Selmer Geschichten: Kommunal gegen die Krise – Interview mit Klimaschutzmanagerin Lea Freese

Seit Februar 2021 ist Lea Freese Klimaschutzmanagerin der Stadt Selm. Über ihre erste große Aktion, das Klimafasten, haben wir bereits ausführlich berichtet. Welches Aufgabenfeld die Absolventin des Studiengangs Umweltmodellierung bearbeitet, weshalb Klimaschutz uns alle angeht und weshalb Optimismus angebracht ist, beantwortet sie in diesem Interview.

Frau Freese, wie wurden Sie Klimamanagerin in Selm?

Ich hatte gerade mein Studium der Umweltmodellierung in Oldenburg beendet, da habe ich von Freunden und Bekannten gehört, dass viele Kommunen Klimaschutzmanager suchen. Da habe ich nach Ausschreibungen gesucht und bin auf Selm aufmerksam geworden. Das ist nicht weit von meiner Heimat in Friesland entfernt, bietet aber trotzdem eine neue Erfahrung für mich. Ja, da habe ich mich beworben und bin direkt eingeladen worden. Im Februar habe ich dann hier begonnen.

Was muss man sich unter dem Beruf Klimaschutzmanagerin vorstellen, was sind Ihre Aufgaben?

Schwerpunkt ist die Umsetzung der Maßnahmen, die im Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept von Selm stehen. Das beinhaltet die Aspekte Mobilität, kommunale Gebäude, Öffentlichkeitsarbeit und Bildung. Aber auch übergreifende Maßnahmen wie Ver- und Entsorgung, Klimaanpassung und Gebäudeenergieeffizienz.
Ich tausche mich auch mit anderen Klimaschutzmanagern aus, um Beispiele aus anderen Kommunen anzuhören und zu schauen, was auch in Selm umgesetzt werden kann.

Hat jede Kommune eine/n Klimaschutzmanager/in?

Nein, nicht alle, aber es gibt bereits viele Kommunen, die einen Klimaschutzmanager haben, auch schon im Kreis Unna. Es gibt ein Förderprogramm vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, unterstützt von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI).

Wie groß ist der kommunale Beitrag am Klimaschutz?

Welchen Beitrag zum Klimaschutz kann eine Kommune wie Selm überhaupt leisten?

Im Klimaschutzkonzept wird beispielsweise erläutert, welche Klimagase vor Ort entstehen und wie viel Einsparpotential vorhanden ist. In Selm ist das sehr groß, vor allem in privaten Haushalten, aber auch in Sektoren wie Industrie, Gewerbe, Handel, Dienstleistungen und kommunale Liegenschaften.
Wenn das genutzt wird, kann eine Kommune wie Selm einen großen Beitrag leisten.

Ein Projekt, das Sie ja initiiert haben, das dabei helfen soll, dieses Einsparpotential auszuschöpfen, ist das Klimafasten. Darüber haben wir bereits berichtet. Die Teilnehmenden sollten in sieben Wochen verschiedene Aspekte des Klimaschutzes selbst ausprobieren. Wie war die Resonanz auf das Klimafasten?

Ja, sehr gut! Ich habe viel Feedback und auch viele Nachfragen bekommen. Zum Beispiel bei den regionalen Produkten, wo die Hofboxen stehen. Das heißt, dass die Bürgerinnen und Bürger sich mit dem Thema beschäftigt haben. Sie fragen sich, was sie selbst zum Klimaschutz beitragen können. Das hat mich sehr gefreut!

Wissen Sie, wie viele teilgenommen haben?

Leider nicht genau.

War das bereits Teil des Klimaschutzplanes oder haben Sie die Idee mitgebracht?

Nein, das Klimafasten selbst ist eine Initiative von verschiedenen Kirchen. In Lünen gab es auch ein Klimafasten. Ich fand es sehr spannend, das Thema für Selm aufzugreifen, das passte sehr gut in meine Anfangszeit.

Haben Sie selbst auch teilgenommen?

Ja, aber in dieser Zeit bin ich auch umgezogen, das war nicht immer zu vereinbaren. Ein Beispiel: In der Woche, als wir Verpackungen vermeiden sollten, hatte ich noch keine Küche. Da ist es mir erst aufgefallen, wie schwierig es ist, Verpackungen zu vermeiden, wenn man gar keine Küche hat.

Wie würden Sie Skeptiker überzeugen, dass sich ihr eigener Beitrag zum Klimaschutz doch lohnt?

Da nehme ich gerne das Beispiel mit den Mücken. Eine Mücke ist ja auch klein. Einen Mückenstich können wir vielleicht noch ertragen, aber wenn man mehrere Mückenstiche hat, das juckt dann ganz schön!
Also jeder noch so kleine Beitrag für sich alleine bewirkt wenig, aber wenn alle mitmachen hat man viele kleine Beiträge und in der Summe erreicht man etwas.

Klimaschutz erfordert, dass wir unsere eigenen Routinen ändern und Alternativen kennenlernen.

Haben Sie viele Diskussionen im Freundeskreis oder in der Familie über den Nutzen des Klimaschutzes?

Nein, viele Freunde aus dem Studium waren ja auch im Umweltbereich tätig und kennen sich in der Thematik gut aus. In der Familie glücklicherweise auch nicht. Alle erachten den Klimaschutz als einen wichtigen Aspekt heutzutage, den es gilt, bestmöglich zu realisieren.

Klimaschutz – Verzicht oder Gewinn?

Muss Klimaschutz immer Verzicht sein?

Nein, auf gar keinen Fall. Klimaschutz erfordert aber, dass wir unsere eigenen Routinen ändern und Alternativen kennenlernen. Das kann zum Beispiel die Installation einer neuen Heizung sein, was nicht damit einhergeht, dass ich auf meine Heizung verzichten muss, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Auch zum Autofahren gibt es Alternativen, auch wenn klar ist, dass ein Auto viele Vorteile hat. Es geht darum, diese Alternativen zu nutzen, wenn es möglich ist. Man kann seine Bequemlichkeit auch überwinden und etwas Neues ausprobieren.

Wann sind Sie auf die Bedeutung des Themas Klima gestoßen? Gab es für Sie einen Schlüsselmoment, an dem Sie dachten, das ist eine große Bedrohung?

Einen Schlüsselmoment nicht wirklich. Im Studium habe ich mich aber mit Umweltmodellen auseinandergesetzt, da haben wir Klimamodelle berechnet. Das fand ich sehr interessant, wie es sich entwickelt. Wir bemerken es ja schon: Das Wasser wird im Sommer knapp, die Bäume vertrocknen, das macht das Klima für uns präsenter. Das schließt auch an die vorhergehende Frage an: Wenn wir jetzt nichts tun, müssen wir bald auf bestimmte Dinge verzichten, wie die ständige Versorgung mit ausreichend Wasser und gesunde Bäume.

Was sehen Sie als die größte Bedrohung der Klimakrise?

Ich befürchte die Bequemlichkeit. Dass es schwierig ist, aus Routinen herauszukommen und Menschen zu motivieren, wirklich etwas ändern zu wollen.

Und welche erwartbaren Veränderungen bedrohen uns konkret?

Das ist sehr schwierig zu sagen, weil es sehr komplex ist. Natürlich die Hitze, die zunehmen wird. Aber auch, dass Lebensräume bedroht sind, die Artenvielfalt ist gefährdet. Die gilt es für zukünftige Generationen zu bewahren.

Was sind realistische Ziele, die heute noch beim Klimaschutz erreichbar sind? Ist es noch möglich, das 1,5-Grad-Ziel (durchschnittliche Erwärmung um 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit) zu erreichen?

Persönlich finde ich, wir sollten an diesem Ziel festhalten. Wenn der Wille dazu da ist, sollten wir das umsetzen. Wir sollten aber trotzdem auch Klimaanpassung in unserem Handeln berücksichtigen, damit wir Maßnahmen ergreifen können, wie wir mit dem veränderten Klima umgehen können.

Welche Maßnahmen wären das? Sind solche Maßnahmen auch im Klimaanpassungskonzept von Selm vorgesehen?

Ja, das Klimaanpassungskonzept berücksichtigt diesen Bereich. Das beinhaltet unter anderem Maßnahmen für die Pflanzenvielfalt, Begrünung von Gärten, Vorbereitung auf Starkregenereignisse, Dachbegrünung, Photovoltaik und noch weitere Maßnahmen.

A oder B: Bitte entscheiden Sie sich für einen der beiden Begriffe

E-Bike oder reine Pedalkraft?

E-Bike

ÖPNV oder Fahrrad?

Fahrrad

E-Auto oder Wasserstoff-Auto?

Wasserstoff-Auto

Bahnfahren oder Reisen vermeiden?

Bahnfahren

Atomkraft oder Gaspipeline?

Gaspipeline

Avocado oder heimisches Rindfleisch?

Heimisches Rindfleisch

Hafermilch oder Kuhmilch?

Keine

Recycling oder Unverpacktladen?

Unverpacktladen

Produkte hauptsächlich aus nachhaltiger Produktion oder generell weniger kaufen?

Weniger kaufen

Wer kann/könnte mehr für den Klimaschutz tun:

Angela Merkel oder UN-Generalsekretär António Guteres?

António Guteres

Joe Biden oder der chinesische Präsident Xi Jinping?

Der chinesische Präsident Xi Jinping

Unverpackt Marktstand
Recycling oder unverpackt? Einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz bietet der Stand von Sandys Unverpacktladen, donnerstags auf dem Wochenmarkt in Bork

Globale Krise – regionale Maßnahmen

Gibt es eine Instanz, die der Menschheit fehlt, um effektiv gegen die Klimakrise vorzugehen?

Natürlich wäre es wünschenswert, eine Instanz zu haben, die jedem Land vorschreiben könnte, mehr Maßnahmen zum Klimaschutz umzusetzen. Das wäre sehr hilfreich. Aber so etwas zu Schaffen ist natürlich sehr schwierig.

Ist es bei einem derart globalen Problem nicht hinderlich, dass ein Handeln eigentlich nur auf nationaler Ebene möglich ist?

Auf jeden Fall. Insofern wäre eine solche Instanz wünschenswert. Ebenso, dass Klimaschutz für alle zu den Prioritäten zählt.

Auch mit Klimaschutz lässt sich Geld verdienen!

Kann Klimaschutz mit dem derzeitigen System aus Kapitalismus und vierjährigen Legislaturperioden gelingen?

Ich glaube, dass es auf alle Fälle möglich ist, auch mit dem aktuellen System. Wenn alle Parteien Klimaschutz wirklich umsetzen wollen, dann sind auch vierjährige Legislaturperioden kein Hindernis. Und zum Kapitalismus: auch mit Klimaschutz lässt sich Geld verdienen.

Woran liegt es, dass der wirtschaftliche Aspekt des Klimaschutzes weniger gesehen wird? Da könnte Deutschland ja auch wieder mit innovativer Technik zum Klimaschutz beitragen. Deutschland war ja beispielsweise mal führend im Bereich Solartechnik.

Woran es liegt, dass der wirtschaftliche Aspekt eine noch geringe Rolle spielt, kann ich nicht genau sagen, da kenne ich mich leider wenig aus.

Gibt es Lehren für den Schutz des Klimas in der derzeitigen Corona-Pandemie?

Ja, unbedingt, wir haben gemerkt, dass wir auf vieles verzichten können. Vor Corona gab es viele Kurzreisen, auch mit dem Flugzeug. Fast von einem auf den anderen Tag kamen wir ohne diese Reisen aus. Wenn wir wollen, können wir das dauerhaft ändern. Auch dass wir weniger konsumieren. Ein großer Effekt ist auch, dass durch das Homeoffice sehr viel Verkehr reduziert wurde.

 

Klimaprojekte für Selm

Was sind Ihre nächsten Projekte vor Ort?

Aktuell vor allem das Klima-Café. Im April stellen wir Maßnahmen für grüne Vorgärten vor. Das machen wir in Form von Impulsvorträgen und zeigen da beispielsweise, dass Steingärten gar nicht so pflegeleicht sind, wie allgemein angenommen wird. Es gibt auch bienenfreundliche Vorgärten, die wenig Pflege brauchen, das ist dann wiederum gut für den Klimaschutz.
Das Klima-Café ist eine Beteiligungsrunde für alle in Selm, für Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler, auch für Unternehmen und Initiativen. Es findet online statt. Wir stellen dort aktuelle Maßnahmen vor und laden zur Diskussion ein. Das soll zwei Mal im Jahr stattfinden, das nächste Klima-Café ist im Herbst.

Blicken Sie optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Optimistisch! Wenn man an das Thema Klima nicht optimistisch heranginge, würde man wenig bewirken können, denke ich.

Prima, dann alles Gute für Ihren Einsatz für das Klima in Selm, danke für das Interview.

Klima-Café am 21.04.2021 – Grün statt grau

Das nächste Klima-Café findet am Mittwoch, den 21. April, digital von 17.30 bis 19 Uhr statt.

Thema: „Grün statt Grau – Vorteile naturnaher (Vor-)Gärten“. Dazu gibt es Aktuelles zum Klimaschutz.

Anmeldungen unter Tel. 02592-69106 oder per Mail l.freese [at] stadtselm.de.

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Lea Freese

26 Jahre

Jever

Klimaschutzmanagerin

März 2021 (in Olfen)

die verschiedenen Stadtteile, die alle ihren eigenen Charme besitzen

die Nordsee

Ternscher See

für meine Familie

anderen Menschen zuhören

Tischtennis, Lesen, Backen

Das Cafe am Rande der Welt

Haus des Geldes

Grüne Bohnen

Deutschland

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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