Selmer Alltagsspuren – Trockenbach im Auenpark

Ein Wadi ist ein Tal oder Flusslauf, der häufig erst nach der winterlichen Schneeschmelze (…) oder nach starken oder länger anhaltenden Regenfällen vorübergehend Wasser führt. – Wikipedia

Neulich fuhr ich mit dem Fahrrad durch den Park. Aus dem Zentrum kommend, auf der langen Gereade mit Blick über die Auenlandschaft zur Kuppel. Ein Weg, den ich gerne fahre, denn der Auenpark ist aus dieser Perspektive am schönsten, finde ich. Von hier fange ich die ganze, noch junge Schönheit des Parks ein, mit seinem geschwungenen Bachlauf, der üppigen Flora aus Röhricht, Blumen und jungen Weiden, der bunten Kugel und dem Kirchturm von St. Ludgeri im Hintergfund. Gerne bleibe ich an der ersten Brücke hinter der Kurve stehen, denn dort sah ich häufig die Nutriafamilie an der Bachbiegung, manchmal nur als zwei kleine Fellknäuel im hohen Gras verschwinden. Und nun der Schock: die Biegung ist noch da, doch nicht mehr der Bach! Kein Tropfen Wasser! Nur Lehm und eine Rinne, wo der letzte Rest Bach in Richtung Bahndamm geflossen ist.

Dass es trocken war im Park, das sah ich bereits. Der Hang unterhalb der Kuppel und einige Rasenflächen im Park waren seit Wochen schon hellbraun anstelle des sonst üppigen Grüns. Der Bach weiter vorn im Park war schmal, die Reste an Wasser standen mehr, als dass sie flossen. Doch dass gleich der ganze Selmer Bach verschwinden würde, das traf mich unerwartet und hart. Ein trockenes Flussbett, in Mitteleuropa.

Selmer Bach ohne Wasser
Ein Wadi, wo eins der Selmer Bach floss - Trockenheit im Auenpark, August 2022

Die Tendenz ist deutlich

Ich neige wenig zum Alarmismus. Ich weiß, dass Wetter nicht gleichzusetzten ist mit Klima. Und doch wollte ich schreien: “Sieht das denn niemand, was haben wir getan?”

Denn ich neige auch nicht dazu, mich vor erschreckenden Tatsachen zu verstecken und zu sagen: “Ach, trockene Sommer gab es doch immer schon”. 

Es wird von Jahr zu Jahr deutlicher, dass die Trockenheit in unseren Breiten ein sichtbares Zeichen des Klimawandels ist. Zunehmend längere Hitzeperioden, trockenere Sommer bei gleizeitigem Starkregen über mehrere Jahre, das sind keine natürliche Schwankung, das ist eine eindeutige Tendenz.

Wo bleibt der Ruck, wo der Konsens?

Bei all den offensichtlichen Zeichen. Wo bleibt der große Ruck in der Gesellschaft? Weshalb gibt es noch immer keinen gesellschaftlichen, keinen weltweiten Konsens, dass alles, was nur möglich ist, getan werden muss, um die Klimakatastrophe abzuwenden?

Rückgängig können wir die Entwicklung nicht machen. Alles, was wir jetzt tun, hat erst in zehn, vielleicht zwanzig Jahren eine abfedernde Wirkung. Die große Innovation, die uns alle retten könnte, wird nicht kommen. Sie gibt es schon: Windenergie, Sonnenenergie und CO2-Ausstoß einsparen. Auch Elon Musk wird uns nicht alle mit auf den Mars nehmen können. Selbst, wenn wir das wollten.

Gerade jetzt, da die Auswirkungen unseres bisherigen Verhaltens so deutlich erkennbar werden, habe ich kein Verständnis für diejenigen, die ihre persönliche Freiheit vor das Wohl aller stellen. Wer jetzt noch sagt, “ich fahre so schnell ich will”, “ich lasse mir meinen Burger nicht verbieten”, “ich dusche jetzt extra lange und so richtig heiß” und gegen jedes neue Windrad protestiert, der hat den Ernst der Lage und die nötige Anzahl an einzelnen Maßnahmen dagegen nicht verstanden. Oder verwendet einen hohen Anteil seiner Energie darauf, sich einzureden, dass alles schon nicht so schlimm wird, dass der Einzelne ja eh nichts bewirken könne oder aber erst mal die Chinesn etwas tun sollten. Fatal ist: Psychologisch ist das durchaus verständlich, denn niemand möchte Schuld sein und Veränderung fällt schwer. Doch helfen tut es nicht.

Es wäre nicht unser Planet, den wir retten, wenn wir endlich ernsthaft tun, was wir seit Jahren hätten tun können. Unsere Erde wird sich ohne uns wieder erholen. Es geht jetzt darum, unseren Kindern und Enkelkindern einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Genau jetzt.

Dass es auch mal richtig viel Wasser in Selm geben kann, in Form von Regen in der Selmer Altstadt oder in der Funne, darüber haben wir im SELMagazin bereits geschrieben. Auch haben wir mal geschaut, welchen Weg das Wasser nimmt, das auf Selm regnet.

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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