Selmer Geschichten: Wenn das Fahrrad ein Laster wird …

"A Walk in the Park" - Trockenübung

Auf eine Reihe für besondere Beiträge freue ich mich so sehr, dass wir heute und hier schummeln werden: “A Walk in the Park” soll den Rahmen geben, eine Runde durch den Auenpark zu laufen und dabei miteinander zu reden. Das Ergebnis wäre dann jeweils ein Beitrag hier im Magazin, eventuell sogar mit Hörproben. Aber … Die Rahmenbedingungen sind bekannt. Also gehen wir schreibend spazieren.

Großen Dank an Sandra und Anja, dass sie hier “mitspielen”: “DANKE!”

Das Thema unseres Spaziergangs: “Lastenräder”

Noch sind beide Frauen eher Ausnahmeerscheinungen: Sie nutzen konsequent für Beruf und Alltag ihre Lastenräder. Unser Magazin bgeleitet Sandra Bäsler und Anja Paechnatz in Stichproben das Jahr hindurch. Die eine arbeitet in Waltrop, die andere in Lünen, sie leben in Selm und in Bork. Die beiden nutzen ihre Räder, um damit zur Arbeit zu fahren, ihre Kinder zu transportieren und machen viele Alltagsfahrten in Selm und Umgebung. Aber beginnen wir am Anfang.

Moin. Was unsere Leser bestimmt brennend interessiert:
“Wie seid ihr beide jeweils auf die Idee gekommen, euch ein Lastenrad anzuschaffen?

Sandra:

Ich habe in den letzten Monaten viel darüber nachgedacht, wie ich meinen CO2 Ausstoß reduzieren kann und trotzdem mobil bleibe. Da ich zwei Kinder transportieren muss und bei Ausflügen auch immer eine große Tasche dabei habe, brauchte ich viel Platz. Ich habe längere Zeit überlegt mir einen Fahrradanhänger zu kaufen, fühlte mich mit dem Gedanken aber nie richtig wohl. In der Nachbarschaft habe ich irgendwann mal so ein Lastenrad stehen sehen. Die Frau transportierte drei Kinder. Da war für mich klar, so eines willst du auch.

Anja:

Mein erster Arbeitsplatz war im Umweltreferat der Stadt Bocholt. Bocholt liegt direkt an der niederländischen Grenze und dort wird man mit der „fiets“ (Fahrrad) geboren. Das Fahrrad gehört dort zum alltäglichen Leben einfach dazu und es macht wirklich Spaß dort Fahrrad zu fahren. 
Ein Projekte während meiner Tätigkeit war es, zusammen mit einigen Partnern, ein freies Lastenrad für alle Bocholter:innen ins Leben zu rufen. In diesem Zuge habe ich zum ersten Mal auf einem Lastenrad gesessen und ich war sofort begeistert. Das Fahren macht unglaublich viel Spaß und die Transportmöglichkeiten sind der Wahnsinn. Zu dem Zeitpunkt war mir klar, wenn ich mal Kinder habe, dann bekommen wir so ein Rad.
Kurz nachdem unser Sohn geboren war, stand dann auch das Lastenrad in der Garage. Und ich freue mich jeden Tag darüber, wenn ich auf mein Rad steige! Was mir besonders gut gefällt ist, dass ich meinen Sohn jederzeit sehe und auch die ganze Zeit mit ihm reden kann. Das ist bei einem Kindersitz auf dem Gepäckträger oder einem Fahrradanhänger nicht der Fall. So erleben wir die Fahrten zusammen ganz anders und ich bin immer wieder erstaunt, was ihm alles während der Fahrt für Dinge in der Umgebung auffallen.

Ihr beiden fahrt unterschiedliche Räder. Könnt ihr dazu kurz etwas sagen?

Sandra:

Ich fahre ein Troy mit elektrischer Unterstützung. Das Rad hat drei Räder, eine große Holzbox in der ich theoretisch vier Kinder transportieren kann. Da mein jüngstes Kind noch in einem speziellen Sitz sitzt, passen aktuell nur zwei Kinder rein.
Mein Rad ist relativ schwer und breit und hat keine Neigetechnik, deshalb bin ich beim Anfahren recht langsam, habe einen großen Wendekreis und muss vorausschauend fahren. Das bedeutet, dass ich nicht mal eben einen Bordstein hoch oder runterfahren kann. Ist die Neigung der Straße zu Steil oder bin ich zu schnell, kann ich mit dem Rad durchaus auch umkippen.

Anja:

Ich habe ein einspuriges Rad, einen sogenannten „Long John“. Das Lastenrad hat nur zwei Räder, und ist ähnlich einem normalen Rad zu fahren, nur deutlich länger. Dadurch ist der Wendekreis auch deutlich größer. Aber durch die zwei Räder bin ich ziemlich flexibel was enge Stellen, Umlaufsperren etc. angeht. Außerdem ist es wendiger als ein dreirädiges Modell. Dafür ist meine Holzbox nicht so groß. Auf die Bank passen zwei Kinder und man könnte theoretisch noch eine weitere Bank nachrüsten. Allerdings passen dann wirklich nur sehr kleine Kinder in das Rad.

Und wofür nutzt ihr die Räder?

Sandra:

Für alles Mögliche (lacht). Fahrten zur Arbeit, Kindertransport. Ich habe aber auch unseren Tannenbaum damit geholt.

Anja:

Oh ja, ich habe auch schon so einiges damit transportiert! Mein Highlight war als ich ganz viele Geschenke, hauptsächlich Blumen, von einer Abschiedsfeier mitgenommen habe. Ich habe aber auch schon eine Schubkarre, einen Kinderwagen und etliche andere Dinge damit transportiert. 
Hauptsächlich nutze ich es aber für den Transport von meinem Sohn, zum Einkaufen und für die Fahrt zur Arbeit.

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Nun ist es ja doch recht nass und kalt. Fahrt ihr trotzdem mit den Rädern?

Sandra:

Jein. Wenn es stark regnet fahre nicht mit dem Rad zur Arbeit. Das hat in dem Moment einfach zu viele Nachteile. Ansonsten bin ich bisher schon bei jedem Wetter gefahren. Spaß macht es dann nicht unbedingt. Wobei gute Funktionskleidung aber auch sehr wichtig ist.

Anja:

Eigentlich fahre ich bei jedem Wetter, außer wenn es glatt ist oder Schnee liegt. Gute Kleidung ist da wirklich wichtig. Seit April letzten Jahres arbeite ich in Lünen und kann nun endlich auch mit dem Rad zur Arbeit fahren – ein Traum, ich kann es nur jedem empfehlen! Dafür habe ich mir dann eine gute wasserdichte 3-in-1-Jacke zugelegt. Damit bin ich jetzt gut für so ziemlich jede Wetterlage gerüstet. Darüber hinaus liegt eine Regenhose immer bei mir im Rad und die habe ich auch schon oft genutzt. Zu Weihnachten gab es einen Helm mit Visier, der ist bei Regen unschlagbar.
Nun bin ich wieder schwanger und das ändert die Situation dann doch. Ich fahre mittlerweile nicht mehr bei Regen und starkem Wind. Das ist mir dann einfach zu gefährlich.

Anja, du kommst aus Bork. Wie erlebst du die Verkehrssituation für Radfahrer dort?

Anja

Bork ist für Radfahrer:innnen eigentlich perfekt geeignet; kurze Wege und ziemlich flach. So macht das Alltagsradeln Spaß. Die Fahrradstraße an der Waltroperstraße ist ein wichtiger Schritt und ein deutliches Zeichen in die richtige Richtung für mehr Radverkehr. Auch die Verbindungen in die Nachbarstädte- und Orte haben zumindest einen Radweg. Die meisten lassen sich auch gut fahren.
In Bork selbst ist es so, dass ich hauptsächlich auf der Straße mit dem Autoverkehr fahre, da es in den Wohngebieten (30er-Zone) keine Radwege gibt. Dort ist es auch kein Problem. Im Ortskern bin ich aber dann doch häufig verwundert, dass ich in der 20er-Zone ohne ausreichenden Sicherheitsabstand überholt werde, obwohl ich selbst gute 20 km/h fahre. Und dann gibt es da noch den Kreisverkehr an der B 236, am neuen Lidl und Rossmann. Der war ja auch schon einige Male in der Presse, da die aktuelle Situation von sehr vielen als gefährlich wahrgenommen wird. Da er offiziell außerorts liegt, gibt es dort weder Fahrradfurt noch Zebrastreifen und das Überqueren wird jedes Mal zur Überraschung.
Mit meinem Lastenrad fahre ich mit dem Autoverkehr auf der Straße und fühle mich so deutlich sicherer. Auf die Mittelinseln passe ich nur knapp bzw. nicht ganz drauf und das ist mir einfach zu gefährlich.
Wenn ich aber mit meinem Sohn unterwegs bin, der mittlerweile selbst Fahrrad fährt, sind wir natürlich auf den Geh- und Radwegen unterwegs und queren den Kreisverkehr über die Inseln. Dort haben wir auch schon alles erlebt. Viele Autofahrer:innen halten an und lassen uns rüber. Jedes Mal frage ich mich dann, ob das so richtig ist, wie ich es meinem Kind beibringe. Er lernt so, dass die Autos halten und er gehen kann. Darauf verlassen kann er sich aber nicht. Es gibt auch genügen Autofahrer die mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit durch den Kreisverkehr fahren. Richtigerweise müssten wir jedes Mal, wenn uns jemand dort vorbei lässt nicht gehen und warten bis wirklich frei ist. Das würde dann aber bei der stark befahrenen Straße mitunter eine ganze Weile dauern. Bisher ist dort noch kein schwerer Unfall passiert und der Handlungsbedarf wird noch nicht als so hoch eingeschätzt. Aber darauf zu warten, dass etwas passiert finde ich auch nicht richtig. Viele Borker:innen passieren den Kreisverkehr dort tagtäglich, da dies eine wichtige Verbindung ist. Darunter sind auch viele Kinder auf dem Weg zur Schule / Kita und auch viele Senior:innen, die ihren Einkauf im Lidl oder bei Rossmann erledigen. Insbesondere für diese Gruppen ist der Kreisverkehr Tag für Tag eine neue Wundertüte.

Sandra, du wohnst in Selm. Sieht es dort ähnlich aus?

Sandra:

In Selm gibt es viele Radwege und auch eine Fahrradstraße, Kreisverkehre sind gut gekennzeichnet und man merkt, das bei den Baumaßnahmen in den letzten Jahren auch an die Radfahrer gedacht wurde. An einigen Stellen ist es noch recht schwierig und bedarf der Nachbesserung in Form von Querungshilfen, besserer Kennzeichnung oder zum Beispiel bessere Sichtverhältnisse. Aber man merkt als Radfahrer auch hier, das man bei einer verengten Fahrbahn sehr gut aufpassen muss. Viele Autofahrer halten nicht den gesetzlich neu geregelten Abstand beim Überholen, geben nochmal schnell Gas um vor einem an einem Engpass vorbei zu kommen oder nehmen einem die Vorfahrt. 
Sehr schön fand ich dazu die Broschüre, die die Stadt herausgegeben hat.

Wenn nun einer unserer Leser Interesse daran, hat auch auf das Rad umzusteigen, könnt ihr dann ein paar Tipps geben, was für den Kauf wichtig ist?

Anja:

Ich finde, dass gute Bremsen unglaublich wichtig sind. Das war für mich auch ein ausschlaggebendes Kriterium beim Kauf. Das Rad bringt ein hohes Eigengewicht mit und je nach Zuladung kommt viel Masse in Bewegung. Diese muss aber im Zweifel auch schnell stehen, daher sind gute Bremsen unverzichtbar. 
Weiterhin war mir eine elektrische Unterstützung sehr wichtig. Klar geht es auch ohne, aber das Rad wiegt seine guten 35 kg und je nach Zuladung (ich darf 80 kg) wird es dann schon mehr als schweißtreibend ohne Unterstützung zu fahren. Mir war es wichtig, dass mir das Fahren Spaß macht und ich das Rad auch wirklich intensiv nutze. Ohne Unterstützung wäre ich sicher bei Wind und Wetter nicht so oft gefahren, da es dann einfach nur ungeheuer anstrengend ist. Im letzten Jahr bin ich so gute 3.500 Kilometer geradelt. Alles Strecken, die ich sonst mit dem Auto zurückgelegt hätte. Jede:r muss für sich selbst überlegen, wofür das Rad gebraucht wird und was da am praktischsten ist. Wie viele Plätze brauche ich in der Box? Ist es mir wichtig schnell und wendig unterwegs zu sein oder lieber ein Rad mit drei Rädern, das beim stehen nicht umkippt? Und dann heißt es Probe fahren! Ob einspurig oder zweispurig macht einen riesen Unterschied beim Fahren. Und natürlich spielt auch der Geldbeutel eine entscheidende Rolle. Bei den Rädern merkt man deutliche Qualitätsunterschiede, kann aber auch wirklich viel Geld dafür ausgeben. Wir haben uns für ein Modell entschieden, das preislich im unteren Mittelfeld liegt und sind damit wirklich super zufrieden. Wenn man dann aber mal ein Modell aus dem oberen Preissegment fährt, merkt man die Unterscheide schon ... Wäre allerdings auch verwunderlich, wenn nicht (lacht).

Sandra:

Genau, man muss sich gut überlegen, was man braucht. Bei dem Transport von Kindern gibt es tausend und eine Möglichkeit, wie sie sitzen und angeschnallt sind. Aber auch für den Transport von großen und kleinen Hunden hat man eine große Auswahl. Das notwendige "Zubehör" ist aber auch für Leute, die weder Hunde noch Kinder transportieren, interessant. Man kann solche Boxen auch mit Deckel kaufen und diesen abschließen. So kann man einkaufen gehen und seine Einkäufe - wie in einem Kofferraum - verstauen und in den nächsten Laden gehen.
Mir hat das Stöbern in einer Facebookgruppe dazu sehr geholfen.
Grundsätzlich sollte man so ein Rad probefahren, wenn es eben geht. Der ADFC Selm hat ein Rad, das man leihen und dann fahren kann. Aber auch Fahrradhändler in der näheren Umgebung haben mittlerweile verschiedene Räder für Probefahrten im Laden. 
Wichtig ist aber auch, das so ein Fahrrad gewartet werden muss. Wenn man selber handwerklich begabt ist und Dinge nachbessern oder umbauen will, kann man mit so einem Rad schon tolle Dinge anstellen. 
Wenn man aber darauf angewiesen ist, dass das Rad gewartet wird, sollte man sich der zusätzlichen Kosten bewusst sein, die dabei regelmäßig anfallen. Auch führt nicht jeder Händler / jede Werkstatt Reparaturen durch. Hier in Selm führt zum Beispiel Zweiradservice Nückel die Wartung durch. 
Auch die Preisfrage wird für viele interessant sein. Es gab und gibt immer mal wieder Fördertöpfe vom Land oder Bund und aktuell tut sich für Angestellte in vielen Sparten auch etwas, so das man ein Fahrrad oder einen Anhänger über den Arbeitgeber leasen oder kaufen kann.

Jesaja Michael Wiegard

Geborener Sauerländer, kerngebildet als Theologe, jetzt Bildungswerker und Ressourcenbeschaffer, suchend und fragend, unterwegs seit 1967, zwischen Christentum und Sozialismus nach Gerechtigkeit suchend

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