Selmer Alttagsspuren – Molkerei und Gewächshaus, zwei verlassene Orte in Selm

Lost Places. Das sind verlassene oder vergessene Orte, häufig mitten in der Stadt. Die Bezeichnung Lost Places ist aber eine deutsche Wortschöpfung, im Englischen wird ein solcher Orte abandoned place genannt.

Vor vielen Jahren war ich als Geocacher unterwegs und erkundete als GPS gelotster Schatzsucher gerne verlassene Fabriken oder Kasernen. Gemeinsam mit Freunden, manchmal sogar nachts mit Taschenlampen bewaffnet. Das war bisweilen unheimlich aber immer ein Abenteuer. Aufregend, gespenstisch, die Luft roch nach Moder und Adrenalin.

Verlassene Orte, mitten in Selm: Molkerei und Gewächshaus

Zwei dieser Orte sind an prominenter Stelle in Selm zu finden, die alte Molkerei am Selmer Bahnhof und ein verfallenes Gewächshaus am Sandforter Weg.
Die alte Molkerei feierte in diesem Jahr ihren 130. Geburtstag. Bis 1968 wurde dort die Milch aus dem Umland verarbeitet, und das nicht wenig: bis zu 17.000 Liter Milch wurden täglich von den Höfen um Selm angeliefert und verarbeitet.

 
Lost Place Molkerei Selm
Verlassen mitten in Selm: die ehemalige Molkerei an der Olfener Straße

 

Schandfleck oder der Charme des Verfalls?

Von außen sieht man dem Gebäude bereits an, dass es seit vielen Jahren nicht mehr genutzt wird. Zerbrochene Glasbausteine, Pflanzenbewuchs in der Regenrinne, rostige und herabhängende Streben für eine Dachkonstruktion und Graffiti an den Fassaden.
Soweit der Eindruck von der Straße. Von der Seite ist der Einblick in die hintere Lagerhalle möglich, der Weg ist allerdings von Gebüschen versperrt. Man sieht einen Teil eines großen Raumes, der vielleicht mal ein Lager war. Durch fehlende Mauerteile fällt ausreichend Licht hinein. Auf dem Boden liegt Unrat, Verpackungen, Steine, Dämmmaterial, sogar Plakate einer Circus-Veranstaltung liegen auf dem Boden. Die Wände sind besprüht. Eine Erkundung hier lohnt sich weniger, der Charme des Verfalls ist leider vom herumliegenden Gerümpel überdeckt.

Wie bedauerlich, dass solche Orte, die ein schönes Zeugnis aus vergangenen Jahren sein könnten, bis sie einer nächsten Nutzung Platz machen, zum Vandalismus einladen. Denn von außen betrachtet ist die alte Molkerei ein reizvolles Gebäude, auch wenn die Jahre des Leerstandes deutlich ihre Spuren hinterließen.

 

Spuren der alten Zeit

Eine Nutzung für das Gelände ist derzeit offenbar nicht geplant. Die alte Molkerei ist alle Jahre mal wieder Thema des Selmer Stadtrats. Da der Eigentümer das Gebäude aber weder verkaufen noch nutzen möchte, gibt es für die Stadt Selm keine Möglichkeit, etwas für die Entwicklung des Grundstücks zu erreichen.

Das finde ich auch nicht ausschließlich tragisch. Denn diese verlassenen urbanen Orten haben für mich einen besondere Faszination. Sie umweht ein Hauch von Geschichte und sie verdeutlichen, dass der Zahn der Zeit an allem nagt. Für manchen ist es sicher eher ein Schandfleck, doch fasziniert mich der morbide Charme.

Der Blick von außen hat mich neugierig gemacht. Wie sah es hier früher aus? Welche Maschinen liefen hier, wie sahen die Tanks aus, in denen die Milch gelagert wurde? In einem Raum sind durch das zerbrochene Glas noch gekachelte Wände zu erkennen, ein rostiger Leuchter baumelt von der Decke. Dort ist am ehesten der Geist aus den produktiven Zeiten dieses Ortes zu erahnen.

Hier habe ich ganz klar Ehrfurcht vor einer langen Geschichte. Natürlich muss so ein Ort nicht museal erhalten bleiben, aber so lange keine neue Nutzung geplant ist, freue ich mich, wenn ich einen Eindruck von seiner Geschichte bekommen könnte.

Lost Place Molkerei Selm
Blick durchs Fenster

Wenn ich mir was wünschen dürfte

Und wenn ich mir was wünschen dürfte? Dann würde ich das Getränk wechseln. Wäre das nicht ein wunderbarer Ort für ein Brauhaus mit Ausschank? Selmer Spezialbier in gemütlicher Atmosphäre, mit einer kleinen Bühne für Poetry Slam oder eine Selmer Lesebühne. Vielleicht liefe hier auch Bundesliga live oder am Sonntag der Tatort zum gemeinsamen Ansehen. Unna hat seine Lindenbrauerei und Selm bekäme eine Molke-Brauerei! Wahrscheinlicher ist wohl ein Abriss und ein zweckdienlicher Neubau, befürchte ich, doch auch das ist der Gang der Dinge.

Lost Place Gewächshaus Selm
Blick vom Sandforter Weg

Nur von außen zu betrachten: Gewächshaus am Sandforter Weg

Ein weiterer verlassener Ort befindet sich auf der anderen Seite vom Auenpark, knapp zwei Kilometer von der Molkerei entfernt, am Sandforter Weg. Hier stehen mehrere Gewächshäuser, deren Substanz ebenso wie das der ehemaligen Molkerei seit Jahren bröckelt. Gebrochene Rohrleitungen, kaputte Glasscheiben, ein überwucherter Hof. Das Gelände ist durch einen Zaun gut abgesperrt. Glück für den Ort: daher gibt es weniger Spuren von Vandalismus, Graffiti und Vermüllung. Der Schutt, der hier herumliegt, stammt auch vom Ort.

Bei der Vorbeifahrt vom Sandforter Weg nimmt man wahr, dass das Gewächshaus nicht mehr im besten Zustand ist. Ein kurzer Halt und ein Blick in die Hallen lohnen sich auch hier.
Für das Gelände scheint es zumindest eine Planung zu geben, denn es führen zwei Wege vom Auenpark genau bis zur hochgewachsenen Hecke, die die Sicht auf die Gewächshäuser vom Park aus versperrt.

Die sollen offenbar einmal weiterführen. Vielleicht zu einem sehr netten Café unter dem Gewächshausglasdach. Hier hätten die Gäste auch in der kalten Jahreszeit das Gefühl, unter freiem Himmel zu sitzen wenn sie ihr Heißgetränk schlürfen. Ich gerate schon wieder ins Träumen, doch das ist die Inspiration dieser geschichtsträchtigen Orte.,

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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