Selmer Geschichten: Karneval ohne Session – Interview mit Tobias Steinbrink

Karneval in der Session 2020/21 ist in Selm anders als bisher. Bereits im Sommer 2020 wurden alle Veranstaltungen abgesagt, es gab keine Prinzenproklamation im November, keine Galasitzung, auch der Umzug durch Selm fällt in diesem Jahr aus. Der Präsident der 1. Selmer Karnevalsgesellschaft Tobias Steinbrink hat uns verraten, wie er in diesem Jahr trotzdem die fünfte Jahreszeit feiern wird.

Interview mit Tobias Steinbrink

Herr Steinbrink, kann der Westfale/die Westfälin überhaupt Karneval feiern?

Tobias Steinbrink: Auf alle Fälle, Westfalen und Karneval geht gut zusammen. Wir haben vielleicht nicht die ausgelassen Partys wie im Rheinland, es gibt bei uns mehr Aufführungen und Tänze. Aber auch lustige Sachen! Die Stimmung hier ist aber ebenso gut wie in den Hochburgen. Wir haben auch viel Austausch mit anderen Vereinen, beispielsweise aus Dortmund-Nette, Oer-Erkenschwick oder Seppenrade. Hier passiert eine Menge.

Selm hat sich in der Region zu einer kleinen Karnevalshochburg entwickelt, stimmt das?

T.B.: Hochburg würde ich jetzt nicht sagen, doch es kommen schon viele aktive Karnevalisten hier zusammen.

… aber immerhin mit einem recht großen Umzug …

T.B.: Das stimmt, unser Umzug hätte in diesem Jahr zum 30. Mal stattgefunden, das ist ja schon eine Tradition. Das fing mit ein paar Bollerwagen an, die durch Selm gezogen sind. Heute nehmen 30 bis 40 Gruppierungen am Umzug teil, die Wagen und die Fußgruppen. Da ist die Landjugend dabei und viele Firmen. Ich schreibe jedes Jahr viele Unternehmen und Vereine an und versuche sie ins Boot zu bekommen. Wir hatten sogar mal Antenne Unna dabei, dann wollte aber jede Stadt im Kreis die bei ihrem Umzug haben, das ging dann nicht mehr.

Wappen 1. Selmer Karnevalsgesellschaft

Wie haben Sie zum Karneval gefunden?

T.B.: Durch einen Kumpel. Während meiner Lehre bei Fahrzeugbau Wüllhorst hat der Vater eines anderen Auszubildenden mich langsam und geschickt zur Mithilfe im Verein überzeugen können. Das fing an mit Wagenbau, passt ja auch zu meinem Beruf, später half ich auch beim Schmücken und bei Veranstaltungen und bin dabeigeblieben.

Seit wann sind Sie dort Präsident?

T.B.: Oh, da muss ich kurz nachrechnen. 2010 bin ich Beisitzer geworden, 2010/11 war ich Prinz und 2012 dann Präsident.

Lieber Karneval in Köln oder in Düsseldorf?

T.B.: Den Düsseldorfer Karneval! Da war ich bisher zweimal und meine Eltern wohnen auch in Düsseldorf. Köln habe ich zur Karnevalszeit noch nicht besucht. Wir haben ja hier immer zu tun!

Lieber Düsseldorf oder Meenzer Fastnacht?

T.B.: Auch den Düsseldorfer, ganz klar! Aber in der Mainzer Region hat die Fastnacht noch mal einen ganz anderen Stellenwert. Das ist Brauchtumspflege, es gibt dort Dörfer mit 6.000 Einwohnern, da sind alle 6.000 im Karnevalsverein.

Lieber Bernd Stelter oder Brings?

T.B.: Ganz ehrlich: Brings!

Welcher ist ihr liebster Karnevalshit?

T.B.: Kölsche Jung!

 
“Bleibt zu Hause, feiert mit der Familie, zur Not auch alleine.”

 

Karneval in Zeiten von Corona

Im vergangenen Jahr kam Corona direkt nach der Karnevalssession. Wie hat es sich abgezeichnet, dass es in diesem Jahr anders würde?

T.B.: Kurz nach unserer Session ging es ja langsam los, dass sich immer mehr mit dem Virus angesteckt haben. Wir mussten dann die Trainings einstellen. Und im Mai war uns klar, dass wir die kommende Session gar nicht planen können, Verträge abschließen, Künstler einladen. Ich habe schon vermutet, dass mit der Erkältungszeit im Herbst auch die Zahl der Coronafälle wieder ansteigen würde. Das war gar nicht einfach, denn viele haben die Situation so nicht erwartet und gesagt, ich könne wohl hellsehen. Aber es hat sich ja bestätigt.

Haben Sie in der Karnevalsgesellschaft wenigstens ein Ersatzprogramm?

T.B.: Als Ersatzprogramm kann ich nur allen raten: Bleibt zu Hause, feiert mit der Familie, zur Not auch alleine. Macht es Euch dort schön bunt mit Konfetti, verkleidet Euch. Und meine Tochter bekommt an den Tagen auch ein paar Bonbons extra. Die ist auch schon Karnevalistin und liebt es, sich zu verkleiden.

Organisieren Sie im Verein Online-Veranstaltungen? Geht Karneval im Homeoffice?

T.B.: Nein, das ist schwierig. Wir möchten auch niemanden ausschließen, der nicht so Technik-affin ist. Mit allen zusammen können wir in diesem Jahr nicht feiern. Dann lieber jeder für sich zu Hause, bevor wir einige ausschließen. Vielleicht schicken sich einige Mitglieder Videos aufs Handy oder verabreden sich auch in kleinen Gruppen, falls es erlaubt ist, aber offiziell bieten wir vom Verein nichts an.

Tobias Steinbrink
In voller Montur: Präsident der 1. Selmer Karnevalsgesellschaft Tobias Steinbrink

Karneval ist ja immer auch ein durch-den Kakao ziehen der Regierenden. Was würde Ihnen da zu diesem Jahr mit Corona einfallen? Eher ein Witz über Jens Spahn oder über Christian Drosten? Oder die strenge Angela Merkel gegen einen Haufen von Landeschefs?

T.B.: Erstmal muss ich sagen: Hut ab! Die Arbeit von denen da oben möchte ich im Moment nicht machen. Politisch sind wir weniger. Vom Verein machen wir unseren geschmückten Prinzenwagen, der hat immer ein Motto. Aber es gibt Gruppierungen, die zum Umzug auch politische Themen aufgreifen. Im vergangenen Jahr hatten wir zum Beispiel den Rodelhügel. In diesem Jahr wäre sicher Corona ein Thema oder der Lockdown in allen Varianten. Vielleicht dass sich niemand zu einem harten Lockdown durchringen konnte, den es in anderen Ländern ja gab. Die Vorschläge für den Umzug schaue ich mir im Vorfeld an, allerdings ohne etwas zu verraten.

Wie weit darf Satire dabei für Sie gehen? Gibt es da auch Grenzen?

T.B.: Ja, wenn es zu persönlich wird. Man kann immer einen Spaß machen, auch über Bauprojekte oder Dinge, die vor Ort schiefgelaufen sind oder wenn Versprechen nicht eingehalten werden. Das geht auch im Saal vor 380 Leuten, aber nicht die ganze Zeit. Am besten ist es dann, wenn der Politiker kontern kann und man ihm die Chance gibt, auch einen lustigen Spruch zu machen. Damit haben wir in Selm bisher gute Erfahrung gemacht.

Was ist ihr persönliches Highlight in einer “normalen” Karnevalssession?

 

 

T.B.: Für mich ist es immer am schönsten, wenn am Samstagabend nach dem Umzug alle besinnlich im Zelt zusammenkommen. Wenn alle zur Karnevalsmusik feiern, alle auf ihre Art. Und wenn es bis dahin keine Zwischenfälle oder Verletzte gab. So habe ich damals auch angefangen, Karneval zu feiern, bevor ich mich im Verein mehr engagiert habe. Die Sitzungen mag ich natürlich auch sehr, die Galasitzung oder Weiberfastnacht, auf denen das karnevalistische Programm mit unseren befreundeten Vereinen zusammen gezeigt wird.

Wie hoch ist der zeitliche Anteil an Karneval für Sie in einer normalen Session?

T.B.: Es besteht schon viel aus Organisieren. Aber ich habe jetzt eine dreijährige Tochter, da muss ich mir ganz gezielt auch Zeit für die Familie reservieren. Vieles plane ich dann erst für abends, wenn die Kleine im Bett ist, so wie unser Gespräch zum Beispiel. Und manches mache ich einfach erst am nächsten Tag, das geht auch.

Wie entwickelt sich der Karneval in Selm? Steigt die Begeisterung eher an oder ist es schwierig, junge Menschen für den Karneval zu begeistern?

T.B.: Nachwuchssorgen haben wir kaum. Wir haben Zuwachs in den Tanzgruppen bekommen. Sogar Jungen haben wir dort jetzt. Die hatten lange eine Abscheu vor dem Tanzen, da es eher so eine Mädchensache ist im Karneval. Aber man muss nicht nur im Verein sein, um zu tanzen. Es ist schwieriger, Engagierte für die Brauchtumspflege zu gewinnen oder für die Vereinsarbeit. Es gibt aber auch viele, die freiwillig helfen, Eltern beispielsweise, deren Kinder in den Tanzgruppen sind, die helfen beim Schmücken und bei den Veranstaltungen oder übernehmen auch mal Fahrten.

Wie viele Mitglieder haben Sie derzeit?

T.B.: Es sind derzeit so 150 und das bleibt relativ konstant, auch in der Zeit, als wir keine Trainings anbieten konnten.

Zum Abschluss haben Sie einen Wunsch frei: Nehmen wir mal an, dass 2022 der Karneval wieder ganz normal stattfinden kann und Sie dürften sich eine Sache oder einen Gast für die Gala oder den Umzug wünschen, wer oder was wäre das?

T.B.: Mein Traum ist leider im letzten Jahr im Sommer geplatzt. Zum Stadtfest haben nach jahrelangen Bemühungen die Brings endlich zugesagt. Und unser damaliger Bürgermeister Mario Löhr hat mir versprochen, dass wir mit 20 Mitgliedern von unserem Verein zusammen mit denen auf der Bühne stehen könnten. Zur Karnevalszeit ist es unmöglich, so eine Gruppe nach Selm zu bekommen. Aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, das wärs! Ich hoffe, dass das Konzert nachgeholt wird, im Sommer mal, das wäre auch schon klasse.

Dafür drücken wir die Daumen, ganz herzlichen Dank für das Interview.

T.B.: Sehr gerne!

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Tobias Steinbrink

30 Jahre

Gladbeck

Karosserie und Fahrzeugbauer

1994

Ruhige Stadt und trotzdem nah am Geschehen

eine Veranstaltungshalle für mehr als 300 Personen

Ternschersee

Auen Park

mit meinen Mitmenschen Spaß haben

Karneval / Garten / Unternehmungen mit Familie und Freunde

leider lese ich ungern

The Mandalorian / The Simpsons / Der Hobbit

Burger / Steak’s / Amerikanische Geschichte

Griechenland

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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