Selmer Alltagsspuren: Die Harten müssen warten

Fünf Minuten und fünfzig Sekunden. Sechs Minuten und dreißig Sekunden.
So lange ist die Bahnschranke geschlossen, am Fuß- und Radweg, der südlich des Bahnhofs Selm parallel zum Selmer Bach verläuft. Ich habe die Zeiten mal gestoppt. Eine lange Wartezeit für das kurze Erlebnis, die RB51 nach Dortmund oder nach Enschede für wenige Sekunden in gemächlichem Tempo vorbeizuziehen zu sehen.

Joggingrunde mit Warteminuten

Ein paar Tage zuvor:
Auf meiner großen Joggingrunde durch die Felder, an der Funne entlang bis fast zur Stever, an der Reitanlage vorbei und den Steverweg zurück, wollte noch einen Schwenk durch den Auenpark laufen. Also lief ich den Steverweg weiter bis zum Bahnhof und ein Stück den Römerweg entlang und bog schließlich links ein in den Fußweg am Selmer Bach. Ich machte mich noch über einen Radfahrer lustig, der wie verrückt lospeste, um noch über den Bahnübergang zu kommen, als dort sie Signal-Glocken bimmelten. “Er hat es wohl eilig und nicht die Ruhe, um zwei Minuten zu warten!”, dachte ich bei mir.

Es war ein kalter, sonniger Tag. Mein Sportfunktions-Shirt klebte unter der Sportjacke. Nun wartete ich also. Zwei Minuten waren längst vergangen. Ich trippelte schon auf der Stelle, bloß nicht den Rhythmus verlieren! Kein Zug in Sicht. Nach einer weiteren Weile trippelte ich zum Römerweg und wieder zum Bahnübergang zurück. Vor allem nicht auskühlen. Es sammelte sich an beiden Seiten des Bahnübergangs bereits eine große Gruppe Wartender. Familien, Gassigänger, Radfahrerinnen. Noch immer keine Regionalbahn zu sehen oder zu hören.

Dauert das hier immer so lange?

“Dauert das hier immer so lange?”, fragte ich ungläubig einen der wartenden Passanten. Meinen Jogging-Rhythmus hatte ich längst aufgegeben und es begann mich zu frösteln. Ein bestätigendes Nicken. Sollte ich besser umdrehen und einen anderen Weg nehmen? Endlich: Nach fünfeinhalb Minuten kam die Bahn und nach sechseinhalb Minuten öffnete sich die Schranke. Vermutlich, denn nachgemessen habe ich ja erst einige Tage später.

Mit innerem Kopfschütteln setzte ich an jenem Sonntag schließlich meine Joggingrunde fort, nachdem sich beide Pulks auf dem engen Weg irgendwie aneinander vorbeigezwängt hatten. 1,5-Meter Abstand? Keine Chance.

 

Schranke auf
Glück auf! An 47 Minuten pro Stunde ist die Schranke am Selmer Bach geöffnet.

No-go-Area für 30 Minuten

Ich fasse nochmal zusammen: Auf einem eingleisigen Gleisabschnitt, auf dem pro Stunde zwei Regionalbahnen verkehren, das sehr langsam, da der Bahnhof Selm keine 500 Meter entfernt ist, bleibt eine Schranke an einem Bahnübergang, der nur von Fußgänger:innen und Radfahrer:innen benutzt werden darf,  bei pünktlich verkehrenden Zügen bis zu sechseinhalb Minuten geschlossen.
Bei Zügen, die aus Süden kommen, öffnet die Schranke erst eine Minute nach Durchfahrt des Zuges. Weshalb?

Aus meiner bescheidenen Sicht ist es schwer nachvollziehen, weshalb das für die Sicherheit der Passantinnen und Passanten oder für den Betriebsablauf der Bahn notwendig sein soll. Der Bahnübergang wird vermutlich vom Stellwerk am Bahnhof Selm aus manuell betätigt, ebenso wie der Bahnübergang an der Olfener Straße.

Ich vermute weiter, dass der Bahnübergang am Selmer Bach zunächst geschlossen wird, anschließend der Übergang am Bahnhof. Dieser wird auch zuerst wieder geöffnet, bevor zu guter Letzt die Schranke weiter südlich den Rad- und Fußweg wieder freigibt. Dafür spricht, dass dieser nach der aus Süden kommenden Bahn noch eine weitere Minute geschlossen bleibt.

Ist so eine lange Schließzeit tatsächlich notwendig, liebe Deutsche Bahn?

Was heißt das nun? Ich werde, wenn ich nicht ganz genau auf die Minute schauen kann, den Weg am Selmer Bach für die Joggingrunde und den Spazierweg zwischen “zehn nach” und “zwanzig vor” meiden, also für die Hälfte jeder Stunde.

Ganz sicher beim Joggen oder wenn es kalt ist. Oder ich nehme gleich einen Umweg in Kauf, wenn ich die Schranke sich gerade schließen sehe.

Notiz an mich, gut merken:
Die gemessene Schließzeiten bei pünktlichen Zügen war von 13:14 bis 13:22 Uhr und von 13:30 bis 13:37 Uhr, die Bahn verkehrt tagsüber stündlich.

Stellwerk Selm
Schaltzentrale: das Streckenschaltfeld (Ss) Selm

Und wie lange dauert’s am Bahnhof?

Nun interessierte mich auch der Vergleich: wie lange ist wohl die Schranke am Bahnhof geschlossen? Viereinhalb Minuten bei einem Zug von Süden, fünf Minuten bei einem Zug von Norden. Das ist eigentlich auch schon recht lang, aber etwa eineinhalb Minuten kürzer.

Wahrscheinlich habe ich dort schon mal mit dem Auto mehrere Minuten an der Schranke gestanden und gewartet. Wahrscheinlich hatte ich es da warm, es lief schöne Musik oder etwas Interessantes im Radio. Die Minuten vergingen schnell, da ich es nicht besonders eilig hatte. Eigentlich bin ich kein ungeduldiger Mensch. Ich kann auch warten.

Aber doch bitte nicht bei Joggen und dann noch in der Kälte!

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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