Selmer Geschichten: Lebensmittel retten – Interview mit Foodsharing Selm

In Deutschland landen etwa 30 % der hergestellten Lebensmittel im Müll. Die inzwischen weltweite Initiative Foodsharing möchte das verhindern. Mehr als 1.000 Verteilerstationen, die “Fairteiler” genannt werden, stehen bereits in Deutschland. Dort werden die geretteten Lebensmittel verschenkt.

In Selm hat sich eine lokale Inititive gegründet. Unser Redakteur Oliver Hübner traf Nancy Czakay, Nadja Schlichting und Ewi Groß vor der Haus-Berge-Straße 25, dort steht der “Kleine Ritter”, der erste Selmer “Fairteiler”. Die Selmer Initiative tauscht sich über eine eigene Facebook-Gruppe aus.

 

Foodsharing Selm
Am "Fairteiler" in Selm: Ewi Groß, Nadja Schlichting und Nancy Czakay von der Initiative Foodsharing Selm

 

Ich habe zwei Dinge mitgebracht, die ich gerne spenden möchte, einen BVB-Schokoladen-Osterhasen und eine Dose mit vegetarischem Linseneintopf. Der ist bis 2025 haltbar. Darf ich das in den Spendenschrank stellen?

Ja, das darfst Du. Auch wenn es abgelaufen wäre. Solange es genießbar ist, darf es in den Schrank.

Aha, das geht auch? Dann stelle ich das jetzt in den Schrank. Prima. Auch die Schokolade? Nicht, dass die schmilzt!

Noch ist es nicht so heiß, bis 30° C geht das. Im Sommer müssen wir damit aufpassen, aber noch geht es.

Darf jeder bei Euch etwas spenden oder nur, wer auf der offiziellen Seite foodsharing.de registriert ist?

Jeder darf bei uns Lebensmittel spenden. Auch Privatleute, die hier in der Nähe wohnen. Jeder darf etwas in den Schrank legen und auch herausnehmen. Nur kein Alkohol und keine Energydrinks. Und bei uns auch keine Kühlware, da wir leider keinen Kühlschrank haben. Es gibt aber auch Fairteiler mit Kühlschrank.

 

Der wichtigste Punkt ist, dass wir Lebensmittel retten möchten.

 

Aha, eine solche Station heißt also Fairteiler! Lustig, ein schönes Wortspiel. Wie kann ich mir das Prinzip Foodsharing vorstellen?

Der wichtigste Punkt ist, dass wir Lebensmittel retten möchten. Wir möchten verhindern, dass sie im Müll landen. In Deutschland werden etwa 30 % der hergestellten Lebensmittel weggeworfen, das wollen wir vermeiden. Wir bekommen Lebensmittel von Privatleuten und von Händlern. Ware, deren Haltbarkeitsdatum bald abläuft oder Frischware, die man nicht verbrauchen kann. Bei den Händlern holen wir es ab und befüllen damit unseren Fairteiler-Schrank oder spenden es an die Tafel.

Und so ist eine große Bewegung entstanden, die es jetzt in ganz Deutschland gibt …

Nicht nur in Deutschland, weltweit. Sie wurde aber 2012 in Berlin ins Leben gerufen. In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 1.000 Fairteiler.

Wie ist die Idee nach Selm gekommen?

Über die Gruppe in Lünen. Dort gibt es einen sehr aktiven Bezirk, da haben wir uns zunächst angemeldet und Lebensmittel gespendet. Wir sind gerade dabei, einen eigenen Bezirk in Selm aufzubauen.

Was bedeutet Bezirk, wäre das ein eingetragener Verein?

Nein, nur eine Gruppe, die aber offiziell bei Foodsharing Deutschland angemeldet ist. Es gibt auch Gruppen, die ein Verein sind, wir wollen uns aber in erster Linie ums Lebensmittelretten kümmern. Ein Verein würde zu viel Administrationsarbeit erfordern.

 

Am Fairteiler Selm
Redakteur Oliver Hübner mit Spendennachweis - der Osterhase bleibt hier

Euer Einsatz bedeutet dann ein großes ehrenamtliches Engagement. Was ist Eure Motivation, Euch für Foodsharing einzusetzten?

Vor allem, dass die Lebensmittel gerettet werden. Zusätzlich hat es noch den Nebeneffekt, dass die Umwelt geschont wird, da bei der Produktion von Lebensmitteln ja CO2 entsteht. Auch der soziale Aspekt ist eine schöne Sache. Wir unterstützen Menschen, die sich weniger leisten können und geben auch Ware an die Tafel weiter. Aber das wichtigste ist, dass die Lebensmittel noch genutzt werden.

Wie ist der Ablauf? Ihr kamt gerade mit einer großen Ladung am Fairteiler an. Wer spendet die und wer holt die ab?

Wir haben eine Internetseite, dort können sich die Foodsaver eintragen. Zu den Händlern fahren wir zu zweit und holen die Ware ab. Wir sortieren aber auch aus, was wir nicht verwenden können. Es muss noch genießbar sein und Kühlware müssen wir anders verteilen, die spenden wir zum Beispiel an die Tafel. Wir haben aber auch feste
Partner, dort holen wir wöchentlich zu festen Terminen die Ware ab. Das steht meistens schon draußen für uns bereit.

Und wenn ich regelmäßig etwas an der Station abhole, dann weiß ich also auch, um welche Zeit der Schrank befüllt ist …

Genau. Samstags ab 13 Uhr beispielsweise ist der Schrank meistens gut gefüllt. Und es geht oft schnell, dass er wieder leer ist.

Heute hattet Ihr ein paar Flaschen von einer heiß begehrten Limonade, die Jugendliche gern mögen. Die sind jetzt innerhalb von einer Viertelstunde alle weg, das hat sich offenbar in der Siedlung schnell herumgesprochen!

Genau, das ist eine Marke, die iszt gerade sehr angesagt. Das mögen die Kids hier!

Wie häufig wird der Schrank pro Woche nachgefüllt?

Das ist unterschiedlich. Wir bekommen mehrmals wöchentlich Lebensmittel von Rewe aus Alstedde und Selm, zwei Mal pro Woche von der Bäckerei Langhammer aus Bork. Der Dorfladen in Cappenberg unregelmäßig,
die sagen uns immer, wenn sie etwas für uns haben. Edeka Humpert gibt auch regelmäßig Ware und der Ay Kiosk. Wir fragen auch bei Erzeugern nach. Es ist ja traurig, dass man jetzt hört, dass Erdbeerbauern ihre
Felder vor der Ernte umpflügen müssen. Wir wollten heute auch bei einem Gemüsehof anfragen, da war der Andrang aber sehr groß. So konnten wir nicht in Ruhe unser Prinzip erklären.

Ist es meist die gleiche Ware, die Ihr bekommt?

Viel Obst und Gemüse. Auch Brot. Und viel Kühlware, wie Joghurt und Milch. Aber auch mal eine ganze Ladung Gewürze.


Es ist toll, dass man neue Ideen bekommt. Hier nehme ich oft Gemüse mit, das ich bisher noch nicht kannte.

 

Habt Ihr euer eigenes Verhalten beobachtet? Werft ihr weniger Lebensmittel weg, seit ihr Euch bei Foodsharing engagiert?

Nadja Schlichting: Ja, aber ich habe auch vorher schon darauf geachtet, nicht so viel wegzuwerfen. Bevor es die Gruppe in Selm gab, habe ich viel nach Lünen gebracht zum Fairteiler. Und bei Foodsharing
bekommen wir viel Anregung, wie man selbst auch bewusster konsumieren kann. So wirft man mit der Zeit auch weniger weg.

Nancy Czakay: Es ist auch toll, dass man neue Ideen bekommt. Hier nehme ich oft Gemüse mit, das ich bisher noch nicht kannte. So bekommt man durch das Angebot auch neue Ideen, was man mal kochen
könnte. Letztlich hatten wir zum Beispiel das erste Mal Stielmus. Das hatte ich bis dahin noch nicht probiert.

Der Fairteiler wird beladen
Beim Beladen der Fairteiler-Station in der Haus-Berge-Straße

Und die Kreationen postet ihr dann in der Facebook-Gruppe, da gab es immer viel zu sehen, Radieschensalat zum Beispiel …

Genau. Heute gibt es uns lila Süßkartoffeln, wieder etwas Neues zum Ausprobieren. Das werden wir später auch posten.

 

Wie bekommen denn die Interessierten mit, welches Angebot gerade verfügbar ist.

Das teilen wir in unserer Facebook-Gruppe. Dort sind bisher 350 Mitglieder angemeldet. Und wir haben auch eine WhatsApp-Gruppe. Das bekommen alle schnell mit und es wird auch sofort abgeholt. Manchmal sogar innerhalb von 30 Minuten. Es gab schon Beschwerden, dass es zu schnell weg ist! Aber das ist ja schließlich der Zweck unserer Aktion. Auch andere Sachen kommunizieren wir über die Gruppe. Wenn Kühlware direkt verteilt werden muss oder kürzlich hatten wir von einer Feier Kuchen übrig. Das stellen wir nicht den Schrank, sondern bieten es in den Gruppen an.

Wie viele sind bei euch ehrenamtlich engagiert?

In Selm gibt es 20 Foodsaver. Das sind offiziell angemeldete Mitglieder, die auch einen Ausweis zum Abholen bekommen. Dafür muss man auf der Seite von Foodsharing Deutschland einen Test machen. Erst dann darf man auch Ware abholen. Es soll ja alles vertrauenswürdig sein.

Wenn man sich die Übersichtskarte der Stationen ansieht, dann gibt es Städte, die schon mehrere Schränke haben. Ist das für Selm auch erwünscht?

Ja, das versuchen wir, aber wir sind noch im Aufbau. Wir würden gern eine weiteren Standort finden, in der Altstadt zum Beispiel.

Welche Bedingungen muss ein neuer Standort erfüllen?

Es müsste jemand einen privaten Platz zur Verfügung stellen und jemand aus der Gruppe pflegt den Standort. Der wird alle zwei Tage kontrolliert und sauber gemacht. Das wird auch ganz ordentlich protokolliert. Bei gekühlten Standorten wird zudem regelmäßig die Temperatur gecheckt und aufgeschrieben.

Verstehe. Wenn man sich auf der Seite von foodsharing.de die Regularien für den Betrieb der Stationen ansieht, auch für das Abholen der Ware, das ist schon sehr ausführlich geregelt.

Ja, das muss auch sein, bei Lebensmitteln geht es um Hygiene. Das soll alles vertrauenswürdig sein. Bestimmte Standards müssen gewährleistet sein.

 

 

Auf dem Stadtfest (…)  haben wir einen Stand an der Langen Tafel. Das ist am 19. Juni auf der Kreisstraße in Selm.

 

Habt Ihr das Gefühl, dass Ihr in Selm viel erreicht?

Oh ja. Wir erreichen viele Menschen in Selm. Wir hatten schon einen Infostand, da haben sich viele informiert, was wir tun und waren von der Idee sehr begeistert. Auf dem Stadtfest präsentieren wir uns wieder, da haben wir einen Stand an der Langen Tafel. Da bekommen wir auch Schokolade und andere Trockenware, die wir anbieten können. Das ist am 19. Juni auf der Kreisstraße in Selm.

Bekommt Ihr Unterstützung für die Stände oder für das Infomaterial?

Das wird in der Regel aus der eigenen Tasche bezahlt. Wir sammeln selbst keine Spenden. Wir haben aber den Klimaschutzpreis der Stadt Selm bekommen und dadurch ein wenig Geld zur Verfügung. Bei Ständen und Aufstellern bekommen wir Unterstützung aus Lünen, die haben da inzwischen schon mehr Material.

Wie schnell wächst Foodsharing in Selm?

Derzeit wächst es sehr schnell. Daher hoffen wir auch, dass wir mehr Lebensmittel bekommen, die wir retten können. Oder auch einen zweiten Fairteiler. Auch in Bork haben wir uns schon nach einem passenden Standort umgesehen.

Was ist wichtig bei neuen Standorten?

Er sollte gut zugänglich sein, aber auch nicht an zu exponierten Stellen, da ist die Gefahr größer, dass ein Schrank auch mal mutwillig beschädigt wird.
 
Ist das schon passiert?
 
Bei uns zum Glück noch nicht. Wir hatten allerdings an Silvester schon mal eine Knaller im Schrank. Wir haben jetzt einen Schrank aus Metall, der ist schon sehr robust.

 

Heißt er „Kleiner Ritter“, weil er eine metallene Rüstung hat?

Nein, der hieß auch vorher schon so, da war es noch ein Kunststoffschrank. Jeder Standort hat einen festen Namen und unserer ist der Kleine Ritter.

Was ist Euer größter Wunsch? Was würde Euch am meisten helfen?

In erster Linie mehr Lebensmittel, von weiteren Händlern oder auch von privat. Aber natürlich auch einen nächster Standort. Wer interessiert ist, kann sich in unserer Facebook-Gruppe informieren. Über weitere aktive Foodsaver freuen wir uns natürlich ebenfalls.

Ganz viel Erfolg weiterhin! Wir hoffen, dass wir durch diesen Artikel dazu beitragen können!
 
Vielen Dank!

 

Inzwischen hatte sich bereits ein Gruppe um den Fairteiler versammelt und begutachtete die angebotene Ware. Ich suchte mir einen Apfel aus, die Schale war nicht mehr ganz glatt, aber er schmeckte noch gut und sehr saftig.

 

Oliver Hübner

Oliver Hübner - Autor, Blogger und Webgestalter aus Selm und Schwerin, geb. 1968 in Unna

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