Selmer Alltagsspuren: “End of Service-Desert”

Einmal mit Profis, ein einziges Mal!

Seit einem guten Vierteljahrundert wandern die Dünen der “Servicewüste Deutschland” umher.

Diese beeindruckend mobilen, landschaftsprägenden Sandhaufen wurden bildsprachlich innovativ Ende 1995 vom Spiegel in Bewegung gesetzt.

Sie haben seit (immerhin) schon 20212 einen eigenen Wikipedia-Eintrag und sollen einem vagen Gefühl bildlich Ausdruck verleihen: 

“… es gibt einfach keinen guten Service mehr hier …”

Aber ausgerechnet im CORONAJAHR II keimt jetzt doch wieder Hoffnung auf, die nicht nur meinen nächtlichen Visionen von einer besseren Welt am anderen Ende der Welt oder nach deren Ende entspringen. Es sind ganz reale Erlebnisse, die hier ihre Spuren hinterlassen.

Letzten Donnerstag erst, als ich vielfach vertagten fleischlichen Genüssen nachgehen wollte, musste ich frustriert gegen Elf in der Nacht zusehen, wie das Objekt meiner Begierde sich voranschob, nach entsprechender Bezahlung, sich annäherte, dem Ausgang nahe kam – und fiel. Das wäre ja auch wünschenswert, aber… nicht in die mir das Produkt ausliefern sollende Box – sondern a u f  d e r e n D e c k e l !!!!!!!!1!1!1!

Deutlich fassungsloses Starren. Dann löst sich die Erstarrung, denn ich weiß, dass da eine Handynummer an der verkaufenden Gesamtbox ist.

Also besteht zumindest die Chance, dass ich meine Frustration in Textform packen kann und versende, denn … na ja, selbst in Service-Oasen rechne ich nicht mit einer nächtlichen Antwort.

Immerhin durfte ich erst am Dienstag erfahren, dass die Klärung, ob denn nun das von mir bestellte Linientaxi um 23.04 Uhr ab Lünen nach Selm mich nun wirklich nicht abgeholt, mindestens eine Woche dauern wird, weil anscheinend niemand systematisch nachhält, wer wann welche Linien-Taxi-Bus-Fahrt macht oder auch nicht - aber das ist eine andere Geschichte von 11 Uhr in der Nacht... 

.... und: "WOW"

Ab aufs Rad, nach Hause, so spät essen ist eh nicht so toll, war ja auch ein langer Tag, das mit dem Fleisch muss ja auch nicht wirklich sein, TELEFON.

“Hallo, ich hab Sie nicht schneller erreicht – ich bin in einer Minute an der Verkaufsbox, aber ich bring Ihnen das eben rum (weil ich schon zu Hause war), kein Problem.” – “OK, ich komm dann zu Straße.

Und weil ich dann wirklich sehr nah am Automaten wohne, treffen wir uns auf halber Strecke – es gibt das Objekt der Begierde und als kleine Trost ein passendes Brotprodukt “zum Ausprobieren”. Und nein, er war nicht “eh in der Gegend”, er hat sich einfach sofort ins Auto geworfen. Weil “uns Kundenservice wichtig ist”. Kein Spruch, schlicht getan. Und das erkennbar aus der abendlichen Freizeit heraus, sprich: keine Dienstkleidung  (wenn die denn sowas hätten).

Das ist ja nicht die einzige Gegenspur zur “Servicewüste”, die ich im Selmer Alltag erlebe. Es gibt hier Spielzeuggeschäfte, die berüchtigt sind für ihre Kundenbetreuung (nun, es gibt nur ein Spielzeuggeschäft überhaupt), es gibt Haushaltswarenlogistiker, die schlicht alles besorgen und immer neue Ideen haben (gleiche Klammeranmerkung wie eben), es gibt Restaurants mit guter Küche und sorgfältiger Kundenbindung (tatsächlich Plural), innovative Mobilbars (analog zu Klammer 1)…

Neben den jammervoll-delirierenden Szenerien des wüstenbedingten Untergangs gibt es bewohnte Gebiete, nicht nur Oasen. Nicht am Ende der Welt oder weit danach, sondern hier in unserer kleinen Stadt. Und nebenan auch.

Mir gefällt der Gedanke, weniger die “Wanderdünen des Misslingens” anzustarren. Macht mich immer durstig. Und durstig macht (mich) grantig. Heißt es.

 

Schönen Sonntag!

Disclaimer:

Weder das SELMagazin.de noch der Autor haben irgendeine wirtschaftliche Bindung an die Menschen hinter der Hofbox, über die wir im Januar geschrieben haben.

Es gibt inzwischen eine Reihe von regional und lokal betriebenen Automaten, Verkaufsstellen, Boxen, Herumfahrern – wir werden das weiter verfolgen – ein echter Trend.

Und: Ja, das Brotprodukt als Kostprobe (siehe Kolumnenhauptteil) ist ein gutes Produkt. Mehr sag ich nicht.

 

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, jetzt Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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