Nordkirchener Kriechspuren: Halbmarathon im Schlosspark

Spoiler: Ich habe es überlebt. Meinen ersten Halbmarathon. Und das sogar noch ganz fit!

Schöne Momente waren:
Um das Schloss Nordkirchen herum zu laufen, durch den Schlosspark zu laufen, auf schattigen Wegen zu laufen, “oh, da, das Schloss”, die ersten 13 Kilometer, die Anfeuerungen an der Strecke zu sehen und zu hören, auf den letzten Kilometern noch andere Läufer zu überholen, “oh, da, schon wieder das Schloss”, für die letzten 300 Meter ins Stadion von Nordkirchen einzulaufen, die Urkunde entgegen zu nehmen.

Weniger schöne Momente waren:
Als ich bei Kilometer 13 den Anschluss an meine temoräre Laufgruppe verloren hatte, auf der sonnenbeschienenen Strecke auch noch Gegenwind gehabt zu haben, die zunehmende Schwere der Beine so ab Kilometer 17, die größeren Steine auf den Schotterwegen, die sich durch die weiche Schuhsohle gebohrt und die Fußsohle gepiesakt haben, die schon 19 Kilometer Laufstrecke bewältigt hatten.

Es fing an in Selm …

Im Prinzip fing es ja mit dem Selmer Stadtfestlauf an. Also die Neuauflage meiner Laufkarriere. Mein letzter längerer Lauf war 2013, danach lange nichts. Es kamen die Kilos und die Falten, die Konditiion schwand. Seit einigen Jahren sporadisch mal joggen gehen und dann im Juni 2022 die 10 Kilometern durch den Auenpark von Selm, das SELMagazin berichtete. Den hatte ich nun gut absolviert, was ist die nächste Herausforderung? Der halbe Marathon! Und den gibt es sogar im Nachbarort, in Nordkirchen, bin dabei! Ja, ich bewältigte bereits den ganzen Marathon, mehrmals, doch das ist 20 Jahre her. Neue Spielsituation.

… nächste Hürde Nordkirchen

Und nun kam der 6. August 2022. Ein noch sommerlich warmer Samstagabend. 203 Läuferinnen und Läufer machen sich auf den Weg, zwei Runden vom Schloss Nordkirchen über Südkirchen und den Obsen zu laufen. Motto: übern Obsen hopsen. Am Start ordnete ich mich wohlwissend mal ganz hinten ein. Aus gutem Grund, denn beim Selmer Stadtfestlauf war ich so ziemlich letzter. Doch in Nordkirchen war ich mir früh sicher, dass ich nicht ganz hinten landen würde. Zwar hatte ich im Training “nur” eine Strecke von 16.5 Kilometern bewältigt, doch vertraute ich mir, dass ich mein Grundtempo durchhalten würde. Bereits nach einem Kilometer überholte ich zaghaft die ersten Läuferinnen und Läufer. Ein skeptischer Blick: wer läuft hier wohl mein Tempo, wer schnauft bei Kilometer 12, weil die Puste schon ausgeht, wer hat noch Reserven?

Laufgruppen, Trinkexperten

Meine Peer-Group fand ich etwa bei Kilometer 7. Das Feld hatte sich schon auseinandergezogen, mehrere Gruppen liefen zusammen, einige allein, dazwischen schon mehrere hundert Meter Abstand. Wir waren zu viert. Zwei Frauen, ein Mann, der über die richtige Trinkmenge beim Laufen philosophierte und ich. Man kann also auch zu viel trinken! Aha. An der Versorgungsstelle nahm ich einen Becher mit Wasser, trank in halb leer und goss den Rest über meinen Kopf. Gut, sehr gut!

Ich horchte dennoch in mich hinein, ob ich noch im Wohlfühltempo lief oder Mühe hatte, in der Gruppe mitzuhalten. Mal lief ich hinterher, mal vorweg, aber immer in einem Tempo, von dem ich dachte, es trägt mich bis ins Ziel. Doch dann kam der Hammer, bei Kilometer 13 nach einer längeren sonnigen Passage. Wir erreichten auf der zweite Runde erneut den Ortseingang von Südkirchen, da musste ich abreissen lassen. Auch die Partystimmung und die anfeuernden Rufe in der Siedlung brachten die verbrauchten Körner nicht zurück. Nach vorn wuchs der Abstand, meine Truppe geriet langsam aber sicher außer Sicht. in den Kurven der bange Blick, wann ich überholt werden würde.

Nicht nur ich hatte die Kilometer in den Beinen

So ging es wieder hinaus auf den Obsen, der Abstand nach hinten blieb zum Glück konstant. Aha, die andere hatten wohl auch schon 15 Kilometer in den Beinen! Unsere zwischenzeitliche Vierergruppe löste sich ganz auf, die beiden Frauen zogen vondannen, der Trinkexperte hatte sein Lauftempo aufgeben müssen und schritt in gemütlichem Spaziertempo Richtung Schlosspark. Nicht nur er, hier konnte ich einige einholen, die offenbar zu schnell ins Rennen gegangen waren. Ich lobte an dieser Stelle ganz ausdrücklich meine gute Selbsteinschätzung und gewann wohl wieder an Tempo.

Spätestens bei Kilometer 18 war das Ziel schon zu erschnuppern. So kenne ich mich, als Heimlaufgaul. Ist der Stall in Duftweite, fällt das Galoppieren wieder leicht.

Kilometer 19: “Ihr seid klasse! Bravo!”

Kilometer 20: “Super, jetzt ist es nicht mehr weit!”

Die Streckenposten in ihren roten T-Shirts verstanden es, auch die hinteren Läufer bis ins Ziel zu motivieren.

Die letzten 300 Meter im Stadion und im Ziel die größe Überraschung. Es waren seit dem Start keine 2 Stunden und 15 Minuten vergangen. Wahnsinn! Ich habe den Halbmarathon schneller absolviert als meine 123 Kilometer Trainingsrunden! Der Party in Südkirchen, der temporären Laufgemeinschaft, den Streckenposten sei’s gedankt!

Halbmarathon Nordkirchen
Stolz und im Ziel nach 2:14:29 h

Stolz und im Ziel

Gut, eine Spitzenzeit habe ich nicht erzielt. Von 138 Männern, die ins Ziel kamen, war ich der 125., von allen 184 im Ziel war ich der 161. Aber hey, ich habe durchgehalten, schneller als gedacht. Ich konnte stolz und
glücklich sein. War ich auch.

Der Schnellste lief die 21,0975 Kilometer in 1 Stunde und 10 Minuten, doch den meisten Respekt nötigte mir der Gewinner in der Altergruppe M85 ab, der nach weniger als zwei Stunden die Ziellinie erreichte. M85 bedeutet 85 Jahre oder älter, alle Achtung!

Selbst der befürchtete Muskelkater in den Beinen am nächsten Tag blieb aus. Ich erwischte mich seither häufiger dabei, wie ich die Laufkalender nach den nächsten Herausforderungen durchstöbere. Aber bis zum nächsten Marathon wird es noch dauern.

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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