Selmer Alltagsspuren – Wohin der Regen fließt…

»Wie aus Eimern« regnete es kürzlich auf den Selmer Friedhof hinab, als ich an einer Trauerfeier teilnahm. Was ich in dem Moment noch nicht wusste: durch den Friedhof hindurch verläuft eine Grenze. Eine Grenze, die niemand sehen kann. Eine Grenze, die es schon lange vor der Entstehung des Friedhofes gab. Eine Grenze an der sich entscheidet, wohin der Regen fließen wird!

Friedhof Selm

Wenn es regnet, verdunstet ein Teil davon direkt vom Boden oder von den Pflanzen. Ein anderer Teil sickert in den Boden und geht irgendwann ins Grundwasser über; oder wird über die Kanalisation abgeleitet. Der übrige Teil sucht sich seinen Weg nach unten. Genau genommen: zum nächsten Bach – und von dort über weitere Bäche hin zu Flüssen und letztlich ins Meer. Dabei hat jeder Bach, jeder Fluss, sein eigenes Einzugsgebiet, getrennt durch eine (fast immer) unsichtbare Grenze.

Die Rede ist von so genannten Wasserscheiden, auch Wasserscheidelinie genannt. Die unsichtbaren Linien, an denen sich quasi das Wasser entscheidet, wo es lang fließen wird. Wobei es dabei gar keine Wahlfreiheit hat, denn Wasser fließt immer nach unten. Trotzdem können Regentropfen, nur wenige Meter woanders nieder geregnet, einen ganz anderen Weg durch Selm einschlagen. Denn Wasserscheiden markieren immer die Grenze des Einzugsgebietes eines Flusses zum anderen. Sie folgen somit in aller Regeln den höchsten Punkten zwischen zwei Flüssen.

Zwischen Funne und Selmer Bach

Und solch eine Wasserscheide – die zwischen Funne und Selmer Bach – verläuft über den Friedhof und entlang des nördlichen Ortsrandes von Selm. Stellenweise liegt sie deutlich näher an der Funne, weil das Gelände zu ihr wesentlich stärker abfällt, was man an der Badestraße auf dem Weg zum Freibad gut erkenn kann. Es gibt hier einen kleinen Höhenzug, der in etwa parallel mit der Straße »Auf der Geist« verläuft. Mit der Kamera ist er schwer einfangbar – auf dem Fahrrad aber doch wahrnehmbar; besonders in Höhe der Sekundarschule auf der Südkirchener Straße – und bergab eben zum Freibad.

Stark vereinfachtes Höhenprofil von Selm

Ein Friedhof auf dem Hügel

Nicht zufällig befindet sich deshalb der Selmer Friedhof genau dort, wo er ist. Friedhöfe werden seit eh und je auf Hügeln errichtet, und somit auch auf der Grenze von zwei Fluss-Einzugsgebieten.

Warum Friedhöfe auf Hügeln gebaut werden, da gehen die Meinungen auseinander. Manche sagen, um näher an Gott zu sein – und der Hölle möglichst fern. Andere sagen: damit Hochwasser keine Toten hinwegschwemmt. Für letzteres spricht auf jeden Fall, dass der Friedhof an seiner höchsten Stelle gut 10 Meter oberhalb der Funne liegt.

Deshalb wandert der Regen, der nördlich auf dem Friedhof fällt, zur Funne. Der Regen südlich (z.B. an der Trauerhalle) fließt dagegen zum Selmer Bach. Das ist deshalb überraschend, weil die Funne ja quasi direkt hinter dem Friedhof entlang führt. Trotzdem fließt ca. ein geschätztes Drittel des »Friedhofregens« den viel weiteren Weg bis zum Selmer Bach: weil der Friedhof auf einem kleinen Hügel liegt und weil ein Tel des Regenwassers eben nicht bergauf zur Funne fließen kann.

Mit einem Teleobjektiv lässt sich der sanfte Friedhofshügel etwas besser sichtbar machen

Am Ende geht es von Selm immer in die Nordsee

Das Ziel ist letztlich dasselbe: Das Wasser aus Selmer Bächen und Flüssen landet am Ende immer in der Nordsee. Es fließt über Funne und Selmer Bach in die Stever; von dort aus über den Hullerner und den Halterner Stausee in die Lippe. Weiter geht es in den Rhein und dann bis zur Nordsee.

Der Regen aus Bork und in Teilen von Cappenberg fließt dabei direkt zur Lippe und nicht erst in die Stever. Besonders Cappenberg, höher gelegen als alles andere in Selm, liegt selbst auf der Wasserscheide von Stever und Lippe.

An der Funne.
Blick auf den Hullerner Stausee. Hier hinein fließt das Wasser aus Funne, Selmer Bach und Stever

In Münster sieht die Welt schon anders aus

Solche Wasserscheiden überziehen alle Kontinente, mit unterschiedlich großen Einzugsgebieten. Der Regen aus Selm fließt über den Rhein in die Nordsee; der aus Dortmund, Essen, Frankfurt, Koblenz und Freiburg ebenso.

Doch nur ein paar Kilometer weiter nordöstlich von Selm ist es ganz anders: Der Ascheberger und Münsteraner Regen fließt etwa in die Ems und dann in die Nordsee, weil die Wasserscheide zwischen Rhein und Ems das Münsterland durchteilt. Münsteraner Regen gelangt somit niemals über den Rhein in die Nordsee.

Und am Ende fließt auch ein Teil des Selmer Regens ins Meer.

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2 Gedanken zu „Selmer Alltagsspuren – Wohin der Regen fließt…

  1. Danke für diesen faszinierenden Wegweiser zu einer anderen Art von Landkarte, der ureigenen Landkarte des Wassers. Von dem Weg der Tropfen, der Vernetzung der Wege und schließlich der Vereinigung im Meer. Wieder bewusst zu haben, dass Tropfen von Selm in den Weltmeeren schwimmen, macht noch einmal deutlich, dass wir auf unsere Bäche und Gewässer nicht nur für uns achten müssen. Jeder Tropfen zählt, wie auch jede klimabewusste und -unterstützende Tat zählt.

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