

Mehr Futter?

im Spiegel:

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, beruflich nun medienarbeitend, erfahren als Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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